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Paul Hindemith

(1895 - 1963)


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The Operas of Paul Hindemith

 

Die Harmonie der Welt
 


Text und Musik
von
Paul Hindemith
1956/57


PERSONEN
Kaiser Rudolf II. – Kaiser Ferdinand II. – Sol, Baß
Johannes Kepler, Kaiserlicher Mathematiker – Erde, Bariton
Wallestein, Feldherr – Jupiter, Tenor
Ulrich Grüßer, Keplers Gehilfe; Später Soldat – Mars, Tenor
Daniel Hizler, Pfarrer in Linz – Ein Regensburger Pfarrer – Merkur, Baß
Tansur – Saturn, Baß
Baron Starhemberg, Briton
Christopg, Keplers Bruder, Tenor
Susanna, Später Keplers Frau – Venus, Sopran
Katarina, Keplers Mutter – Luna, Alt
Die kleine Susanna, Keplers Töchterchen aus erster Ehe, Sopran

Vogt und Anwalt, drei Mörder, Volk, Soldaten, Sternbilder

Die Handlung spielt zwischen 1608 und 1630




1. AUFZUG
2. AUFZUG
3. AUFZUG
4. AUFZUG
5. AUFZUG






ERSTER AUFZUG

1608-1611
Straße in Prag. Tansur hat ein Gestell mit großen Bildertafeln aufgerichtet, die den
Kometen des Herbstes 1607 mit allen seinen Folgen zeigen. Volk steht herum und
hört seinem die Bilder erläuternden Singsang zu. Unterdessen verkaufen seine

Gehilfen Flugblätter an die Menge.

TANSUR
Leute, her und kauft euch mein Blatt;
Was bedeutet uns der große Komet?
Mißgeschick, Leid, arge Not,
Womit der Haarstern uns bedroht.
Wie ihr's hier abgemalt seht.
Hört nur zu, was dieser für Pläne hat.
(Ulrich, der Schüler und Gehilfe Keplers,
hat sich zur Menge
gesellt)
(Tansur wendet ein Blatt um)
Trotz Verheißung betet man nicht frei.
Mit Gewalt bekehrt man allerorten.

VOLK
Oesterreich ging schon voran,
Polen, Böhmen folgen dann.

TANSUR
In Donauwörth beginnt die Schlägerei:
Ist der Freiheit ledig worden.
(Wallenstein mit einigen Offizieren
kommt und hört sich an, was

da verkündigt wird)
Habsburgs Fürsten eint ein Vertrag:
Wollen dem Kaiser nehmen Macht und Kron.

VOLK
Jeder auf sein Wohl erpicht;
Ob's dem Volk nützt, fragt man nicht.

TANSUR
In Frankreich lauert Mord nah dem Thron.
Dann kommt Kriegsvolk und verwüstet Prag.

VOLK
Friedlich schlichten% Auf keinen Fall!
Möglich müßt es sein, dem Krieg zu entgehn.

TANSUR
Härtrer Kampf als je vorher,
Greuel wie sie nie geschehn.

VOLK
(sieht die Offiziere ungern )

Und lästige Krieger überall.
Wollt, wir sähen sie allesamt nie mehr.

ULRICH
(die Menge aufreizend)
Laßt durch die da euch nicht verdrießen.
Ihr Korn blüht erst im nächsten Krieg.

WALLENSTEIN
(zu seinen Offizieren)
Des Kaisers Stern verblaßt. Dem, welchem Sieg
Vom Himmel wird, muß ich mich anschließen.

TANSUR
(schreit Ulrich an und wendet ein Blatt um)
Schweig, verjag mir die Kunden nicht!
(wieder zur Menge)
Hier seht ihr, wie Dunst von der Erde steigt,
Nach oben bläst, kraus und dicht,
Und vom Feuer der Sonn und Sterne
Angezündet sich glühend zeigt.

ULRICH
Kometen schweifen in Himmelsferne,
Urgezeugt wie die Sonne auch.

TANSUR
(ärgerlich ihn mißachtend)
Dann spuckt der Komet einen Schleier aus,
Solang von der Erde schwelt der Hauch.

ULRICH
Unsinn! Der Schweif wird vom Sonnenlicht
Aus dem Kometen hinausgepreßt!

