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DANTONS TOD
Eine Oper in zwei Teilen (sechs Bildern)
frei nach Georg Büchner von
GOTTFRIED EINEM
Text eingerichtet von
Boris Blaeher und Gottfried Einem
„Ich studierte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte
mich wie zernichtet, unter dem gräßlichen Fatalismus
der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine
entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhält-
nissen eine unabwendbare Gewalt, allen und keinem
verliehen. Der einzelne nur Schaum auf der Welle,
die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies
ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein
ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu
beherrschen unmöglich. Es fällt mir nicht mehr ein,
vor den Paradegäulen und Eckstehern der Geschichte
mich zu bücken. Ich gewöhnte mein Auge ans Blut.
Aber ich bin kein Guillotinenmesser. Das Muß ist eins
von den Verdammungsmorten, womit der Mensch ge-
tauft worden. Der Ausspruch : es muß ja Ärgernis
kommen, aber wehe dem, durch den es kommt - ist
schauderhaft. Was ist das, was in uns lügt, stiehlt,
mordet ?"
Georg Büchner (1834)
PERSONEN
GEORG DANTON, Bariton
CAMILLE DESMOULINS,
Tenor
HERAULT DE SECHELLES,
Tenor, Mitglieder des Wohl fahrtsausschusses
ROBESPIERRE,
Tenor
ST. JUST,
Baß
HERRMANN,
Bariton,
Präsident des Revolutions-tribunals
SIMON, Souffleur,
Baßbuffo
EIN JÜNGER
MENSCH, Tenor
ERSTER HENKER,
Tenor
ZWEITER HENKER,
Baß
JULIE, Gattin Dantons,
Mezzosopran
LUCILE, Gattin des Camille Desmouline,
Sopran
EINE DAME,
Sopran
EIN WEIB, die Frau Simone,
Alt
Männer und Weiber aus dem Volke
Paris 1794
Erster Teil
Zweiter Teil
Erster Teil
I. Bild
Nach einer Einleitung hebt sich der
Vorhang. Ein
Zimmer. Herault de Séchelles, einige Damen
(am Spiel-
tisch). Danton, Julie, seine Gattin (etwas
weiter weg,
Danton auf einem Schemel zu den Füßen
Juliens).
Nr. 1
DANTON
Sieh die hübsche Dame, wie artig sie die
Karten dreht! Ja, wahrhaftig, sie versteht's,
man
sagt, sie halte ihrem Manne das Coeur hin und
den
anderen Leuten das Carreau. - Ihr könnt einen
noch in die Lüge verliebt machen.
JULIE
Glaubst Du an mich?
DANTON
Was weiß ich! Wir wissen wenig von einander.
JULIE
Du kennst mich, Danton.
DANTON
Ja, was man so kennen heißt. Du hast dunkle
Augen und lockiges Haar und einen feinen
Teint
und sagst immer zu mir: lieber Georg! Aber da
(er deutet ihr auf Stirn und
Augen), da, was liegt
hinter dem? Geh, wir haben grobe Sinne.
Einander
kennen? Wir müßten uns die Schädeldecken auf.
brechen und die Gedanken einander aus den Ge-
hirnfasern zerren ..... Nein, Julie, ich
liebe Dich
wie das Grab.
JULIE
(sich abwendend)
Oh!
DANTON
Die Leute sagen, im Grabe sei Ruhe und Grab
und Ruhe seien eins. Wenn das ist, lieg' ich in
Deinem Schoß schon unter der Erde. Du süßes Grab,
Deine Lippen sind Totenglocken. Deine Stimme ist
mein Grabgeläute, Deine Brust mein Grabhügel und
Dein Herz mein Sarg.
Gleichzeitig:
EINE DAME
(zu Herault)
Was haben Sie nur mit Ihren Fingern vor?
HERAULT
Nichts.
EINE DAME
Schlagen Sie den Daumen nicht so ein, es
ist nicht zum Ansehen!
HERAULT
Sehn Sie nur, das Ding hat eine eigne
Physiognomie. -
EINE DAME
Verloren!
HERAULT
Das war ein verliebtes Abenteuer, es kostet
Geld wie alle anderen.
EINE DAME
Dann haben Sie Ihre Liebeserklärungen,
wie ein Taubstummer, mit den Fingern gemacht.
HERAULT
Ei, warum nicht? Man will sogar behaupten,
die würden am leichtesten verstanden. - Ich zettelte
eine Liebschaft mit einer Kartenkönigin an; meine
Finger waren in Spinnen verwandelte Prinzen, Sie,
Madame, waren die Fee; aber es ging schlecht, die
Dame lag immer in den Wochen, jeden Augenblick
bekam sie einen Buben. Ich würde meine Tochter
dergleichen nicht spielen lassen, die Damen und
Herren fallen so seltsam durcheinander und die
Buben kommen gleich hintennach.
Nr. 2
HERAULT
(zum auftretenden Camille
Desmoulins)
Camille, welch trübe Augen! Hast Du Dir ein Loch
in die rote Mütze gerissen? Hat es während des
Guillotinierens geregnet?
CAMILLE
Heut' sind wieder zwanzig Opfer gefallen. Wir
waren im Irrtume, man hat die Hebertisten nur aufs
Schafott geschickt, weil sie nicht systematisch genug
verfuhren, vielleicht auch, weil die Decemvirn sich
verloren glaubten, wenn es nur eine Woche Männer
gegeben hätte, die man mehr fürchtete als sie selber.
HERAULT
Sie möchten uns zu Antediluvianern machen.
St. Just säh' es nicht ungern, wenn wir wieder auf
allen Vieren kröchen, damit uns der Advokat von
Arras nach der Mechanik des Genfer Uhrmachers
Fallhütchen, Schulbänke und einen Herrgott erfände.
Die Revolution ist in das Stadium der Reorganisation
gelangt. Die Revolution muß aufhören und die Re-
publik muß anfangen.
