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CARDILLAC
Oper in drei Akten (vier Bildern)
von
Ferdinand Lion
Musik von
PAUL HINDEMITH
opus 39
PERSONEN
Der Goldschmied Cardillac, Bariton
Die Tochter, Sopran
Der Offizier, Tenor
Der Goldhändler, Baß
Der Kavalier,
Tenor
Die Dame,
Sopran
Der Führer der Preväte, hoher Baß
Der König.
Kavaliere und Damen des Hofes.
Die Preväte.
Volk.
Die Handlung spielt im 17. Jahrhundert in Paris.
1. AKT
2. AKT
3. AKT
ERSTER AKT
Erstes Bild
Nr. 1 Vorspiel und Chor
Ein freier Platz in der Stadt, auf den
von allen Seiten Straßen münden.
Erregte Menge im Halbkreis.
VOLK
Mörder! Mörder
Verborgen! Wo?
In der Luft?
Mit Wundermänteln
fliegend im Wind!
Unter der Erde?
Aufrauschend Nachtgetier!
(Die Menge eilt, wie in Panik
und Furcht vor sich selbst
ergriffen, auseinander)
Wir fliehen auseinander.
Unsichtbar schleichend,
Wand entlang,
Winkel geteilt.
In Stäubchen, jeder allein.
(Die Menge besinnt sich,
kehrt zurück, ballt sich zusammen)
Zusammen rollen wir:
Ein Leib!
Ein Kopf!
Ein Auge!
Eine Faust!
Sind wir nicht
wir selbst:
Paris, die Stadt!
(Die Menge tritt geschlossen vor)
EINER
Und wenn ein Toter
in den Straßen still liegt ...
MEHRERE
So tobten wir
gegen uns.
Und wenn wir jammern
über das schleichende Leid,
so weinten wir
über uns.
(Die Menge besinnt sich: der Mörder muß unter ihr sein.
Sie sucht also unter sich, einer mißtraut dem andern.)
ALLE
Mörder!
Unter uns, zwischen uns!
Greift ihn!
Werft ihn in die Höhe
wie einen Ball!
(Einer wird gepackt, vorgeschleppt:
ein armer zitternder Junge.)
Wir halten ihn,
den Einen.
Bereust Du? Zu spät!
Erzähle,
wie viele der Morde?
Zehn, dreißig, hundert?
(Die Menge besieht sich ihr Opfer.)
Ein Muttersöhnchen,
milch-, nicht blutgetränkt!
(Die Menge läßt ihn los,
packt einen andern, der ohne
Gegenwehr verständnislos
es geschehen läßt.)
Knie nieder, beichte!
Hier ist der Beichtstuhl.
Er redet nicht? Schweigt!
Ein Taubstummer.
(Die Menge rückt entsetzt ab,
wendet sich gegen einen Lachenden.)
Wer lacht, verrät sich.
Gerichtshof tage!
Hier Richter! Da Henker!
(Das Opfer der Menge
lacht immer weiter.)
Ein Narr!
(Die Menge spaltet sich in zwei erregt einander
gegen überstehende Gruppen.)
ERSTE GRUPPE
Viele sind die Mörder!
Du! Du! Du! Ihr alle!
ZWEITE GRUPPE
Nein! Du! Ihr andern alle
ERSTE GRUPPE
Mit Messern zerfetzt sie!
ZWEITE GRUPPE
Mit Steinen bedeckt sie!
ERSTE GRUPPE
Wir atmen auf,
wenn diese den Raum
nicht mehr füllen.
ZWEITE GRUPPE
Wir begrüßen die Sonne,
wenn jene verzehrt sind.
Ah!
(Die beiden Gruppen sind
kampfbereit.
Eine Polizeitruppe, die Prevöte, kommt;
Führer an der Spitze. Die Menge ist
gebändigt.)
Nr. 2
Szene mit Chor
Der Führer der Prevöte
Über euch allen,
die Ordnung erschaffend,
gebend, verteilend,
ist aber
der König.
VOLK
(noch aufbegehrend)
So soll der König ...
Der Führer der Prevöte
Der König soll nie -
aber er will.
(Die Menge horcht auf.)
Eingesetzt wird
ein neuer Gerichtshof:
die brennende Kammer.
Wenn Väter vergiftet
werden von Söhnen,
so ist Untersuchung
durch die brennende Kammer.
Wenn von Eifersucht Getriebne
zu Hexen gehn
und ein Bild der Geliebten
dem Wachs aufdrücken
und das Bild durchstechen,
daß in der Ferne
die Geliebte verächze,
so urteilt
die brennende Kammer.
Wenn Diebe
die Träger von Schmuck erstechen
in finstern Winkeln,
so werden sie angehaucht
vom Feueratem
der brennenden Kammer.
(Die Prevöte geht ab. Die Menge jubelt, ist erlöst.)
VOLK
Zur Tagesarbeit!
An die Gewerke!
(Die Menge löst sich
langsam auf. Der Goldschmied
Cardillac kommt
aus einer der Straßen.)
Sst! Sst!
Der Goldschmied, unser Ruhm!
Befleckt durch unsre Schande!
Grüßt tief!
Öffnet ihm einen Weg!
Cardillac!
Die Menge hat ihm einen Weg geöffnet.
Cardillac grüßt leicht, geht vorbei.
Aus einer der Straßen kam zugleich eine Sänfte; die Dame, die darin sitzt, hat
neugierig dem Respektausbruch zugesehen,
begreift nicht. Ein Kavalier geht
vorbei; er begrüßt die Dame. Sie winkt
ihm, sich zu nähern; er eilt, sich
verbeugend, an die Sänfte. Die Menge verebbt während des Anfangs ihres
Gespräches, so daß sie bald allein sind.
Nr. 3 Szene zu Zweien
DIE DAME
Wer ging vorbei,
verehrt fast wie ein Gott?
DER KAVALIER
Nicht ganz Hephästus war's,
jedoch ein Goldschmied wie dieser:
Cardillac.
Sein Schmuck erreicht den Prunk
der Meister von Florenz
und übertrifft ihn.
DIE DAME
Am Hof
hört' ich von ihm reden.
Indes das Schöne will
mit eignen Augen
gesehen sein.
DER KAVALIER
(mit
galanter Liebe)
Wie Eure Schönheit stets
von neuem mich erstaunt.
Die Lippen sind gewölbt
dem Bogen gleich,
vor Cupido gespannt,
jedoch der Pfeil entfliegt dem Aug'
und trifft das Herz.