TANSUR
(fährt ihn an)
Wie du's uns doch wissen läßt!
(zu Wallenstein, mit Bezug auf Ulrich)
Will sich gescheit wie sein Lehrer zeigen.
(wendet sich achselzuckend zur Menge
und schlägt wieder ein Blatt um)
Da die Wahrheit nicht nur zwei Heller gilt,
Heißt's zu lügen oder zu schweigen.
Hier! Für zwei Heller noch ein andres Bild.

Die Menge hat Flugblätter gekauft und Tansurs Schilderungen

gelauscht. Trotz dessen Bemühungen, sie zurückzuhalten, verliert
sie sich jetzt, wobei Tansurs Gehilfen noch einige Flugblätter
absetzen.

WALLENSTEIN
(zu Ulrich)
Von wem redet er? Wer ist dein Herr?

ULRICH
Kepler, des Kaisers Mathematiker.

WALLENSTEIN
(freudig überrascht zu seinen Offizieren )

Seht doch, wie sich das trifft!
(zu Ulrich, indem er schnell etwas
auf einen Zettel schreibt )

Hier, übergib deinem Herrn eine Schrift.
Die genaue Zeit, da ich zur Welt kam.
Er deute mein Schicksal.
(gibt Ulrich den Zettel)

ULRICH
Wenn er fragt, von wem ich's annahm?

WALLENSTEIN
(selbstbewußt lächelnd, halb zu seinen Offizieren )

Von der Welt bald größtem General.
In Kürze schick ich einen in sein Haus.
Das Prognostikon übergeb er dem.

ULRICH
Vielen Dank, ich rieht es aus.
(ab)

WALLENSTEIN
( höhnisch)
Spielverderber sind nicht angenehm.

TANSUR
(nicht auf den Mund gefallen )

Rückschläge - hier wie beim Militär.
Man tauscht die Taktik. Auch der Graf Waldstein ...

WALLENSTEIN
(Finger auf dem Mund)
Ich bleibe lieber unerkannt hier.

TANSUR
(leiser fortfahrend)
...
Wollt dem alten Kaiser dienstbar sein;
Jetzt winkt beim künftigen größere Ehr.

WALLENSTEIN
Nicht gut, zu viel zu wissen und zu früh.

TANSUR
Spannend, interessant dafür.

WALLENSTEIN
Wo kriegst du deine Blätter her?

TANSUR
Nachrichten, die aus aller Welt kamen,
Hau ich mir selbst zusammen,
Worte, Bilder und Musik - keine Müh
Nach ein paar Semestern Wittenberg.

WALLENSTEIN
(verständnisvoll lächelnd)
Sieh da - mich warfen sie in Altdorf raus.

TANSUR
Wissen -ja, doch Lernen - nein.

WALLENSTEIN
Treibst du's so schon lange Zeit?

TANSUR
Unsereins war schon dabei
Als Abel erschlagen wurd vom Kain

Und wird noch anwesend sein,
Geht einst die Erde entzwei.

WALLENSTEIN
Ein Beruf voll Aventüren!

TANSUR
Wie eurer. Nur: euch genügt's, Scharen
Von Abenteurern zu dirigieren.
Der Abenteurer, der in jedem steckt,

Verläßt sich dafür auf meine Waren.

WALLENSTEIN
Ich glaub, ich hab einen Helfer entdeckt.
Melde dich bei mir auf die Nacht.
Ich brauche einen Lügenbold,
Der den Kommiß schmackhaft macht

Selbst denen, die ihn nie gewollt.
(alle ab)

Die Szene verwandelt sich.
Man sieht nur einen Teil der Bühne:
Württemberg, ein Friedhof bei Nacht;
halbverfallene Gräber.
Katharina, die Mutter Keplers, kommt
mit flackernder Laterne und Grabscheit.
Sie sucht hastig nach dem rechten Grab.


Katharina
(flüsternd)
Totes Gebein
Tief in der Gruft,
Darfst nicht ruhn,
Mußt Arbeit tun,
Hilfe leihn.
Totes, gestorben nicht,

Dunkles, heller als Licht
Dem, der um Beistand ruft.

Sie beginnt zu graben. Indes ist, voll Grauen und außer Atem,
ihr Sohn Christoph ihr nachgekommen.