CAMILLE
Die Staatsfarm muß ein durchsichtiges Ge-
wand sein, das sich dicht an den Leib des Volkes
schmiegt. Wir werden den Leuten, welche über die
nackten Schultern der allerliebsten Sünderin Frank-
reich den Nonnenschleier werfen wollen, auf die
Finger schlagen. Wir wollen nackte Götter, Bacchan-
tinnen, olympische Spiele und melodische Lippen;
ach, die gliederlösende, böse Liebe! Der göttliche
Epikur und Venus müssen statt der Heiligen Marat
und Chalier die Türsteher der Republik werden. -
Danton! Du wirst den Angriff im Convent machen!
DANTON
Ich werde, du wirst, er wird. Wenn wir bis
dahin noch leben! sagen die alten Weiber. Nach einer
Stunde werden sechzig Minuten verflossen
sein.
Nicht wahr, mein Junge?
CAMILLE
Was soll das hier? Das versteht sich von selbst.
DANTON
Oh, oh, es versteht sich alles von
selbst. Wer
soll denn aber alle die schönen Dinge ins
Werk
setzen ?
HERAULT
Wir und die ehrlichen Leute.
DANTON
Das „Und" dazwischen ist ein langes Wort.
Es hält uns ein wenig weit auseinander. Die
Strecke
ist lang, die Ehrlichkeit verliert den Atem,
eh wir
zusammenkommen.
CAMILLE
Wenn Du das weißt, warum hast Du den
Kampf begonnen?
DANTON
Die Leute waren mir zuwider. Ich konnte der-
gleichen gespreizte Catone nie ansehn, ohne
ihnen
einen Tritt zu geben
(er erhebt sich).
JULIE
Du gehst?
DANTON
(zu Julie)
Ich muß fort, sie reiben mich mit
ihrer Politik noch auf.
(Im Hinausgehen)
Zwischen
Tür und Angel will ich euch prophezeien: die
Statue
der Freiheit ist noch nicht gegossen, der
Ofen glüht,
wir alle können uns die Finger dabei
verbrennen.
(Ab.)
II. Bild
Eine Gasse.
Souffleur Simon, sein Weib, Chor. Später Robespierre,
Danton, St. Just.
Nr. 3
SIMON
(ist betrunken, schlägt das
Weib)
Du Kuppelpelz! Du runzlige
Sublimatpille! Du
wurmstichiger Sündenapfel! Du . . . . .!
WEIB
Zu Hülfe, Hülfe!
(Es kommen Leute gelaufen)
CHOR
Reißt sie auseinander, reißt sie
auseinander! Auseinander!
SIMON
Nein, laßt mich, Römer! Zerschellen will ich
dies Geripp! Du Vestalin!
WEIB
Ich eine Vestalin! Das will ich sehen, ich!
SIMON
So reiß ich von den Schultern Dein
Gewand,
nackt in die Sonne schleud'r ich dann Dein
Aas.
In jeder Runzel Deines Leibes nistet Unzucht.
(Sie werden getrennt.)
CHOR
Was gibt's denn?
WEIB
Seht ihr: ich saß da so auf dem Stein in der Sonne
und wärmte mich, seht ihr - denn wir haben
kein
Holz, seht ihr -
MÄNNER
So nimm Deines Mannes Nase!
WEIB
Und meine Tochter war da hinuntergegangen um
die Ecke - sie ist ein braves Mädchen und
ernährt
ihre Eltern.
SIMON
Ha, sie bekennt!
WEIB
Du Judas, hättest Du ein
paar Hosen anzuzieh'n,
wenn die jungen Herrn nicht gegen sie - artig
wären?
SIMON
Ha, Lucretia! Ein Messer, ein Messer! Gebt mir
ein Messer, Römer! Ha, Appius Claudius!
MÄNNER
Ja, ein Messer!
WEIBER
Aber nicht für das arme Kind!
MÄNNER
Ein Messer für die Leute, die das Fleisch
uns'rer Weiber und Töchter kaufen!
WEIBER
Sie haben kein Blut in den Adern, als was sie
uns ausgesaugt haben.
MÄNNER
Totgeschlagen, wer schreiben und lesen kann!
CHOR
Totgeschlagen, wer auswärts geht!
Totschlagen, totschlagen!
(Einige schleppen einen jungen Menschen herbei.)
MÄNNER
Er hat ein Schnupftuch!
WEIBER
Ein Aristokrat! An die Laterne!
MÄNNER
An die Laterne!
WEIBER
Was, er schneuzt sich die Nase nicht mit den
Fingern? An die Laterne!
(Eine Laterne wird heruntergelassen.)
CHOR
Ein Aristokrat! An die Laterne!
JÜNGER MENSCH
Ach, meine Herrn!
CHOR
Es gibt hier keine Herrn! An die Laterne!
EINIGE MÄNNER
Die da liegen in der Erden,
Von den Würm gefressen werden;
ALLE MÄNNER
Besser hangen in der Luft,
Als verfaulen in der Gruft!
JÜNGER MENSCH
Erbarmen!
WEIBER
Nur ein Spielen mit einer Hanflocke um den
Hals!
CHOR
An die Laterne! An die Laterne! An die Laterne!
JÜNGER MENSCH
Meinetwegen, ihr werdet deshalb
nicht heller sehen.
CHOR
Bravo! Bravo! Bravo!
WEIBER
Laßt ihn laufen!
(Er entwischt.)
Nr. 4
Robespierre tritt auf, begleitet von Weibern und Ohnehosen.
ROBESPIERRE
Was gibt's da, Bürger?
MÄNNER
Was soll es geben? Die paar Tropfen Bluts
vom August und September haben dem Volk die
Backen nicht rot gemacht.
WEIBER
Die Guillotine ist zu langsam. He, totge
schlagen, wer kein Loch im Rocke hat!
CHOR
Totschlagen, totschlagen!
ROBESPIERRE
Im Namen des Gesetzes!
MÄNNER
Was ist das Gesetz?
ROBESPIERRE
Der Wille des Volkes.
MÄNNER
Wir sind das Volk, und wir wollen, daß kein
Gesetz sei! Hört den Aristides!