DIE DAME
(gleichgültig, wie überhörend)
Mir schien der Ehrfurcht,
die das Volk ihm zollte,
auch Mitleid zugesellt?
DER KAVALIER
Die Spangen,
die wunderbaren Gehänge,
das in Gold von ihm Gewob'ne,
das in Silber Versenkte,
alles wird befleckt
mit Blut. -
DIE DAME
(neugierig-gespannt )
Mit Blut?
DER KAVALIER
(erzählend)
Ein Käufer kommt zu
Cardillac,
geht mit dem Schmuckstück
jubelnden Herzens.
Plötzlich wird er umschwirrt,
die Luft um ihn ertost,
ein Schatten steigt
vom Hintergrunde auf.
Der Besitzer,
versunken noch in Schönheit,
verwirrt, geschwächt -
sein Fuß versucht zu fliehn.
Schon ist ihm aber
ein Dolch gestoßen ins Genick.
Der Mörder raubt den Schmuck
und, wie ein Geier,
verschwindend in die Höh',
trägt ihn davon.
DIE DAME
Paris seufzt
unter der Fülle von Verbrechen.
DER KAVALIER
Doch keine sind
geheimnisvoll wie diese.
Die Diebe, einig unter Sich,
vielleicht umstehen sie
die Handwerkstatt
des armen Cardillac.
DER KAVALIER
Sie lauern.
Gleich geht der Ruf,
so wie ein Vogelpfiff,
von einem End' der Stadt zum
andern:
„Dieser hat den Schmuck!
Ermordet ihn!"
DIE DAME
(unbewegt, die Augen
halb schließend )
Wer wagt
zu kaufen noch?
DER KAVALIER
Angezogen
vom überirdisch Schönen
geht wieder einer hin -
und wird ermordet.
Pause. Schweigen. Kavalier,
sie voll Liebe anschauend.
Sie sinnt: ein Einfall, sie lächelt.
DIE DAME
Ihr -
liebt mich?
DER KAVALIER
Mehr
als mein Leben!
DIE DAME
Ihr -
fürchtet nichts?
DER KAVALIER
Nichts,
auch nicht den Tod!
DIE DAME
(in
befehlendem Ton )
So bringt mir
das Schönste,
was Cardillac je schuf!
Heute um Mitternacht
steht meine Tür
Euch offen.
Und Bogen des Munds
und Pfeil des Blicks
sind Euer Eigentum.
(Rasch gibt sie Befehl,
ihre Sänfte weiterzutragen;
grüßt lächelnd. Der Kavalier
allein in der Mitte.)
Nr.4 Arie
DER KAVALIER
(schwankend)
Wagschalen dieser Welt!
Auf der einen liegt
die Nacht der Liebe,
und auf der andern
die Nacht des Todes.
Jene ist gefügt
aus fliehenden Stunden;
aber die andre Nacht
hat das Gewicht
der dunklen Ewigkeit.
(voll Angst um sich schauend )
Sind die Mörder
schon in Bewegung?
Ist ihr Ohr
geklebt am Boden?
Folgt schon ihr Tumult
meinem taumelnden Schritt?
(entschlossen, triumphierend )
Mein Herz
ist Zeiger der Wage.
Ich eile,
hol den Schmuck
und stürze an ihr Bett.
Und die Schale der Liebesnacht
sinkt Seligkeit-beladen.
(Er eilt weg. Der Vorhang fällt schnell. )
Schnelle Verwandlung.
Zweites Bild
Der Vorhang geht auf. Schlafzimmer der Dame. Links vorn das Bett; davor ein
Tisch, auf dem Rosen und brennende
Lichter. Rechts vorn die Tür; hinten rechts
ein geöffnetes Fenster, durch das man in
den nächtlichen Park sieht. Die Dame
liegt im Bett; sie liest.
Nr. 5 Lied
DIE DAME
Die Zeit vergeht,
Rose zerfiel.
DIE DAME
Der Nachtwind weht
um meine Lippen kühl.
(Sie lauscht.)
Ist er schon hier?
Sofort verlaß
die Oberwelt ich,
die ich haß.
Will unter ihm,
von ihm allein
unendlich tief
begraben sein.
Küß ich die Luft?
Still' ich die Glut?
Geöffnet lieg ich
bis aufs Blut.
Und sterbe hin
durchbohrt, verzehrt,
begehrend, daß er
mich begehrt.
Doch alles steht
stumm in der Welt.
Nur Nachtwind weht
durch meine Lippen kühl.
Sie gibt die Hoffnung, daß er komme, auf,
legt sich ermattet zurück und schläft ein.
Nur noch Stille und Süße der Nacht,
die im Zimmer herrscht.
Nr. 6 Duett für zwei Flöten
(Pantomime)
Leise geht die Tür auf: der Kavalier kommt. Er sieht die Dame schlafend,
schließt vorsichtig die Tür, wobei sie
erwacht: Entzücken der beiden. Er will
reden, sie, den Finger am Mund, gebietet
Schweigen. Er nähert sich rasch.
Nun spielt sie die Abwehrende. Sie schaut
ihn erstaunt an, als ob sie frage:
Ihr kommt zu dieser Nachtzeit? Weiche
Kühnheit," Er scheint sich zu ents
chuldigen: „Habt Ihr nicht selbst gewünscht ... ?" Er zieht unter seinem Rode
den Schmuck von Cardillac hervor, präsentiert ihn ihr mit einer Verbeugung; sie
nimmt das Geschenk. Er steht neben ihr am
Bett; beide bewundern den Schmuck.
Er nimmt ihn wieder an sich, zeigt ihn
ihr, ihn in die Höhe hebend, aus der
Entfernung (so daß jetzt das Publikum ihn
auch sieht). Es ist ein Gürtel,
bestehend aus kreisförmigen goldenen Schildern mit Reliefs, verbunden
durch eine Spange. Beide verweilen, gepackt durch die künstlerische Schönheit.
Leicht tänzelnd geht der Kavalier nach der Ecke rechts, wo eine antike Statue
steht, hält den Schmuck daneben, gleichsam die ebenbürtige Schönheit beider
vergleichend. Die Dame streckt begehrend die Hände aus, als ob sie des Gürtels
nicht länger entbehren könnte. Der
Kavalier kehrt langsam zum Bett zurück.