CHRISTOPH
Geräusche, jemand der heimlich kramt
Huscht aus dem Haus. Ich nach, angsterlahmt
Zum Friedhof.
(erkennt seine Mutter)
Mutter, du als Grabschänder!

KATHARINA
(wendet sich entsetzt um, zornig)
Auf dich selber gib acht, Elender.

CHRISTOPH
Was hast du Grausiges vor?

KATHARINA
Was mir die Sorge gebot.
Hier liegt mein Vater begraben.

Ich will seinen Schädel haben,
Ihn zubereiten lassen,
Dann in Gold fassen

Zu einer Trinkschale.

CHRISTOPH
Was soll das nützen?

KATHARINA
Wer schlürft aus solchem Pokale
Ist für immer gefeit
Gegen geistige Selbstherrlichkeit.


CHRISTOPH
Wer ist zu beschützen?

KATHARINA
Dein Bruder, mein ältester Sohn.
Ich muß ihn bewahren.
Die verschleierte Region,

Die sich nie läßt erfahren,
Will er erhellen,
Dem Unwißbaren Fragen stellen.

Neugier, grauenhaft
Hier wie im Jenseits bestraft.

Sie will weitergraben,
Christoph nimmt ihr die Schippe weg.


CHRISTOPH
Schrecklich, wie sich die Narrheit
In einer Familie ausbreit' !
Der Vater Soldat, Abenteurer,

Die Mutter noch ungeheurer
Bei der Hand mit Teufelei.
Dazu des Bruders Spiegelfechterei:
Erst jagt er die Erde von ihrem Sitz,
Dann sollen Körper der Geometrie
Beherrschen die ganze Astronomie.
(bitter)
Prost mit dem Totenkopf solchem Witz!

Vier Weiber hatten sich hereingeschlichen
und die Szene be­obachtet.
Sie tuscheln unter sich.

Vier Weiber
Haben wir's denn nicht immer gesagt,
Daß die Keplerin böse Dinge betreibt.
Sie traf den Satan hier. Kein Zweifel bleibt.
Sie sei als Hexe angeklagt.
(sie verschwinden wieder)

Der hintere, obere Teil der Bühne ist heller geworden.
Man sieht einen hohen

Söller der Prager Burg, von dem man den
in vollem Glanze erstrahlenden Sternhimmel
erblickt. Kaiser Rudolf auf einem Liegestuhl, sinnend.
Er hält ein Fernrohr in der Hand.

Kaiser Rudolf
Wenn die Scheinwelt meines Herrscherseins
Zu laut mich anbrüllt,
Wenn das Wirkliche schönen Scheins,
Musik, Gedicht, Geschmeid, Getier, Gebild
Mich unfügsam flieht,
Heimsucht mich dunkel die Lust,
Unbeladen, unbewußt
Ins undeutbare Gebiet
Sternklarer, schlummernder Weisheiten
Verträumt zu entgleiten.

KATHARINA
(starr, als ob sie geisterhaften Stimmen lausche )

Still, lausche, da spricht in Prag der Kaiser,
Dem mein Hans dient als Sternweiser.

CHRISTOPH
Das sind Visionen! Kaiser müssen her,
Einfache Geister tun's nicht mehr.

Kaiser Rudolf
Ein Tubus, der, wie es heißt,
Den Blick erhebt, erhöht, erhellt;
Nach meines weisen Kepler Worten
Aufschließt deckende Pforten
Weiterstreckter Welt.
Man spüre jener Gesetze Geist,
Die Welten ihre Pfade zeigen
Und Sonnen rufen zum Reigen.

CHRISTOPH
Gib die Laterne, ich führe dich heim.

Kaiser Rudolf
(blickt durch das Fernrohr )
Der Strömung Urbild,
Die in uns quillt.

KATHARINA
Er sucht nach Ordnung, Regel und Reim.

CHRISTOPH
(der nichts von alledem sieht und hört, verächtlich )

Du und Ordnung! Rechtes, Bewährtes!

KATHARINA
Das heißt dir: Nichtgewagtes, Verjährtes.

Während der Kaiser unentwegt durch das Rohr schaut, ist
Kepler leise eingetreten, steht hinter dem Kaiser und erläutert
das Gesehene.