WEIBER
Hört den Messias, der gesandt ist, zu wählen
und zu richten.
ROBESPIERRE
Armes, tugendhaftes Volk! Du tust deine
Pflicht, du opferst deine Feinde. Volk! Du bist
groß! Du offenbarst dich unter Blitzstrahl und
Donnerschlägen. Aber, Volk, deine Streiche dürfen
deinen eignen Leib nicht verwunden; du mordest
dich selbst in deinem Grimm. Du kannst nur durch
deine eigne Kraft fallen, das wissen deine Feinde.
Deine Gesetzgeber wachen, ihre Augen sind untrüg-
bar, deine Hände sind unentrinnbar.
(Danton ist unbemerkt aufgetreten und
schaut allem zu.)
Kommt mit zu den Jakobinern! Eure Brüder werden euch
ihre Arme öffnen! Wir werden ein Blutgericht halten
über unsere Feinde!
CHOR
Hoch! Robespierre! Hoch! Zu den Jakobinern!
Es lebe Robespierre! Hoch! Zu den Jakobinern!
(Alle ab bis auf Robespierre und Danton.)
Nr. 5
Danton tritt auf Robespierre zu.
DANTON
Robespierre, Du bist empörend rechtschaffen.
Ich würde mich schämen, dreißig Jahre lang mit der
nämlichen Moralphysiognomie zwischen Himmel und
Erde herumzulaufen bloß um des elenden Vergnügens
willen, andere schlechter zu finden als mich.
- Ist denn nichts in Dir, was Dir manchmal ganz
leise, heimlich sagt: Du lügst? Du lügst!
ROBESPIERRE
Mein Gewissen ist rein.
DANTON
Bist Du der Polizeisoldat des Himmels? Und
kannst Du das Leben nicht ebenso gut mitansehen als
Dein lieber Herrgott, so halte Dir Dein Schnupftuch
vor die Augen!
ROBESPIERRE
Du leugnest die Tugend?
DANTON
Und das Laster! Es gibt nur Epikuräer, und
zwar große und feine, Christus war der feinste; das
ist der einzige Unterschied, den ich zwischen den
Menschen herausbringen kann. - Nicht wahr, Un
bestechlicher, es ist grausam, Dir die Absätze so von
den Schuhen zu treten?
(Ab.)
ROBESPIERRE
Geh nur! Er will die Rosse der Revolution
am Zügel halten, wie ein Kutscher seine
dressierten Gäule; sie werden Kraft genug haben, ihn
zum Revolutionsplatz zu schleifen. - Mir dieAbsätze
von den Schuhen treten! Er muß weg!
Nr. 6
St. Just tritt auf.
ROBESPIERRE
He, wer da im Finstern?
ST. JUST
Kennst Du meine Stimme?
ROBESPIERRE
Ach Du, St. Just! Eben ging Danton weg.
ST. JUST
Ich traf ihn unterwegs im Palais Royal. Er
machte seine revolutionäre Stirn und sprach in
Epigrammen; er duzte sich mit den Ohnehosen, die
Grisetten liefen hinter seine Waden drein, und die
Leute blieben stehn und zischelten sich in die Ohren,
was er gesagt hatte. - Willst Du noch länger zaudern?
ROBESPIERRE
Was wollt ihr tun?
ST. JUST
Wir müssen ihn in seiner Waffenrüstung beisetzen
und seine Pferde und Sklaven auf seinem
Grabhügel schlachten: Lacroix?
ROBESPIERRE
Ein ausgemachter Spitzbube!
ST. JUST
Herault de Seehelles?
ROBESPIERRE
Ein schöner Kopf!
ST. JUST
Er wird ausgewischt! - Philippeau, Camille?
ROBESPIERRE
Auch der?
ST. JUST
(überreicht ihm ein Papier)
Das dacht ich. Da lies!
ROBESPIERRE
(liest laut)
„Dieser Blutmessias Robespierre auf seinem Kalva-
rienberge zwischen den beiden Schächern Couthon
und Collot, auf dem er opfert und nicht geopfert
wird. Sollte man glauben, daß der saubere Frack des
Messias das Leichenhemd Frankreichs ist, und daß
seine dünnen, auf der Tribüne herumzuckenden
Finger Guillotinenmesser sind?" Also auch Du,
Camille? - Weg mit ihnen! Rasch! Nur die Toten
kommen nicht wieder. Hast Du die Anklage bereit?
ST. JUST
Ich brauche nur durchzuführen; die Fälscher
geben das Ei und die Fremden den Apfel ab. - Sie
sterben an der Mahlzeit, ich gebe Dir mein
Wort.
ROBESPIERRE
Dann rasch, morgen! Keinen langen
Todeskampf! Ich bin empfindlich seit einigen Tagen.
(St. Just geht ab.)
Mein Camille! - Sie gehen alle von mir -
es ist alles wüst und leer - ich bin allein.
III. Bild
Ein Zimmer.
Danton. Camille. Lucile.
Nr. 7
CAMILLE
Ich sage Euch, wenn sie nicht alles, alles in
hölzernen Kopien bekommen, verzettelt in Theatern,
Konzerten und Kunstausstellungen, so haben sie
weder Augen noch Ohren dafür. Fiedelt einer eine
Oper, welche das Schweben und Senken im mensch-
lichen Leben wiedergibt, wie eine Tonpfeife mit
Wasser die Nachtigall -, die Kunst! Setzt die Leute
aus dem Theater auf die Gasse: die erbärmliche
Wirklichkeit! - Sie vergessen ihren Herrgott über
seinen schlechten Kopisten! Von der Schöpfung, die
glühend, brausend und leuchtend in ihnen sich jeden
Augenblick neu gebiert, hören und sehen sie nichts.
DANTON
Und die Künstler! Die Künstler gehen mit der
Natur um wie David, der im September die Ge-
mordeten kaltblütig zeichnete und sagte: ich er-
hasche die letzten Zuckungen des Lebens in diesen
Bösewichtern.
(Danton wird hinausgerufen.)