In einer raschen Bewegung wirft sie die Bettdecke ab. Er schaut erstaunt, fast
erschrocken. Sie nimmt den Gürtel und legt ihn sich an. Aber schon verweilen
beide Auge in Auge, sie vergessen den
Schmuck, denken nur noch an sich. In
einer traumhaften gleichgültigen Bewegung, ohne den Blick vom Geliebten zu
lassen, will sie nun den Gürtel auf den
Tisch neben dem Bett legen. Er will ihr
helfen, nimmt den Gürtel, hält aber mitten
in der Bewegung inne, bezaubert
durch ihre Schönheit, und behält so das
Schmuckstück in der Hand. Er nähert
sein Gesicht dem ihrigen zum Kusse. Sie
scheint aber das große Glüdc nicht
übereilen zu wollen, verweilt lächelnd. Er
sinkt vor ihr in die Knie, legt den
Kopf in ihren Schoß. Sie spielt mit seinem
Haar, die Augen geschlossen.
Während der letzten Bewegungen ist hinten in der Fensteröffnung eine schwarze,
maskierte Gestalt aufgetaucht, steht groß
im Fenster, überblickt das Zimmer.
Dann, während beide in Liebesvergessenheit
versunken sind, ist jener mit einem
Satz ins Zimmer hineingesprungen, lautlos
auf dem weichen Teppich. Er bleibt
starr hinten stehen. Der Kavalier indessen
hat den Kopf gehoben, öffnet langsam
die Augenlieder der Geliebten. Der Fremde, wie ein Raubtier schleichend,
ist im Bogen nach vorne rechts gekommen;
er lauert. Die Dame hebt langsam
den Oberkörper in ermattetem Glück.
Plötzlich sieht sie den Fremden. Träumt sie? Wacht sie? Bewegung eines
taumelnden
irrsinnigen Entsetzens, sie ist stumm vor Schrecken. Der Kavalier faßt ihre
Bewegung
als eine letzte Angst vor der Liebe auf und umarmt sie. Sie ihrerseits
umschlingt ihn
ganz, um ihn mit den Armen zu beschützen.
Der Fremde ist dicht an das Bett gekommen, mit der einen Hand ergreift er den
Gürtel, mit der anderen zückt er einen
Dolch in die Höhe und stößt ihn in das
Genick des Kavaliers.
Die Dame schreit voller Entsetzen laut auf. Der Kavalier - tot - gleitet vom
Bett
herab. Die Dame sinkt ohnmächtig in die
Kissen.
Raubvogelhaffe Flucht des Mörders - Mantel gespreizt wie Flügel - durch das
Fenster in den Garten. Der Vorhang fällt
rasch.
ZWEITER AKT
1. AKT
2. AKT
3. AKT
Nr. 7 Arioso und Duett
Werkstatt des Goldschmieds Cardillac.
Hinten Türe nach der Straße und Fenster.
Wendeltreppe, die nach der Wohnung
hinaufführt.
Vorne Arbeitstisch, überladen
mit Werkzeug und Goldstangen und -stücken.
Ein Glasschrank mit fertigen Goldschmiedearbeiten.
Cardillac sitzt am Tisch, arbeitet an einem Schmuckstück.
Strahlen der Spänachmittagssonne dringen ins Zimmer
und tauchen alles in rötlichen Goldschein.
CARDILLAC
(von
der Arbeit
aufschauend)
Mag Sonne leuchten!
Aus Erdenklüften,
viel dunkler als die Nacht,
ist Gold gewachsen.
(Er arbeitet weiter. Zündet sich
in einem Kohlentopfe
auf dem Tisch Feuer an,
teilt eine Goldstange entzwei
und legt das Stück,
das er braucht, in einen Tiegel,
weichen er über das Feuer hält.)
Schmilz hin in Feuer!
Nun rinnst du!
CARDILLAC
Nun schwimm ich selig mit dir,
eindrückend Finger in die goldne Welle,
so sie gewaltsam teilend.
(Er schüttet das flüssige Gold
in eine längliche Rinne,
zieht es halberstarrt, aber noch
biegsam, wieder hervor. )
Nun fügst du dich.
Gehorchst mir.
Entwinde dich noch nicht!
Bleibe bei mir, dicht,
da ich dich liebe.
Und flüstre deinen Willen,
o Goldwerk, mir ins Ohr!
Es klopft
hinten
an der Türe. Der Goldhändler, Cardillacs
Lieferant, tritt ein,
ängstlich sich umschauend. Er bekreuzigt sich
unter der Türe. Cardillac,
aufgestört aus seiner Arbeit, scheint erzürnt. Der Goldhändler öffnet ein Paket,
Alt- und Feingold enthaltend. Cardillac
steht auf, sein Gesicht erhellt sich,
sobald er sein geliebtes Gold sieht. Er
greift nach ihm wie eine Mutter nach
dem Kind. Aber sofort trübt es sich
wieder: das Gold scheint ihm unrein; er
betupft es zur Probe mit einer Säure.
CARDILLAC
Säure ist mein Genosse.
(Er schaut mißtrauisch,
schiebt das Unreine
mit Verachtung hinweg.)
Hier ist noch Mischung
mit niedrigem Metall.
DER GOLDHÄNDLER
(unterwürfig)
Unter allen seid Ihr
der strengste Meister.
Kommt, ich zeige meinen Vorrat,
aus dem Ihr wählen könnt.
Cardillac ist einverstanden, steht eifrig auf, um mit
dem Goldhändler zu gehen; hält ihn aber
an, ihm mit
gespielter Vertraulichkeit auf die
Schulter klopfend.
CARDILLAC
Warum
habt Ihr an der Tür Euch bekreuzigt?
DER GOLDHÄNDLER
(ängstlich eine Ausrede
suchend)
Aus Ehrfurcht.
Hoch ragt Eure Kunst
über der aller anderen Meister.
CARDILLAC
(ihn
packend und ihm streng
in die Augen blickend )
Du lügst!
Deine Hände zitterten.
DER GOLDHÄNDLER
(gibt die Wahrheit zu)
Weil hier
ein Haus des Unglücks ist.
(angstvoll flüsternd)
Wißt Ihr:
wieder letzte Nacht
wurde ein Käufer
Eures Schmucks ...
CARDILLAC
(gleichgültig, kurz,
das Gespräch
langweilt ihn )
Ermordet?
DER GOLDHÄNDLER
Ermordet.
(geheimnisvoll,
nahe bei Cardillac )
Ich aber weiß,
warum wie von einer Pest
alle unglücksel'gen Käufer
hinweggerafft werden.
CARDILLAC
(lächelnd über den Mann,
ein wenig neugierig )
Meine Hände ruhn,
ich horche auf.
DER GOLDHÄNDLER
Euer Schaffen
ist kein Menschliches,
zu schön für Menschenaugen!