KEPLER
Wie unser Blick ins Fernste gleitet,
Die Weise der Unendlichkeit entdeckt!
Wie Luna sich als Zackenwelt erstreckt,
Venus mondgleich anwächst und schwindet,
Saturn zum Dreigestirn sich weitet,
Jupitern ein Sklavenkranz umwindet!

Kaiser Rudolf
Was ist der Fülle Wesen und Sinn?

KEPLER
Wir sitzen in allen Wundern drin.
(der Kaiser wirft in großer Erregung das Fernrohr
von sich und schreit entsetzt)

Kaiser Rudolf
Verworfen, gemein und übel,
Würdelos; beleidigend
Die Gutgewillten;
Ein Wimmeln ohne Zweck und End;
Gleißenden Unrats voll ein Kübel,
Von einem Irren ausgeschüttet;
Von Miß- und Ungebilden
Ein Morast;
Von Ungeziefer, Gewürm, Geschmeiß
Erdrückende Last;
Ein Zerstörtes, geborsten,
Zerfallen, zerrüttet,
Das nichts andres tut und weiß,
Als auf dem Nest der Wirrsal
Beutegierig zu horsten:
Was in uns ficht
Für Entwicklung zu verschlingen;
Von Bösem brutal
Erfunden in böser Absicht.
Es heißt, Humana Musica
Sei ein Spiegel mundanem Klingen.
Ja, darum unser schändliches
Hinsiechen im schlammigen Krater:
Chaos, unendliches,
Statt weisester Regula.

Kepler
(bestürzt)
Die Regel herrscht, von uns nicht erkannt.

Kaiser Rudolf
(immer mehr außer sich geratend)
Fluch dem Ungeist,
Der dies heimtückisch zuläßt!

KEPLER
(hilflos nach Beruhigung suchend )

Preis dem Geist, der dies erfand!

Kaiser Rudolf
(wendet sich gegen Kepler,
der in seiner Betroffenheit nicht weiß,

wie er sich verhalten soll)
Und Strafe dem Berater,
Der mir mein Gebrest
Als Wohlsein beweist.
(teils nach Hilfe suchend, teils aggressiv )
Helft mir, gebt mir die Hand!
Ich versinke im Quicksand.

Katharina
(schreit)
Hans, hilf ihm doch, halt ihn zurück!

Christoph
(wütend)
Dein Geschrei bricht uns das Genick.

KATHARINA
Laß ihn nicht im Leeren verschwinden!

CHRISTOPH
Heim mit dir, eh sie uns hier finden.

Er zieht die schreiende Mutter mit sich hinaus.
Der Kaiser greift Kepler an und

versucht ihn zu würgen. Dieser wehrt sich unsicher
und verständnislos. Auf das

Getöse eilen Diener und Wachen herbei.

Kaiser Rudolf
Neue Ungestalten
Aus jenem Unsinns-Kosmos,
Der Hölle verfluchte Gewalten.
Statt Hilfe letzter Stoß
In greuelvollen Schlund.

Der Kaiser wendet sich auch gegen die eingedrungenen Diener,
wird aber über­
wunden und festgehalten.
Dadurch kommt er plötzlich wieder zur Besinnung und

verfällt in eine apathische Ruhe.
Kepler steht verwirrt und ratlos. Der Kaiser

spricht zu ihm in trauriger Milde.

Kaiser Rudolf
Was trieb dich an, mich so zu belehren?
Die Freude, mir die Welt zu zerstören?
Und warum will ich, in meiner Armut,
Die in sich selber Sinn sucht,
Dich strafen, der noch ärger sich quält,
Dem selbst ins Chaos die Flucht
Noch als Rettung erscheint?
(indem sie ihn abführen )
Uns beiden wäre es gut,
Blieben unsre Armuten vereint;
Ein Keglein Sand, das zusammenhält,
Mit letztem Denken sich stemmt,
Eh die Flut alles verschwemmt.

Verwandlung.

Ein Zimmer in Keplers Haus in Prag, gegen Abend.
Ein Tisch voller Papiere,

Schreib- und Meßgeräte.
Kepler mit der kleinen Susanna.

Kepler
(matt)
Ach, die Gedanken flattern nebelhaft,
Sie zu binden fehlt mir die Kraft.
(Er legt das Schreibgerät beiseite.)