CAMILLE
Was sagst Du, Lucile?
LUCILE
Nichts, ich sehe Dich so gern sprechen.
CAMILLE
Hörst Du mich auch?
LUCILE
Ei, freilich!
CAMILLE
Hab ich recht? Weißt Du auch, was ich gesagt habe?
LUCILE
Nein, wahrhaftig nicht.
CAMILLE
(zum zurückkehrenden Danton)
Was hast Du?
DANTON
Der Wohlfahrtsausschuß hat meine
Verhaftung
beschlossen.
LUCILE
Oh Gott!
CAMILLE
Das ist nicht möglich!
DANTON
Man hat mir einen Zufluchtsort angeboten. Sie
wollen meinen Kopf! Meinetwegen! Ich bin der
Hudeleien überdrüssig. Mögen sie ihn nehmen.
Was
liegt daran?! Ich werde mit Mut zu sterben
wissen;
das ist leichter als zu leben.
CAMILLE
Danton, noch ist es Zeit!
DANTON
Unmöglich - aber, ich hätte nicht gedacht .
CAMILLE
Deine Trägheit!
DANTON
Ich bin nicht träge, aber müde; meine Sohlen
brennen mich. (Er erhebt sich zum Gehen.)
CAMILLE
Wo gehst Du hin?
DANTON
Ja, wer das wüßte !
CAMILLE
Im Ernst, wohin?
DANTON
Spazieren, mein Junge, spazieren.
(Ab.)
Nr. 8
LUCILE
Ach, Camille !
CAMILLE
Sei ruhig, lieb Kind!
LUCILE
Wenn ich denke, daß sie dies Haupt
-! Mein
Camille, das ist Narrheit, gelt, ich bin
wahnsinnig?
CAMILLE
Du kannst ruhig sein. Gestern sprach ich mit
Robespierre. Er war freundlich. Wir sind ein
wenig
gespannt, das ist wahr; verschiedene
Ansichten, sonst
nichts!
LUCILE
Such ihn auf!
CAMILLE
Wir saßen auf einer Schulbank. Er war immer
finster. Ich allein suchte ihn auf und machte
ihn
zuweilen lachen. Er hat mir immer große
Anhäng
lichkeit gezeigt. Ich gehe.
LUCILE
So schnell, mein Freund? Geh! Komm! Nur das
(sie küßt ihn)
und das!
(Sie küßt ihn wieder.)
Geh! Geh!
(Camille ab.)
Nr. 9
LUCILE
(allein)
Das ist eine böse Zeit. Es geht einmal
so. Wer kann da drüber hinaus? Man muß sich
fassen..... Ach .....
Ach Scheiden, ach Scheiden, ach Scheiden ....
Wer hat sich das Scheiden erdacht .....
Wie kommt mir gerade das in den Kopf? Das ist
nicht gut, daß es den Weg so von selbst
findet. -
Wie er so hinaus ist, war mir's, als könnte
er nicht
mehr umkehren und müsse immer weiter weg von
mir, immer weiter .... Wie das Zimmer so leer
ist:
die Fenster stehen offen, als hätte ein Toter
darin
gelegen. Ich halt es da oben nicht aus.
(Ab.)
Zweiter
Teil
Erster Teil
Zweiter Teil
IV. Bild
Der Vorhang öffnet
sich vor Beginn der Musik. Geteilte
Bühne. Vorne Innenraum des Gefängnisses,
hinten Platz
vor der
Conciergerie.
Der Innenraüm des Gefängnisses
liegt zuerst noch im Dunkeln. Auf dem Platze
Simon,
das Volk (Chor), später Lucile, im
Gefängnis
Danton,
Camille,
Gefangene
(Chor).
Nr. 10
CHOR
Danton! Danton! Danton!
Nieder! Nieder mit den Decemvirn! Heil Danton!
Heil Danton!
MÄNNER
Die Guillotine ist eine schlechte Mühle und
Samson ist ein schlechter Bäckerknecht; wir
wollen
Brot! Wir wollen Brot!
WEIBER
Ja, das ist wahr, Köpfe statt
Brot, Blut statt
Wein! Wir wollen Brot!
CHOR
Wir wollen Brot!
ALT
Euer Brot - das hat Danton
gefressen! Sein Kopf
wird euch allen Brot geben.
BASS
Wer sagt, daß Danton ein Verräter
sei?
ALT, TENOR
Robespierre!
BASS
Und Robespierre ist ein Verräter!
ALT, TENOR
Wer sagt das?
SOPRAN, BASS
Danton!
SIMON
Danton hat schöne Kleider!
ALT
Ja, das ist wahr!
SIMON
Danton hat ein schönes Haus!
TENOR
Kennt ihr's nicht?
BASS
Ja, ja!
SIMON
Danton hat eine schöne Frau!
ALT
Er badet sich in Burgunder!
SIMON
Ißt das Wildpret von silbernen
Tellern!
TENOR
Habt ihr's gehört?
WEIBER
Von silbernen Tellern! Silberne
Teller!
SIMON
Danton war arm wie ihr, woher hat
er das alles?
Woher?
TENOR
Das Veto hat es ihm gekauft.
ALT
Damit er ihm die Krone rette!
SIMON
Der Herzog von Orleans hat es ihm
geschenkt.
ALT
Damit er ihm die Krone stehle!
SIMON
Der Fremde hat es ihm gegeben!
TENOR
Damit er euch verrate!
SIMON
Was, was hat Robespierre?
CHOR
Robespierre! Robespierre! Robespierre! Es lebe
Robespierre!
SIMON
Ihr kennt ihn alle! Der tugendhafte Robespierre!
CHOR
Nieder mit den Verrätern! Nieder!
SIMON
Hoch Robespierre! Hoch! Hoch!
CHOR
Nieder mit Danton! Hoch Robespierre!
Nieder! Nieder! Nieder! Nieder mit den Verrätern:
Nr. 11
Der Innenraum des Gefängnisses wird erleuchtet.