Sie schließen sich,
wenn sie die Werke sehn,
und Menschenhände fangen an zu
brennen,
wenn sie zu halten
sie versuchen.
(für sich, Cardillac
von der Seite
ängstlich musternd )
Sicher steht
er im Bunde mit der Hölle.
CARDILLAC
(mit
Widerwillen
sich von dem,
der über seine Werke
spricht, abwendend)
Was ich erschuf,
ist mein.
DER GOLDHÄNDLER
(für sich)
Ich will ihm auflauern
in den Stunden der Nacht,
wenn er die bösen Geister
heraufbeschwört.
(Cardillac klopft ungeduldig auf den Pfosten des
Treppengeländers, damit seine Tochter
herabkomme.)
CARDILLAC
Tochter! Hüte meine Schätze!
(Cardillacs Tochter kommt die Treppe
herab.
Cardillac geht mit dem Goldhändler ab. )
Nr. 8 Arie
Die Tochter allein in der Werkstatt;
ruhig - nur Wächterin.
Nachdem sie ein Weilchen
allein ist, wird sie unruhig,
geht erregt auf und ab.
DIE TOCHTER
Mein Geliebter kommt,
will, daß ich mit ihm entfliehe.
Gab mich ihm hin,
doch ist er nicht gesättigt.
Er fordert
die Luft um mich
mit allen meinen Wurzeln.
Ich aber bin versunken
in dies Haus.
Erinnerungen wehen
von Tisch und Stuhl und Wand,
mich ganz einhüllend
wie ein Nebelschleier.
Zerreiß ich ihn gewaltsam?
Wage ich
ihn zu durchschreiten?
Sie setzt sich, erstarrt wieder zur
Wächterin.
Sie hört den Schritt ihres Geliebten,
eilt angstvoll, doch zugleich jubelnd der Türe zu.
Nr. 9 Duett
DER OFFIZIER
(reißt die Türe auf, kommt schnell
herein,
die Arme geöffnet)
Der Wagen wartet.
Unter Küssen
versprachst du gestern Nacht
mit mir zu fliehen!
DIE TOCHTER
(vor ihm
zurücktretend, flehend )
Gib für andre Küsse
das Versprechen mir zurück.
DER OFFIZIER
(unwillig und erstaunt )
Welche Zaubermacht
hält von mir dich ab?
DIE TOCHTER
Nicht ganz gehör ich dir ...
halb nur.
DER OFFIZIER
(zornig)
Wer ist der Andere?
Sprich! Ich will ihn töten!
DIE TOCHTER
Mein Vater,
der hier waltet.
Gestern Nacht, als ich's dir versprach,
war er nicht hier.
DER OFFIZIER
(entschlossen)
Teilung darf nicht sein.
Wähle mich!
Wähle ihn!
DIE TOCHTER
(ihm zueilend )
Vorwärts getrieben
vom Sturm der Liebe,
wähl ich dich.
(zögernd)
Doch schau ich zurück,
wähl ich ihn.
DER OFFIZIER
Ich kenne nicht Vater
noch Mutter.
Hört' ich die Stimmen
der Liebe,
lief ich entgegen,
stürzt' ihnen zu;
gelöst,
erlöst von allem,
was mich hielt.
DIE TOCHTER
Ach! Du allein liebst.
(seine Hände fassend)
Arme Gefangne ich!
DIE TOCHTER
Klag mich nicht an!
Du weißt nicht, was er ist.
Oft seh ich ihn gebückt,
eingewachsen dem Werk,
wie Gott,
als er die Welt erschuf.
DER OFFIZIER
Auch ich
glüh Welten aus!
DIE TOCHTER
Wie er das Geschaffne entläßt,
unter Wehen!
Ich höre Schluchzen,
eile hinab,
steh hinter seinem Stuhl;
er ahnt mich nicht,
mit stillen Tränen
heb ich
die Arme über ihn.
Winziger Hauch bin ich,
groß ist er.
DER OFFIZIER
(sich losreißend )
Ich wag's,
komme zu ihm,
ersinne einen Grund,
und ring mit ihm um dich
in Tiefen unsrer Seelen!
(Der Offizier geht rasch ab.
Die Tochter bleibt traurig zurück.)
Nr. 10 Duett
Cardillac kommt zurück, ein Päckchen Gold in Händen
haltend. Er öffnet es, breitet es auf dem
Tisch aus,
in entzückter Betrachtung,
CARDILLAC
Dies ist das Rechte!
DIE TOCHTER
(ihn demütig am Arm streifend )
Warum streichelt Ihr Gold,
nicht mich?
(plötzlich vor ihm knieend )
Vater,
ich liebe einen Fremden,
Euch Unbekannten.
CARDILLAC
(streichelt sie freundlich,
achtet aber nicht ihrer Gefühle,
hat nur Sinn für sein Gold)
Schon seit Wochen
ist Liebesglut um dich.
DIE TOCHTER
(ausbrechend, voll Liebe und Mitleid,
jedoch zaghaft
den Vater umarmend)
Vater, Vater,
ich verlaß Euch nicht.
CARDILLAC
(erstaunt sie abstreifend)
Verlassen?
Bin ich ein hilfloser Greis?
Mit neuem Werke werde ich wieder jung,
verwelke mit jedem,
auferstehend mit einem andern.
DIE TOCHTER
(sucht ihn zu interessieren )
Ich führ ihn zu Euch,
auch Ihr werdet ihn lieben.
(Cardillac gleichgültig)
Ich gebe
dich ihm,
ihn dir
ungesehen.
DIE TOCHTER
(traurig)
Des Vaters Nähe zwingt,
und ich gehör ihm.
Geliebter fernher lockt,
streb ihm entgegen.
Ach! Brich nicht entzwei,
unentschloßnes, geteiltes Herz!
Strahlend umleuchtet ist der Geliebte,
blendend spiegelnd Sonnenhelle.
CARDILLAC
Hier schuf ich mein erstes
Werk,
hier soll auch mein letztes entstehn.
DIE TOCHTER
Aber des dunklen Vaters Sammetnacht
verlockt durch Rätsel,
nie jemals zu lösen.
So quillt das Freudleid meiner Doppelliebe
süß ängstigend
aus dieser Erde:.
CARDILLAC
Jedes ist Glied der Kette;
sie halt' ich an beiden Enden,
daß keines mir fehle.
Freudleid nur der Schaffenskraft
läßt verweilen mich
auf dieser Erde.
(Die Tochter geht langsam die Treppe hinauf.