KLEINE SUSANNA
(sich an ihn schmiegend)
Hab ich dir die Lust verdorben?

KEPLER
(streichelt sie)
Nein, Kind, dein Hiersein macht mich froh,
Es schafft sich gut, wenn du dabei bist.
(traurig)
Mit der Mutter war's auch so.

KLEINE SUSANNA
Du bist traurig seit sie weg ist.

KEPLER
Du doch auch.
(Das Kind weint, er sucht es zu beruhigen. )

KLEINE SUSANNA
Warum ist sie gestorben?

KEPLER
Sie sehnte sich nach Graz, war fremd hier,
Litt an der Not der Welt, meiner Arbeit,
Fiel in Schwermut und Trübsinn.

KLEINE SUSANNA
Und nahm mein Brüderlein mit.
(weint mehr)

KEPLER
Gott liebte es noch mehr als wir
Und gab's der Mutter zum Geleit.

KLEINE SUSANNA
Weshalb gingen wir nicht anderswo hin,
Wenn die Mutter hier litt?

Kepler
(gequält)
Wir sind nicht frei. Bin dem Kaiser dienstbar.

KLEINE SUSANNA
Konntest du's nicht in den Sternen lesen?

KEPLER
(mit Bezug auf den Kaiser)
Was sich dort zeigt, ist unklar,
Selbst einem ungetrübten Wesen.
(er singt ihr zum Trost ein Lied*)
Ach, leiblich Aug, du schwach Gemächt,
Dein Sehen ist nur Spiegelfecht
In diesen finstern Auen.
Du wirst, wenn hie dein Schein erbleicht,
Von Angesicht zu Angesicht
Das ewig Licht erschauen.
Glaub sicherlich,
Nit fürchte dich,
Laß dir nicht kindlich grauen.

*) Dieses Trauerlied ist einem Originalgedicht Keplers entnommen,
 das er 1611 auf den Tod seiner Frau und seines Söhnchens schrieb.
Die Melodie ist etwas jüngeren Datums: sie ist von Job. Herrn.
Schein, der sie 1627 für einen ähnlichen Trauerfall
in seiner Familie komponierte.

KLEINE SUSANNA
(fortfahrend)
Ach Mensch, du lebst ein steten Tod.
Zum wahren Leben Sterbensnot
Tut nur den Anfang bringen.
Auf einmal wirst du wie ein Korn
Zum ewigen Leben neu geborn,
Durch Christum mag's gelingen.
Wünsch dir kein Weil!
Durch Sterben eil,
Zum Leben durchzudringen.

KEPLER
(faßt sich)
Nun geh, tummle dich mit den andern.
Und schick mir den Ulrich.
(Die Kleine umarmt und küßt Kepler und geht ab. )
Herr, zeigtest du mir doch, wie das Leid
Sich der Güte deiner Schöpfung einreiht.
(Ulrich kommt)
(wieder sehr nüchtern und auf die Arbeit weisend )

Ich gab dir Tychos Planetenzeiten,
Jupiters Lauf draus abzuleiten.
Wie ich sehe, tatst du's nicht.
Du nimmst's zu leicht.

ULRICH
(verlegen)
In einem Trauerhaus,
Dacht ich, setzt zuweilen die Arbeit aus.
(eifrigtuend)
An mir soll's nicht liegen, wenn die Welt
Das Rudolfische Sterntafelopus
Nicht zur rechten Zeit erhält.

KEPLER
Zeigtest du doch mehr Sinn für deine Pflicht!

ULRICH
Daß Gelehrsamkeit langweilig sein muß!
(holt pfiffig ein Papier hervor)
Ich las mein Schicksal aus den Sternen.
Das kennt ich - heimlich zwar - euch ablernen.

KEPLER
(gutmütig)
Zeig her.

ULRICH
(gibt ihm das Papier)
Seht nur, wie die Sonne sich stellt
Zum Saturn - und der Mond, die Venus
Mit günstigstem Einfluß!
(sich in die Brust werfend )
Wie mir alles zu Füßen fällt!
Größe! Ruhm!

KEPLER
(gibt ihm das Papier wieder,
nachdem er es besehen hat )

Ganz gut. Nur um ein paar Grad
Verdreht ist die Figur. Als Soldat
Ein seltsames Schicksal scheint dir gewiß.