DANTON
Ja, Camille, morgen sind wir durchgelaufene,
Schuhe, die man der Bettlerin Erde in den Schoß
wirft.
CHOR
(im Abgehen)
Nieder mit den Verrätern! Nieder
mit Danton! Robespierre!
CAMILLE
Das Rindsleder, woraus nach Platon die Engel
sich Pantoffeln geschnitten und damit auf der Erde
herumtappen. Meine Lucile!
CHOR
(hinter der Szene)
Nieder! Robespierre! Verräter!
DANTON
Sei ruhig, mein Junge!
CAMILLE
Kann ich's? Sie können die Hände nicht an
sie legen, das Licht der Schönheit, das von ihrem
süßen Leib sich ausgießt, ist unlöschbar. Höre,
Danton, unter uns gesagt, es ist so elend, sterben zu
müssen. Es hilft auch zu nichts. Ich will dem Leben
noch die letzten Blicke aus seinen hübschen Augen
stehlen, ich will die Augen offen haben.
DANTON
Du wirst sie ohnehin offen behalten. Samson
drückt einem die Augen nicht zu.
CAMILLE
Lucile, Deine Küsse phantasieren auf meinen
Lippen, jeder Kuß wird ein Traum, meine Augen
sinken und schließen ihn fest ein. - Warum muß
ich jetzt fort?
DANTON
Der Schlaf ist barmherzig, schlafe, schlafe,
mein Junge, schlafe!
CAMILLE
(ausbrechend)
Ich kann nicht sterben, nein, ich kann nicht sterben.
Wir müssen schreien; sie müssen mir jeden
Lebenstropfen aus den Gliedern reißen!
DANTON
Man arbeitet heutzutag alles in Menschen-
fleisch, das ist der Fluch unserer Zeit. - Wir sind-
alle lebendig begraben!
CAMILLE
Oh, Lucile, das ist ein großer Jammer!
DANTON
Schlafe, schlaf! - Will denn die Uhr nicht
ruhen? Mit jedem Picken schiebt sie die Wände
enger um mich, bis sie so eng sind wie ein Sarg.
Camille!
(Indem er sich über ihn bückt)
Er schläft.
Ein Traum spielt zwischen seinen Wimpern. Ich will
den goldenen Tau des Schlafes ihm nicht von den
Augen streifen.
(Er erhebt sich und tritt ans Fenster.)
Ich hätte anders sterben mögen, so ganz mühelos,
so wie ein Stern fällt, wie ein Ton sich selbst aus-
haucht. - Wie schimmernde Tränen sind die Sterne
durch die Nacht gesprengt; es muß ein großer
Jammer in dem Auge sein, von dem sie abträufelten.
CAMILLE
(Er hat sich aufgerichtet und tastet nach der Decke.)
Oh!
DANTON
Was hast Du, Camille?
CAMILLE
Oh, oh!
DANTON
(schüttelt ihn)
Was denn? He! Camille!
CAMILLE
Ach Du! Du! Danton!
DANTON
Du bebst an allen Gliedern.
Sprich doch!
CAMILLE
Ich lag so zwischen Traum und Wachen. Die
Himmelsdecke mit ihren Lichtern hatte sich gesenkt,
ich stieß daran, ich betastete die Sterne, ich taumelte
wie ein Ertrinkender unter der Eisdecke. Das war
entsetzlich, Danton! Ich mag nicht mehr schlafen,
ich mag nicht verrückt werden!
(Er greift nach einem Buch.)
DANTON
Was nimmst Du?
CAMILLE
Die Nachtgedanken.
DANTON
Willst Du zum voraus sterben? Ich nehme die
Pucelle. Ich will mich aus dem Leben nicht wie
aus dem Betstuhl, sondern wie aus der Kammer
eines Mädchen wegschleichen.
Nr. 12
Auf dem Platz erscheint Lucile Desmoulins.
LUCILE
Camille, Camille! Höre, Camille!
(Sie tritt zum Gitter, durch das sie
Camille erblickt.)
CAMILLE
Lucile, Lucile! Lucile!
(Tritt ans Fenster)
LUCILE
Du machst mich lachen mit dem langen Stein
rock und der eisernen Maske vor dem Gesicht.
CAMILLE
Der Wahnsinn sitzt hinter ihren Augen.
LUCILE
Kannst Du Dich nicht bücken?
CAMILLE
Was sie aus ihm ein reizendes Ding macht!
LUCILE
Wo sind Deine Arme? Ich will Dich locken,
lieber Vogel . . . . .
CAMILLE
Warum muß ich jetzt fort, warum?
LUCILE
Es stehen zwei Sternlein am Himmel,
Scheinen heller als der Mond,
CHOR DER GEFANGENEN
(Männer)
Man will uns morden, wir müssen Schrein!
Man will uns morden!
LUCILE
Der ein' scheint vor Feinsliebchens Fenster,
Der andre vor die Kammertür .....
CHOR DER GEFANGENEN
Wir müssen sehrein, man will uns morden!
Hilfe, Hilfe, Hilfe!
Man will uns morden, wir müssen Schrein!
Hilfe, Hilfe, Hilfe!
DANTON
Ruhe! Seid still! Es hilft doch zu nichts!
CHOR DER GEFANGENEN
(Tenor) Du hast uns
garnichts zu befehlen!
LUCILE
Komm, mein Freund, leise die Treppe herauf,
sie schlafen alle. Du rührst Dich auch gar nicht,
warum sprichst Du nicht? Du machst mir Angst!
CAMILLE
Lucile, ach Lucile, es ist so bitter, Abschied
zu nehmen! Ich sehe Dich in jedem Traum. Ich bin
allein, wie im Grabe.
DANTON
Sind wir wie Ferkel, die man für fürstliche
Tafeln mit Ruten totpeitscht, damit ihr Fleisch
schmackhafter werde?
CAMILLE
Dein Schatten schwebt immer vor mir, wie
das Lichtzittern, wenn man in die Sonne gesehen.
LUCILE
Höre! Die Leute sagen, Du müßtest sterben und
machen dazu so ernsthafte Gesichter.