Cardillac setzt sich zur Arbeit nieder.)
Nr. 11 Szene
Cardillac wird unruhig, denn er hört Gewimmel auf der Straße: vielleicht sind
es Käufer. Er geht ans Fenster, tritt
ängstlich zurück, da er sieht, daß es der
König mit dem Hof ist, der ihn besucht.
Cardillac geht wie ein Raubtier auf
und ab. Schon wird groß die Tür geöffnet
und, gefolgt von Kavalieren und
Damen, tritt der König ein. Cardillac faßt
sich, spielt den untertänigen
Kaufmann, zeigt mit stolzer Geste und mit gemachtem Eifer dem König
seine Schmuckwerke.
CARDILLAC
Was ich erschuf
ist würdig eines Königs.
(zeigt einen Goldbecher )
Becher,
aus Tiefen aufgespült -
(einen Ring zeigend)
Ring,
begehrend nach einem Tropfen Rubin -
(eine Obstschale)
Schale,
sich wölbend für die Wollust des
Empfangs
von Traube, Pfirsich.
(Der König nimmt die Schale,
sie dem bewundernden
Hofe zeigend. Cardillac
zuerst stolz, dann von seltsamer
Unruhe gepackt, die er
unter Lächeln
zu verbergen sucht.)
Wollt Ihr
sie mir entführen?
Gehört Euch nicht
das ganze Land
mit Wäldern, Flüssen, Städten
und allem Schmuck, den ich hier
aufgehäuft?
Der König gibt Cardillac die Schale
zurück; der empfängt sie, wild greifend und
sie seufzend an sich pressend. König und
Hof schauen sich in der Werkstatt um.
Indessen beruhigt sich Cardillac. Er nimmt eine goldene Kette, die er stolz
bewundernd anblickt, will sie dem König
zeigen. Zögert aber, schaut mißtrauisch
um sich, entschließt sich doch, sie zu
zeigen.
CARDILLAC
Diese Kette,
errungen schwer ...
(Der König will sich
die Kette ansehen. Cardillac weicht
scheu zurück. Der Hof
ist erstaunt. Cardillac gibt
die Kette dem König,
flehend.)
Warum wählt Ihr
Das Eine aus?
Vereint bleibe mir alles
wie eine Garbe,
die in meiner Seele ruht.
(Der König, ohne auf Cardillac
zu achten, gibt die
Kette an eine Dame weiter,
die sie ihrerseits auch
weiterreichen will.
Doch Cardillac
springt dazwischen. )
Zurück gebt!
Ich befehle!
(Der Hof prallt zurück.
Der König wendet sich, überlegen
lächelnd, von dem sonderbaren
Auftritt ab.
Cardillac bemerkt seinen Fehler,
neigt sich reuig.)
Sprach ich gegen die Sitte:
in Demut bitte ich ...
(Die Dame gibt ihm
die Kette zurück.
Er dankt, steht
mit der Kette vor dem König.
Dicht vor ihm spricht er
ihn an wie einen ihm
ebenbürtigen Bruder.)
Ihr wißt!
In Eurer Größe
wißt Ihr alles!
(Der König achtet nicht
der seltsamen Vertraulichkeit.
Er will unter den Schmuckstücken
einen Gürtel nehmen,
aber Cardillac,
ihm zuvorkommend,
legt ihn beiseite.)
Mißlungnes Werk!
Tausendfach Schönres
schaff ich,
lös es von mir
und leg es als ein Geschenk
vor Euren Thron!
Cardillac verbeugt sich tief. Der König,
ein wenig spöttisch die Achseln zuckend,
gibt Zeichen zum Aufbruch. Geht mit dem
Hof ab. Cardillac schließt die Tür
hinter ihnen, stellt sich mit dem Rücken
gegen die Türe, die Arme ausgebreitet.
CARDILLAC
(aufschreiend)
Ich hätte ihn ermordet!
(kommt nach vorne)
Er hätte sterben müssen!
(Gebückt, unendlich müde,
setzt er sich an seinen Werktisch.
Wischt sich den Angstschweiß
von der Stirne.)
Matt!
Ausgesaugt!
Feucht
wie Erde nach Gewitter!
(Er entnimmt einem
geheimen Schubfach des Tisches den
Gürtel, den er im ersten Akte
dem Kavalier entrissen hat.
Betrachtet ihn mit inbrünstiger
Liebe und spricht mit ihm.
Geliebtestes ! )
Mein Holdes!
(Es wird
allmählich dunkler. )
Wo warst du
verirrt?
Wir suchten uns,
zueinander eilend
Du erkennst mich,
wie ich dich.
(Er küßt ihn, bemerkt
einen Blutflecken auf dem Gürtel. )
Woher der Flecken, der dich trübt,
entstellend zarten Engelsblick?
(Er reibt den Flecken weg.
Offizier kommt herein.
Cardillac versteckt rasch
den Gürtel, da er Tritte hört. )
Wer kommt,
um mich zu quälen?
Nr. 12
Duett
DER OFFIZIER
(tritt schnell ein)
Ich begehre das Schönste,
was Ihr schuft.
CARDILLAC
(wendet sich unwirsch
gegen den Störer )
Schon hüllt der- Abend das Schöne
in seinen Frieden ein.
Im Dunkel (Seligkeit für mich)
läßt sich kein Schmuck mehr wählen.
DER OFFIZIER
Und trotzdem wähl ich aus.
Ich sah am Tag das wunderbare Werk;
es leuchtete mir zu,
ich sprach es an,
zwischen uns, Feuer-fließend,
schwang sich Band der Liebe.
CARDILLAC
Ihr
tratet ein,
ein Dieb, wühlend, buhlend.
DER OFFIZIER
Unlösbar gehört mir, was ich liebe.
Jedoch Ihr seid Störer noch.
Gebt mir, was mir gehört!
Cardillac Niemals!
DER OFFIZIER
Eure Tochter.
CARDILLAC
(lachend )
Tochter?
Das Kind, das nicht Wissende,
im Wind spielende,
lächelnd, liebeshingeneigt ...
meine Tochter geb ich Euch gern.
DER OFFIZIER
Ihr gebt sie mir nur zum Schein,
aber an unsichtbaren Fäden
haltet Ihr sie fest.
CARDILLAC
Rasch,
nehmt sie,
gleich im Augenblick.
Ich hol sie.
Euch angehörend,
eilt mit schwelenden Händen
Euch einander zu.
DER OFFIZIER
(hält ihn erstaunt ab,
zu rufen )
Seid Ihr nicht der Vater?
Liebt Ihr sie nicht?