Ulrich
(empört)
Mir, der nichts mehr haßt als den Kommiß!
Sicherlich irrt ihr euch.

Kepler
(schmunzelnd)
Mag sein.
Da hast du den Wert der Sternguckerei.

ULRICH
Habt ihr nicht selber dem Grafen Waldstein,
Dem Kaiser das Horoskop gestellt?

KEPLER
Die wissen, was davon zu halten sei.

Ulrich
(schnippisch)
Der Graf tut nur, wie's den Sternen gefällt,
Und der Kaiser ist ohnehin närrisch.

KEPLER
(streng)
Der Graf schiert uns nicht. Sprich nicht höhnisch
Vom Kaiser, unserm Brotherrn obendrein.
(in Gedanken versinkend )
Schwankend, haltlos mag er sein,
Weil er auf schlechte Räte hört.
Als ich jüngst ihn sah, erregt, verstört,
Erkannte ich, wie sein hoher Verstand
Keinen rechten Betreuer hat.
(sich begeisternd)
Hat er erst in philosophischer Sicht
Seines Amtes Würde und Pflicht erkannt,
Er entzöge sich ihr nicht.
Ich versuche es. Ein gelehrter Traktat
Wird ihn zum Beßren leiten.
(reißt sich von dem Gedanken los)
Was red ich! Hier heißt's arbeiten.
Nimm den Jupiter vor. Ich den Mars.
(beide gehen an die Arbeit)

ULRICH
Wenn's denn sein muß! - Manchmal fällt mir's bei:
Wärst du doch Buchdrucker geblieben,
Hättst dich nicht der Wissenschaft verschrieben.
Das bracht mehr ein als die Rechnerei,
Und bequem und friedlicher war's
Daheim in Linz als in dieser Stadt
Von Hofgesindel, Spekulant und Schuft.
Daß ihr die Geduld habt, hierzubleiben!
(Keplern aushorchend)
Kam nicht von Oberösterreich ein Schreiben,
Das euch in der Landschaft Dienste ruft?
Geht doch hin! Schön ist's in meiner Heimat.

KEPLER
(ohne die Arbeit zu unterbrechen )

Du weißt ja, mein Platz ist hier.
Der Kaiser braucht Hilfe, ist in Not.

ULRICH
Ihr saht, wie eure Frau dahinschwand
Im Prager Moder. Worauf wartet ihr?

Kepler
(sinnend)
Ich seh's, das Unheil nimmt überhand.
Die Frau und das Büblein tot,
Die Angst um den Kaiser, die schlechte Zeit.
(barsch)
Dazu des Gehilfen lasche Arbeit.

ULRICH
(zutunlich, aber doch furchtsam)
Meister, versteht doch, ich kam her
Als einer, der nach Neuestem trachtet.
Was finde ich aber in eurer Lehr?
Ein Denken, das nichts Wirkliches achtet;
Getüftelt hätte den Kosmos ein Geist,
Der mit Würfeln spielt und Tetraedem;
Seelen säßen in Sonne und Stern!
(beide erregen sich)

KEPLER
Das, was im Stern, nicht im Menschen kreist.

ULRICH
In Maschinen, die ihr Werk ausüben!

KEPLER
Von lebendigen Kräften getrieben.

ULRICH
In Italien forscht man mit weitrem Blick.

KEPLER
Um, wie wir, stets Gott zu treffen zuletzt.

ULRICH
Die Gesetze der Weltmechanik!

KEPLER
Von Gott der Materie eingesetzt!

Von draußen hört man die Menge die Weise Tansurs aus dem

ersten Bild anstimmen. Ulrich geht zum Fenster und schaut
hinaus.

VOLK
Hört, was sich begeben hat:
Unser König Rudolf legt ab die Kron.
Seine Brüder zwingen ihn,
Sich vom Amt zurückzuziehn.
Statt Schwachheit Habgier auf dem Thron.
Weh dem Reich, weh dem Böhmerstaat!

KEPLER
Sie schreien?

ULRICH
Der kranke Kaiser muß gehn.
Matthias an seinen Platz gestellt.