CHOR DER GEFANGENEN
Man will uns morden, man
will uns morden! Wer macht uns frei? Wer macht
uns frei?
DANTON
Ruhe! Hört auf zu brüllen, so erreicht ihr nichts!
CHOR DER GEFANGENEN
Hört, hört!
(Baß) Diese Dogge mit
Taubenflügeln!
(Tenor) Haha!
(Tenor, Baß)Das
Blut der Zweiundzwanzig ersäuft Dich!
DANTON
Sind wir Kinder, die in den glühenden Molochsarmen
dieser Welt gebraten und mit Lichtstrahlen
gekitzelt werden, damit die Götter sich über ihr
Lachen freuen?
CHOR DER GEFANGENEN
(Tenor) Gut gegeben!
Dogge mit Taubenflügeln!
(Baß) Hahahaha!
CAMILLE
Lucile! Lucile! Lucile, hörst Du mich nicht?
LUCILE
Sterben! Ich muß lachen über die Gesichter!
Was ist das für ein Wort? Sag es mir, Camille!
CHOR DER GEFANGENEN
(Baß) Schaut den
Camille
an, er hat Besuch! Seht nur! Seht!
(Tenor) Er hat Besuch, da seht!
CAMILLE
Ist denn der Äther mit seinen Goldaugen eine
Schüssel mit Goldkarpfen, die am Tische der seligen
Götter steht, und die seligen Götter lachen ewig, und
die Fische sterben ewig, und die Götter erfreuen sich
ewig am Farbenspiel des Todeskampfes?
CHOR DER GEFANGENEN
(Tenor, zu Camille)
Nun, Generalprokurator der Laterne, Deine Ver.
besserung der Straßenbeleuchtung hat es in Frank-
reich nicht heller gemacht!
(Baß) Laßt ihn! Das sind die
Lippen, welche das
Wort Erbarmen gesprochen!
LUCILE
Sterben! Ich will nachdenken. Da, da ist's! Ich
will ihm nachlaufen. Komm, süßer Freund, hilf mir
fangen! Komm! Komm!
(Sie läuft weg.)
CAMILLE
Lucile! Lucile!
V. Bild
Das Revolutionstribunal.
Nr. 13
Herrmann, Danton, Camille, Herault, Simon,
Chor.
Später
St. Just.
HERRMANN
(zu Danton)
Ihr Name, Bürger!
DANTON
Die Revolution nennt meinen Namen. Meine
Wohnung ist bald im Nichts und mein Name im
Pantheon der Geschichte.
HERRMANN
Danton, der Konvent beschuldigt Sie, mit
Mirabeau, mit Orleans, mit den Girondisten, mit den
Fremden, und der Faction Ludwig XVII. konspiriert
zu haben.
SOPRAN, BASS
Nieder mit den Decemvirn! Hoch
Danton!
(Alt, Tenor)
Verräter.
(Baß)
Danton war unter uns am 10. August,
Danton war unter uns im September.
(Alt)
Und Lafayette war mit euch in
Versailles und war doch ein Verräter.
(Sopran)
Wo waren die Leute, die ihn
angeklagt haben?
DANTON
Meine Stimme, die ich so oft für die Sache des
Volkes ertönen ließ, wird ohne Mühe die Verleum
dung zurückweisen.
SOPRAN, BASS
Bravo! Hoch Danton!
TENOR
Hört, hört!
HERRMANN
Danton, die Kühnheit ist dem Verbrecher,
die Ruhe der Unschuld eigen.
TENOR
Sehr richtig!
DANTON
Von einem Revolutionär wie ich darf man
keine kalte Verteidigung erwarten. Männer meines
Schlages sind in Revolutionen unschätzbar, auf ihrer
Stirn schwebt das Genie der Freiheit.
ALT, TENOR
Phrasendrescher! Schwätzer! Phrasen
drescher!
SOPRAN, BASS
Hoch Danton!
DANTON
Mich klagt man, mit Mirabeau, mit Orleans
konspiriert, zu den Füßen elender Despoten gesessen
zu haben.
HERRMANN
Ich fordere Sie auf, mit Ruhe ....
(seine Stimme ist nicht mehr zu
vernehmen.)
DANTON
Du elender St. Just wirst der Nachwelt für
diese Lästerung verantwortlich sein.
SOPRAN, BASS
Hoch Danton!
ALT, TENOR
Nieder mit dem Verräter!
HERRMANN
Ich fordere Sie auf, mit Ruhe zu antworten!
Gedenken Sie Marats, er trat mit Ehrfurcht vor seine
Richter.
BASS
Was geht uns der an? Nieder mit den Decemvirn!
SOPRAN
Nieder mit den Decemvirn!
ALT, TENOR
Es lebe Robespierre!
DANTON
Ich habe auf dem Marsfelde dem Königtum
den Krieg erklärt! Ich habe es am 10. August ge
schlagen. Ich habe es am 21. Januar getötet und den
Königen einen Königskopf als Fehdehandschuh hin
geworfen!
SOPRAN, ALT, BASS
Bravo! Es lebe Danton! Nieder
mit den Decemvirn!
TENOR
Verräter!
DANTON
(nimmt die Anklageschrift)
Wenn ich einen
Blick auf diese Schandschrift werfe, fühle ich mein
ganzes Wesen beben!
SOPRAN, ALT, BASS
Hoch! Hoch Danton! Hoch
Danton!
TENOR
Verräter!
DANTON
Meine Ankläger mögen erscheinen! Ich werde
die platten Schurken entlarven und sie in das Nichts
zurückschleudern, aus dem sie nie hätten hervor-
kriechen sollen.
SOPRAN, ALT, BASS
Nieder mit den Decemvirn!
TENOR
Nieder mit den Verrätern!
HERRMANN
(klingelt)
Hören Sie die Klingel nicht?
SOPRAN, ALT, BASS
Hoch Danton! Es lebe Danton!
Nieder mit den Decemvirn!
TENOR
Nieder, nieder mit den Verrätern!