CARDILLAC
Könnte
ich lieben,
was mir nicht ganz gehört?
Die Frau entflieht;
halt' ich auch ihre Hände.
so schweift ihr Blick hinweg.
Ein jeder Traum der Nacht entführt sie mir.
Nur das, was ich geschaffen,
bleibt mir treu.
DER OFFIZIER
(auf die
Schmuckgegenstände
zeigend )
Und dieses liebt Ihr
wie Kind und Kindeskind?
CARDILLAC
Aus den Werken saug ich meine
Kraft,
und meine Kraft geb ich den Werken hin.
DER OFFIZIER
(neugierig)
Doch ohne sie, entblößt von ihnen?
CARDILLAC
(für
sich, jedoch so,
daß es der Offizier hört )
Sänk' ich kraftlos hin ...
DER OFFIZIER
(für sich)
Aus dem Schmuck fließt seine Zauberkraft.
Er zittert, daß ich sie ihm raube.
Ich steig auf, wenn er sinkt,
die Tochter wird mein eigenster Besitz.
(laut zu Cardillac)
Ich kaufe ein:
(ergreift die Kette )
Gebt diese Kette!
CARDILLAC
(unruhig und ungehalten)
Sohn, laß ab, wenn du mich
liebst!
Entreiß mir nicht die Seele meiner Seele!
DER OFFIZIER
Ich raube Euch das Gewaffen,
wehrlos stehend will ich meinen Gegner.
Dann reich ich Euch die Hand,
zieh Euch lebenspendend
als Freund zu mir empor.
CARDILLAC
Jüngling, seltsam jung,
legt die Kette rasch hin.
Die Tür steht offen, eilt!
DER OFFIZIER
(trotzig)
Die Kette erkauf ich mir!
(wirft Geld auf den Tisch,
nimmt die Kette an sich;
Cardillac steht groß auf.)
Wir rangen und ich siegte.
Mein Auge schweift und sieht nichts,
das entgegensteht.
CARDILLAC
Schon oft ward ich geplündert.
Doch erwächst mir aus der Gefahr
tausendfache Kraft.
Wenn die Welt sich eindrängte
zwischen mein Werk und mich,
leicht höb ich sie beiseite.
Wir stehen allein gegenüber:
Ich selbst und mein Werk, das ich schuf.
DER OFFIZIER
Auf dem Schlachtfeld nach dem Tumult
reite ich schweigend,
den schlaffen Zügel in Händen.
Denn der Sieg ist mein
und so süß ist die Nacht.
CARDILLAC
Noch einmal warne ich:
das Schicksal ist gegen die Käufer.
Tod ist nicht nur in der Schlacht.
DER OFFIZIER
Ihr erschreckt mich nicht,
Ich hörte von den Morden.
Kein Gespenst entsteigt wie Rauch
dem Schmuck, den ich hier halte.
Naht der Mörder,
der Schwarm von Mördern,
ich bahn' mir den Weg.
Ihr werdet sehen.
CARDILLAC
(geht
auf den Offizier zu,
sieht ihn unheimlich drohend
an und wiederholt)
Ihr werdet sehen!
DER OFFIZIER
(erschrickt, faßt
sich aber gleich
und geht lachend ab)
Lebt wohl!
Nr. 13 Arioso
Cardillac geht hängenden Kopfes an seinen Arbeitstisch. Er setzt sich mit
leidend
geschlossenen Augen, die Hände untätig.
Während der letzten Szene ist es immer
dunkler geworden. Aufgehender Mond bescheint
den Sitzenden. Der ermannt
sich, greift nach Goldstäben, aus denen ein
neues Werk entstehen soll.
CARDILLAC
Mag
Mondlicht leuchten!
Aus Erdenklüften,
viel dunkler als die Nacht,
ist Gold gewachsen!
(Er beginnt zu arbeiten,
doch ein Punkt
zieht ihn gewaltsam an: die Steile,
wo die vom Offizier
gekaufte Kette gelegen hatte.
Sein Blick stiert dahin. )
Klaffende Lücke!
Nichts mehr blüht an dieser Stelle!
(in irrer Angst sich selbst anflehend)
Sei still, Seele mein!
Vergiß, hadere nicht
und spanne nicht die dunklen Flügel auf.
(Er bezwingt sich, lächelnd
, arbeitet wieder.)
Die Wüste füll ich gewaltig auf.
Grabt tief im Gold, ihr Hände!
Neuer Ring, neue Kette!
(Plötzlich wirft er alles hin, fleht auf. )
Wo ist das mir Geraubte?
Er geht zu einer geheimen Schranktür,
schließt sie schnell auf, holt aus dem
Schrank einen weiten schwarzen Mantel
und wirft ihn sich über. Dann entnimmt
er einem Fache seines Arbeitstisches
eine schwarze Maske und einen Dolch,
steht dann groß und wild im Vordergrund.
Saust die Luft?
Trägt mich hinweg?
(Er eilt, wie vom Sturmwind
getrieben, zur Türe; hier
wendet er sich noch einmal.)
Sturm! Sturm!
Tauchend in Brunnen von Blut,
hol ich, was mir gehört!
(Er zieht die Maske an, eilt ab.
Der Vorhang fällt schnell.)
DRITTER AKT
1. AKT
2. AKT
3. AKT
Nr. 14 Musik in der Taverne und Ariette
Straße, es ist Nacht. Im Hintergrund eine erleuchtete Taverne.
Der Offizier naht beschwingten Schrittes.
Er hat die bei Cardillac gekaufte Kette um den Hals hängen.
DER OFFIZIER
Stimme des Alten
drang mir ins Blut.
Grauen ist um ihn,
und er weiß Geheimnis.
Zittre ich,
der niemals Zitternde,
vor ihm?
Hat er,
schon hilflos scheinend,
mich dennoch überwältigt?
(Er schüttelt die Sorgen ab, ist wieder
der Fröhliche, Leichte.)
Ariette
Verjagt sei aller Schrecken,
der drängend mondfarbenen Gesichte.
(Cardillac schleicht herein,
bleibt im Hintergrunde verborgen.
Ihm auf dem Fuße folgt
der Goldhändler, ihn belauernd.)
Nur eine Wahrheit ist,
nur eine allein:
Heller Feuerbrand der Küsse,
Plündrung des Körpers der Geliebten
und Vollbesitz der Seele.
Cardillac springt vor, zückt den Dolch und will den Offizier erstechen.
Dieser,
obwohl er leicht verwundet wird, schlägt den
Angriff ab und behält die Kette.