Kepler
(resigniert)
Gesund genug, die Schmach zu verstehn.
Erdrosselt ein Geist, eine Welt.
(geht auch zum Fenster)

VOLK
Ein verlorner Mann, alt und arm,
Trägt in sich den Wahnsinn der Vorfahren.
Neuer Kaiser, neue Not,
Neue Kriege, neuer Tod.
Daß Gottes Allmacht sich erbarm,
Vor der Höll uns zu bewahren.
Kepler und Ulrich kommen vom Fenster zurück.

Ulrich
(bedenklich)
Da geht das alte Reich entzwei.

Kepler
(geknickt)
Das überlebt er nicht. In Nacht geht er hin.
Mich lassen sie nicht lindern seine Not.
(sich aufraffend)
Du bist's, der gewinnt dabei.
Da Frau, Kind, Gönner, Arbeit von mir gehn
Muß ich nehmen, was Linz mir bot.

ULRICH
(vor Überraschung freudig ausbrechend )

Du ödes Prag, fahr hin!
Von heut an ist die Welt wieder schön.






ZWEITER AUFZUG


1. AUFZUG
2. AUFZUG
3. AUFZUG
4. AUFZUG
5. AUFZUG





Ein Platz zwischen Ruinen, Brandstätten
und Gestrüpp auf der Prager Kleinseite.

Im Hintergrund hoch der Hradschin. Zerfallene,
mit Lappen zugehängte Kellerlöcher
und Gruben, in denen zerlumpte Familien hausen.
Tansur sitzt auf einem unkrautbewachsenen Ruinenhügel.


TANSUR
Da wart ich auf den großen Herrn,
Was er mir jetzt zu tun anweist.
Das Los der Mittelmaßherden,
Der Masse ohne Schöpfergeist:
Zu dienen den Erfindern, den Lenkern
(Und nicht zermalmt zu werden).
Sie brauchen unsern Beistand,
Sich hochzuschwingen,
Um dann in Asche zu verrauchen,
Nach vieler Eruptionen Brand
In armen Seufzern zu verklingen.
Das ist vollkommne Harmonie:
Der Mittelwerte Sieg,
Die jenen halfen, sie nun aufbrauchen.
So bau ich ohne Haß am Aufstieg
Und warte auf das Ende ihres Ruhms
In Geduld, und stolz des nie
Vergehenden Unschöpfertums.
(Aus den Wohnlöchern sind
einige Männer gekommen, die sich

um Tansur scharen.)

MÄNNER
Gebt uns von eurem Überfluß, Herr.

TANSUR
(steht auf)
Schaut besser hin. Nicht Herr noch Überfluß.

MÄNNER
Seht unser Nichts. Habt ihr wenig, 's ist mehr.

TANSUR
Was brachte euch solchen Verdruß?

MÄNNER
Vor zwei Jahren die Passauer Rotten.
Hier war unsre Wohnstatt, unser Glück.

Tansur
(achselzuckend)
Es traf euch hart, leidiges Geschick:
Große Fische müssen kleine schlucken.

MÄNNER
Der Wal, der dich Großkopf frißt,
Ist auch nicht fern. Dann läßt du dein Spotten.


Tansur
(lacht)
Bis er zuschnappt, verspott ich ihn.
(zum Publikum)
ich und groß! Die ganze Größe ist:
Ich warf den Marktschreier hin,
Um mich Waldsteins Befehl zu ducken.

Wallenstein kommt,
von zwei italienischen Architekten und

Handwerkern begleitet.

WALLENSTEIN
Was will die zerlumpte Schar?

TANSUR
Sie wohnen hier.

WALLENSTEIN
(angeekelt)
Das wohnen zu nennen!

MÄNNER
(bitter)
Die Rattenhöhlen sind uns so kostbar
Wie euch euer Herrschaftshaus.

WALLENSTEIN
Auch von ihnen müßt ihr euch trennen.

MÄNNER
Dem letzten schnöden Fetzen Heimat!

Tansur
(höhnisch)
Macht das einem Edelmann was aus,
Der den Platz für Beßres nötig hat?

MÄNNER
Das Unglück, ein altes, mürbes Tuch -
Beginnt's zu reißen, ist kein Halten mehr.

WALLENSTEIN
Ich kaufte das Land, nicht was auf ihm kriecht.
(zu Tansur)
Gib ihnen Futter und Geld genug,
Und morgen hab die Baustelle leer.