DANTON
Die Stimme eines Menschen, welcher seine
Ehre und Leben verteidigt, muß Deine Schelle überschreien! ,
SOPRAN, ALT, BASS
Hoch! Hoch Danton!
TENOR
Verräter, Verräter, Verräter!
DANTON
Meine Stimme war der Orkan, welcher die
Satelliten des Despotismus unter Wogen von
Bajonetten begrub!
SOPRAN, ALT, BASS
Hoch! Hoch Danton! Nieder mit
Robespierre!
(Tenor)
Nieder mit den Verrätern!
Verräter, Verräter, Verräter! Nieder!
HERRMANN
Die Verhandlung ist unterbrochen.
Nr. 14
St. Just tritt auf.
HERRMANN
(zu
St. Just)
Ich weiß nicht mehr, was ich
antworten soll.
St. JUST
Wir haben die Schurken! Da hast
Du, was Du
verlangst
(gibt Herrmann ein Papier, Herrmann
liest.)
CAMILLE
(zu
Danton)
Du hast gut geschrien, hättest
Du Dich früher so um Dein Leben gequält, es
wäre
jetzt anders!
DANTON
Wäre es ein Kampf, daß die Arme und Zähne
einander packten!
HERAULT
(zu Danton)
Verlange eine Kommission!
ST. JUST
(zu Herrmann)
Dantons und Camilles Weiber
sollen Geld unters Volk werfen, man will die
Gefangenen
befrein, der Konvent soll gesprengt werden.
HERAULT
(zu
Danton)
Wir müssen Zeit gewinnen!
Verlange eine Kommission!
DANTON
Mir ist es, als wäre ich in ein Mühlwerk gefallen,
und die Glieder würden mir systematisch von
der kalten physischen Gewalt abgedreht.
ST. JUST
Die Anzeige habe ich in der Hand.
HERRMANN
Wahrhaftig, das hatten wir nötig!
ST. JUST
Nun rasch, daß sie und wir die
Sache vom
Hals bekommen.
DANTON
So mechanisch getötet zu werden!
ALT
Geht's nicht bald weiter?
TENOR
Woher sollen wir das wissen?
SOPRAN,ALT, BASS
Seht, der Gerichtshof kehrt
zurück!
Nr. 15
Der Gerichtshof kehrt zurück.
HERRMANN
Die Verhandlung wird fortgesetzt.
DANTON
Die Republik ist in Gefahr! Wir
appellieren
an das Volk; meine Stimme ist noch stark
genug,
um den Decemvirn die Leichenrede zu halten.
TENOR
Schwätzer!
BASS
Schlagt denen doch die Schädel
ein!
ALT
Ruhe!
DANTON
Wir verlangen eine Kommission; wir haben
wichtige Entdeckungen zu machen. Ich werde
mich
in die Zitadelle der Vernunft zurückziehen,
ich
werde mit der Kanone der Wahrheit hervorbrechen
und meine Feinde zermalmen. Ich sehe großes
Unglück über die Menschen hereinbrechen. Das ist die
Diktatur. Sie hat ihren Schleier zerrissen,
sie trägt
die Stirne hoch, sie schreitet über unsere
Leichen.
BASS
Nieder mit den Decemvirn!
ALT
Nieder mit den Decemvirn!
SOPRAN
Nieder mit den Decemvirn!
SOPRAN, ALT, BASS
Nieder mit den Decemvirn!
TENOR
Nieder, nieder mit den Verrätern!
SOPRAN, ALT, BASS
Hoch Danton!
HERRMANN
Ruhe im Namen der Republik,
Achtung
dem Gesetz! Der Konvent beschließt: In
Betracht,
daß in den Gefängnissen sich Spuren von
Meutereien
zeigen, -
SOPRAN, ALT, BASS
Wie kann man nach einem solchen
Verhör so viel. Unschuldige zum Tode
verurteilen?
HERRMANN
in Betracht, daß Dantons und
Camilles
Weiber Geld unter das Volk werfen, um die An
geklagten zu befreien,
SOPRAN, ALT, BASS
Wir sind im Kerker geboren, wir
sind im Kerker aufgewachsen. Wir merken nicht
mehr, daß wir im Loch stecken mit
angeschmiedeten
Händen und Füßen und mit einem Knebel im Munde.
TENOR
Achtung dem Gesetz!
SOPRAN, ALT, BASS
Ja! Das ist euer Gesetz, daß die
große Masse der Menschen zu fronendem Vieh
macht! Und dies Gesetz, unterstützt durch
eine rohe
Militärgewalt, ist euer Recht!
TENOR
Im Namen der Republik!
SOPRAN, ALT, BASS
(wild)
Lügen und Leichen,
Hungergeschenke des Vaterlands!
HERRMANN
in Betracht endlich, daß diese
selbst un
ruhige Auftritte herbeizuführen sich bemüht
und
das Tribunal zu beleidigen versucht haben,
wird das
Tribunal ermächtigt, die Untersuchung ohne
Unter
brechung fortzusetzen und jeden Angeklagten,
der die
dem Gesetze schuldige Ehrfurcht außer Augen
setzen
sollte, von den Debatten auszuschließen.
DANTON
Ich frage die. Anwesenden, ob wir dem Tribunal,
dem Volk oder dem Nationalkonvent Hohn
gesprochen haben?
TENOR
Nieder! Nieder! Nieder! Nieder!
SOPRAN, ALT, BASS
Nein! Nein! Niemals!
DANTON
(auf Herrmann und das Tribunal
deutend)
Seht da die feigen Mörder, seht da die Raben
des
Wohlfahrtsausschusses! Ich klage Robespierre,
St. Just und ihre Henker des Hochverrats an!
TENOR
Nieder! Nieder!
SOPRAN, ALT, BASS
Hoch! Hoch Danton!
DANTON
Wie lange sollen die Fußstapfen der Freiheit
Gräber sein?
TENOR
Nieder! Nieder!
SOPRAN, ALT, BASS
Hoch Danton!
DANTON
Ihr wollt Brot und sie werfen euch Köpfe hin!