Der Goldhändler springt aus seinem Versteck
und läuft laut rufend ab. Man
hört ihn draußen das Volk zusammenrufen.
Cardillac und der Offizier sind
allein. Kurzer Dialog zwischen beiden:
CARDILLAC
Hängend
am Abgrund!
Stürze mich ganz hinab!
DER OFFIZIER
Seltsamster Greis, entflieht!
Fürchtet um Euer Leben!
CARDILLAC
Hier
stehe ich,
nichts fürchtend.
DER OFFIZIER
Denkt an Eure Tochter!
CARDILLAC
Sie ist
Geburt nur
meines irdischen Bluts.
DER OFFIZIER
An Eure Werke!
CARDILLAC
(plötzlich aufhorchend )
Ihr Ruf
zwingt mich zur Flucht.
(ab)
DER GOLDHÄNDLER
(hinter der Szene, rufend )
Nachtwache!
wNachtwache!
Der Goldhändler kommt zurück, mit ihm Volk aus den Nachbargassen; zugleich
öffnet sich die Türe der Taverne, die
Gäste strömen heraus. Eine Polizeiabteilung
kommt. Alle sammeln sich um den
Goldhändler und um den Offizier, der seine
leichte Wunde mit dem Taschentuch
verbindet.
Nr. 15
Szene und Quartett
DER GOLDHÄNDLER
Trinker,
kommt zum Rausch des Bluts!
Schläfer,
hier erwartet euch ein Traum!
Stadt,
seufze auf!
Befreiung von hundertfält'gem Mord!
(Große Erregung der Menge)
Cardillac
war der Täter.
Sucht den Entflohnen
in seiner Werkstatt!
(Einige Polizisten und Personen
aus der Menge gehen
ab, Cardillac zu holen.)
Gezückter Dolch!
Entrigne Maske!
Nacktgesichtig
stand der Schuld'ge.
Immer ahnte ich.
Einsam wie ein Löwe
schweifte der Dunkle unter uns!
(Man bringt Cardillac.)
Und nun
(zum Offizier)
redet Ihr!
(Cardillac steht ruhig
der erregten Menge gegenüber.
Seine Tochter ist ihm gefolgt;
sie weiß nicht, was vorgeht.)
DER OFFIZIER
Ich entriß dem Täter die Larve,
jeder Zug seines Gesichts ist mir
eingeprägt.
(auf Cardillac weisend )
Dieser ist es nicht!
(auf den Goldhändler zeigend )
Jener stand im Dunkeln,
Genosse, Mithelfer.
Erst als der Mord mißlang,
rief er nach Wache.
Nehmt ihn gefangen!
(Aufatmen des Volkes.
Der Goldhändler ist
vollkommen überrascht.)
Quartett
CARDILLAC
Des
Himmels Huld
will, daß ich weiter schaffe.
Noch ist nicht abendliche Zeit des Feierns,
wo meine Hände
im Schoße ruhn.
DER GOLDHÄNDLER
Höre ich, was ich höre?
Sah ich, was ich gesehen?
Die Welt ist trunken,
und ich bin ihr Narr.
DER OFFIZIER
Die Kraft war übermenschlich
mit der er auf mich stürzte.
Ihn schüttelt Liebeszwang,
- wozu? wofür? -
ähnlich der Leidenschaft,
die mir im Herzen wühlt.
DIE TOCHTER
Mein Herz starb hin vor Angst.
Doch mein Geliebter,
plötzlich verbunden
mit meinem Vater,
taucht wie ein Wunder rettend auf.
Man führt den Goldhändler, der sich
sehr sträubt, ab; die Menge folgt ihm
und
der Polizeitruppe. Die Gäste der Taverne
umringen Cardillac, jubeln ihm zu und
führen den Widerstrebenden in die Taverne.
Die Tochter und der Offizier
bleiben allein zurück.
Nr. 16
Duett mit Chor
DIE TOCHTER
(fliegt dem Offizier in die Arme,
entdeckt seine Verwundung)
Meine Lippen auf die Wunde,
daß ihr quellend Blut
eindringe in mein Herz.
Fluch dem Unbekannten!
DER OFFIZIER
Fluche ihm nicht!
DIE TOCHTER
(begreift alles )
Ah!
Schleier der Ahnung zerreißt!
Vater,
Dolch hebend,
mitleidlos
über seinem Opfer.
DER OFFIZIER
Ober dich stürzte so
Gewölbe deiner Welt.
BEIDE
Forsche mit mir
dem Sinn des Ungeheuren nach.
DER OFFIZIER
Lockte ihn Gier
nach ängstlich verkauftem Schmuck?
DIE TOCHTER
Umhüllt ihn Wahnsinn?
(Aus der Taverne hört man lustige
Musik
und die Gesänge der uni Cardillac
Versammelten.)
VOLK
(hinter der Szene)
Begrüßt sei Cardillac,
seltener Gast.
Wein wächst wie Gold
aus den Tiefen der Erde.
DIE TOCHTER
Unwissende jubeln,
Ahnende zittern.
Aus dem Entsetzlichen
schöpfe ich Mut:
(groß und frei)
Abgeworfen die Gewalt des Vaters,
die mich umgab.
Sonnenweg ist mir vorgezeichnet,
zu dir
auf Knien
will ich ihn gehen.
Erloschen sei alle andre Welt -
Nacht-versunken die Erinnerung.
DER OFFIZIER
Innigster Besitz,
grenzenlos mir zu eigen.
Mehr als du durch Geburt
den Eltern verbunden
und mehr als du dem Tod
je angehören wirst.
VOLK
(hinter der Szene )
Zerreißt die Nacht
mit trunkenen Liedern!
Auf unsren Lockruf
erwacht die Sonne.
Die Türe der Taverne wird aufgerissen.
Cardillac stürzt heraus, angewidert von
der ihm entgegengebrachten Verehrung.
Die Gäste folgen ihm, bilden einen
Kreis um ihn. Allmählich vergrößert sich
die Menge.
CARDILLAC
Die Welt
ist düster,
zum jubeln ist nicht Zeit!
VOLK
(auf der Szene)
In unsrer Mitte,
hebt ihn empor!
Indessen jener, Mitwisser, gefoltert,
verrät die Wahrheit.
Nr. 17 Wechselgesang
Cardillac entweicht aus dem Kreis, steht
allein.
Der Offizier und die Tochter
stehen seitlich im Vordergrund
als Zuschauer der folgenden Szene.
CARDILLAC
Vermöchte jener Winz'ge
das Gewaltige zu fassen?