TENOR
Nieder! Nieder! Nieder! Nieder!
SOPRAN, ALT, BASS
Pfui! Pfui!
TENOR
Nieder mit Danton!
SOPRAN, ALT, BASS
Nieder mit den Decemvirn:
TENOR
Es lebe Robespierre!
SOPRAN, ALT, BASS
Es lebe Danton!
TENOR
Sein Kopf wird euch allen Brot geben.
SOPRAN, ALT, BASS
Das war schon einmal da, wie
langweilig!
TENOR
Sein Kopf wird euch die Freiheit geben!
SOPRAN, ALT, BASS
Fällt euch nichts Neues ein?
(gesprochen)
Robespierre ist ein Verräter, Robes
pierre ist ein Verräter!
DANTON
Ihr dürstet, und sie machen euch das Blut von
den Stufen der Guillotine lecken.
SIMON
(geschrien)
Es lebe die Freiheit!
(Heftige Bewegung unter den Zuhörern. Mit Geschrei
stürzen sie gegeneinander. Die Gefangenen
werden mit Gewalt abgeführt. Herrmann und das
Tribunal ziehen sich zurück.)
VI. Bild
Revolutionsplatz, im Hintergrund ist die Guillotine
anzunehmen.
Das Volk singt und tanzt die Carmagnole.
Nr. 16
MÄNNER
Zerrissen ist der dunkle Wahn,
Die Jugend hat nun freie Bahn.
Die rote Fahn' in fester Hand,
Marschieren wir.
Voran mit starkem Schritt,
Wer Freiheit liebt, kommt mit.
Zum Tanz der Freiheit tretet an,
Der unsre Reihen eint,
Zum Tanz der Freiheit tretet an,
Der unsre Reihen eint.
(Karren mit den Verurteilten kommen gefahren.)
CHOR
Da! Da kommen sie! Seht! Sie kommen! Seht!
Da! Seht! Seht! Da!
WEIBER
Danton!
MÄNNER
Sein Kopf wird uns Allen Brot geben.
WEIBER
Danton!
MÄNNER
Du Verräter!
CHOR
Verräter, Verräter, Verräter!
Nieder! Nieder! Verräter! Verräter!
DANTON, CAMILLE, HERAULT
und die übrigen VERURTEILTEN
stimmen die Marseillaise an:
Der Feind, den wir am tiefsten hassen,
Der uns umlagert schwarz und dicht,
Ist der Unverstand der Massen,
Den nur des Geistes Schwert durchbricht ...
(Ihre Stimmen sind vor Geschrei nicht mehr zu vernehmen.)
WEIBER
(drängen sich mit Kindern durch die Menge)
Platz! Platz! Die Kinder sehrein, sie haben Hunger,
wir müssen sie zusehn machen, daß sie still sind.
Platz! Platz!
Höre, Danton, Du mußt jetzt mit den Würmern
buhlen! Haha, mit den Würmern!
Herault, aus Deinen hübschen Haaren lassen wir
uns Perücken machen.
CAMILLE
Verfluchte Hexen! Ihr werdet noch sehrein:
ihr Berge fallet auf uns!
WEIBER
Der Berg ist auf euch, oder ihr seid ihn viel
mehr heruntergefallen.
DANTON
Ruhig, mein Junge! Du hast Dich heiser ge
schrien.
CAMILLE
Meine Herrn, ich will mich zuerst servieren.
Adieu, Danton!
(Geht das Blutgerüst hinauf.)
TENOR
Red' nicht so viel!
HERAULT
Dacht ich's doch! Er muß sich noch einmal
in den Busen greifen und den Leuten da unten
zeigen, daß er reine Wäsche hat. Leb wohl, Danton!
DANTON
Adieu, mein Freund!
HERAULT
(will Danton umarmen)
Ach, Danton, ich
bringe nicht einmal mehr einen Spaß heraus.
Da ist's Zeit.
(Ein Henker stößt ihn zurück, das Volk klatscht
Beifall.)
DANTON
(zum Henker)
Willst Du grausamer sein als der Tod?
Kannst Du verhindern, daß unsere Köpfe
sich auf den Boden des Korbes küssen?
(Steigt das Gerüst hinauf.)
CHOR
Nieder, nieder, nieder, nieder!
(Das Volk steht wie versteinert nach der Vollstreckung
des Urteils, bricht dann aber plötzlich in wildes
Beifallsgeschrei aus.)
CHOR
Heil!
MÄNNER
Eine Hand voll Erde und ein wenig Moos,
Sind auf dieser Erde nun Dein letztes Los.
WEIBER
Ein hübscher Mann, der Herault!
Wie er so stand beim Konstitutionsfeste im Triumph-
bogen, da dachten wir, der muß sich gut auf der
Guillotine ausnehmen.
Ja, man muß die Leute in allen Verhältnissen sehn.
Es ist recht gut, daß das Sterben so öffentlich wird.
(Ab.)
Nr. 17
Zwei Henker sind auf der Guillotine beschäftigt.
ERSTER HENKER
„Wenn ich nach Hause geh',
scheint der Mond so schön."
ZWEITER HENKER
He, holla! Bist bald fertig?
ERSTER HENKER
Gleich, gleich!
„Scheint in meines Ellervaters Fenster."
ZWEITER HENKER
Kerl, wo bleibst so lang?
ERSTER HENKER
So! Die Jacke her!
ERSTER UND ZWEITER HENKER
(im Abgehen)
„Wenn ich nach Hause geh',
Scheint der Mond so schön."
(Ab.)
LUCILE
(tritt auf und setzt sich auf die
Stufen der
Guillotine)
Ich setze mich auf deinen Schoß, du stiller Todesengel.
Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
Hat G'walt vom höchsten Gott.
Viel Hunderttausend sind ungezählt,
Was nur unter die Sichel fällt.
(Sie weint.)
(Plötzlich auffahrend)
Es lebe der König!
(Sie wird arretiert).
ENDE DER OPER
Erster Teil
Zweiter Teil
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