VOLK
Nichts Gewaltiges war,
nur feiger Mord
in nächtlichen Straßen.
CARDILLAC
(mit
Entrüstung)
So trete ich auf,
Verteidiger des Unbekannten.
Vielleicht
hütet er den Schatz
von Cardillacs Händen
wie Allerheiligstes.
VOLK
Erhöhst du den Täter,
den giergetriebnen Mörder?
CARDILLAC
Weil ich weiß,
wie er eilt,
getrieben von der Peitsche
der notwend'gen Tat.
(Die Menge umdrängt ihn neugierig.)
VOLK
Bist du gefolgt
rachesuchend seiner Spur?
CARDILLAC
Tag für Tag,
Nacht für Nacht!
VOLK
Entdecktest du den Unsichtbaren?
CARDILLAC
Ich kenn ihn
wie nur mich selbst.
VOLK
So wirf ihn
in den Rachen
der brennenden Kammer!
CARDILLAC
(sich
entziehend)
Geheimnis bleibt mir eigen.
Was taugt sein Name?
Sein Tun ragt hoch über ihm selbst.
(Er will gehen, sie halten ihn zurüdc.)
VOLK
Du weißt den Anfang,
zum Ende führ uns!
Gieß Wahrheit aus
über die durstende Stadt!
CARDILLAC
Niemals!
VOLK
Er sei dein bester Freund,
wir fordern ihn
als Beute der Gerechtigkeit.
CARDILLAC
Niemals!
VOLK
Bis du gesprochen,
umschließt dich unsere Gewalt!
CARDILLAC
Bin ich nicht Cardillac?
Gebt Raum zu der Werkstatt,
wo das zu Schaffende
sehnsuchtsvoll wartet.
VOLK
Deine Werke,
CARDILLAC
meine Werke,
VOLK
die Mordgebärenden,
CARDILLAC
die Hilfsbedürftigen,
VOLK
die Höllentstiegenen,
CARDILLAC
die Gottgeliebten!
VOLK
Wir eilen zuvor,
wir folgen dir nach,
erstürmen dein Haus.
Die Becher, die Spangen, die Ringe,
gesät in die Gossen,
zu Goldstaub zerstampft!
CARDILLAC
voll
Angst
Wohin? Wohin?
Die Menge will fortstürzen, Cardillac
stellt sich ihr
mit ausgebreiteten Armen entgegen.
CARDILLAC
Mein Urgeborenes
soll ich sterben sehn,
während ich lebe?
Fordert,
ich gebe!
VOLK
Nennung des Täters!
CARDILLAC
(für
sich,
ängstlich
erregt )
Umtost von Grauen,
Seele erzittert bis in ihre Klüfte.
Gellender Schrei der Hingemordeten!
Todespein ...
Wie rett ich ...
(zur Menge )
Wartet!
Geht nicht!
Der, welcher nachstürzte,
umgürtet mit Nacht;
er, der den Dolch hob, -
ich wars, ich wars,
ich bins!
(Schrei des
Entsetzens,
die Menge
läuft wild durch
einander.)
VOLK
Ah!
Wendet Gesicht ab!
Haltet Stand
vor dem Entsetzlichen!
ERSTE GRUPPE
Bleibt!
ZWEITE GRUPPE
Flieht!
CARDILLAC
(unbekümmert, für sich)
Seligkeit
des Neubesitzes!
(Die Menge sammelt sich wieder)
VOLK
Warum erhobst du
die Hand zum Mord?
CARDILLAC
Notwend'ge Rückkehr des
Geschaffnen
zu dem, der es erschuf.
VOLK
Trugst du allein
die Last der Tat?
CARDILLAC
Wer wäre zu ihr würdig
außer mir?
VOLK
Woher dir einzelnen die Kraft?
CARDILLAC
Verhundertfältigt
stand sie zu Gebot.
VOLK
Also bekennst du Mord
an Jünglingen, Männern?
CARDILLAC
Nichts gilt hinwehendes Leben.
VOLK
(ihn immer mehr bedrängend)
Und tätest in folgenden Nächten
ein Gleiches?
CARDILLAC
An euch,
an jedem!
VOLK
Du wagst zu rühmen
dein grauses Tun?
CARDILLAC
Ich rühmte mich,
ständ' ich vor Gottes Thron.
VOLK
(drohend)
Knie hin in Reue!
CARDILLAC
Unbewegt verharre ich!
VOLK
Erde verschlinge,
was sie ausgespien!
Die Menge stürzt sich auf Cardillac und
tötet ihn. Der Offizier, der schon
während des Wechselgesprächs
den Versuch gemacht hat, die
Menge zu
durch
dringen, bahnt sich mit gezogenem
Degen einen Weg und
dringt zu Cardillac
vor, gefolgt von der Tochter. Die Menge
stiebt auseinander, man sieht Cardillac
am Boden liegen.
DER OFFIZIER
Haltet ein!
Nr. 18 Schlußgesang
DER OFFIZIER
(vorwurfsvoll zur Menge )
Gegen mich hatte er
diesen Abend den Dolch erhoben.
Warum, Volk, warfst du dich
zu seinem Richter auf?
Begreifst du nicht?
Er war das Opfer
eines heil'gen Wahns.
(Die Tochter kniet neben dem Vater, küßt
ihn.
Die Menge steht scheu im Hintergrund.)
DIE TOCHTER
Wach auf! Wir wissen alles
und lieben dich wie nie.
Der Offizier beugt sich neben der Tochter
über Cardillac. Der wacht auf, hebt,
vom Offizier unterstützt, langsam den
Oberkörper. Cardillac schaut um sich,
die Tochter und der Offizier erhoffen ein
Abschiedswort. Cardillacs Blick suchit.
Ein Lächeln geht über sein Gesicht: er hat
die Kette, seine Kette, am Halse des
Offiziers gesehen. Er greift
sehnsuchtsvoll danach, küßt sie und fällt zurück - tot.
DER OFFIZIER
Ein Held starb.
Menschenangst war ihm unbekannt.
Liegt er auch hier,
ist er doch Sieger,
und ich beneide ihn.
DIE TOCHTER
(die Hand des Offiziers ergreifend
)
Gib deine Hand -
und halte mich zurück
unter den Lebenden
durch deine Liebe.
VOLK
Nacht des Todes
alles Geschehen
gewaltig umhüllend.
Nach rauschendem Flug
durch feurige Luft
versinkt der Tote
in die ewig lautlose
bergende Erde.
Ende
1. AKT
2. AKT
3. AKT
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