MÄNNER
Mehr als zu danken bleibt uns nicht
Für das wohlwollend versüßte Elend.

(Die Männer gehen bedrückt in ihre Höhlen zurück.)
(Wallenstein wendet sich
von der unerfreulichen Wirklichkeit ab

und seinen Plänen zu.)

WALLENSTEIN
Und dann beginnen wir zu bauen!
Ein Palast, wie sich keiner in Prag findt.
(zu den Architekten, die ihm
mit Plänen und Anweisungen zur

Hand gehen)
Laßt mich die Pläne beschauen.
(urteilt mit Kennerblick)
Ah, wie man schon die Anlage erkennt!
Gut, wie sie breitest zum Hang sich ausricht'.

Allerdings, zu klein ist der Saal,
Für die Feste, die zu feiern sind.
Auch sieht man des Schlosses Beziehung nicht

Zu seines Bauherrn Natur.
(in große Begeisterung geratend)
Von außen sei's nüchtern, fast kahl,
Doch innen tobt in tollstem Umtrieb
Von Durchsicht, Säule, Licht und Stukkatur.
(fast bittend)
Und vergeßt nicht, was mir besonders lieb:
Die weite Halle, die offne Sala
Terrena, die ich oft im Süden sah,

Ein Stückchen Italien, hingestellt
In unser verschloßnes Nordland.
(Die Architekten und Handwerker
haben sich Notizen gemacht.

Er entläßt sie mit einer
gnädigen Handbewegung,
und sie gehen

sich verbeugend ab.)
(zu Tansur)
Du warst's, der mir diesen Platz fand.
Ich bin zufrieden. Im neuen Palast
Gibt's für dich ein reiches Arbeitsfeld.
(wieder zurück in der Gegenwart)
Doch darüber gehn noch Jahre hin.
Muß größer noch werden, als ich schon bin,

Mich wenden: Kaisers Partner wurd ich gleich
Und päpstlich - wozu du geholfen hast.

TANSUR
Der Papst, der Kaiser, das spanische Reich
Sind mächtiger als der Protestant.

Wallenstein
(nachdenklich)
Kaiser Matthias - schwächstes Glied,
Unklug, ungeschickt, kinderlos -
Wer erbt Böhmen, wenn er verschied?


TANSUR
Sein steiermärker Vetter Ferdinand.

WALLENSTEIN
Der liegt mit Venedig im Streit,
Braucht Truppen. Du warst als Werber groß

Für meine mährische Reiterei.

TANSUR
(stolz, soweit er einer solchen Bewegung fähig ist )

Keine besseren gibt's dieser Zeit!

WALLENSTEIN
Nun bring mir neue Mannschaft bei,
Einen Trupp Kürassier und Musketier.
Damit helf ich dem Erzherzog zum Sieg.
Wird er einst Kaiser - höchstwahrscheinlich -,
Hängt sein Glück mehr und mehr an mir.
So beginnt der ruhmvollste Aufstieg,

Den ich in den Sternen seh.
(weit schauend)
Ein Soldatenleben in ständigem Krieg,
Krieg auf neue Art, nach meiner Idee:
Ein Krieg, der sich selbst ernährt, eigenlebt


TANSUR
Krieg um des Krieges willen?

WALLENSTEIN
Krieg um die Macht!

TANSUR
Und die Macht
Um der Macht willen!

WALLENSTEIN
Die den Ruhm erstrebt!

TANSUR
Um des Ruhmes willen?

WALLENSTEIN
Gedankenfracht
Kann mein Verlangen nicht stillen.
(kalt und abweisend)
Wo die Grenzen liegen findet sich,
Die Konzeption hat keine Schwächen.
(nachdenklich)
Bliebe ich dafür nur gesund!

TANSUR
Erlaubt mir, dazu ein Wort zu sprechen.
Ich seh ungern, wie euch Gefahr umschleicht.


Wallenstein
(mißtrauisch)
Was ist's?

TANSUR
Laßt, 's ist peinlich.

WALLENSTEIN
Sprich!

TANSUR
Euer Arzt ist besorgt. Der Grund:
(vorsichtig)
Eure Gemahlin, die euch wenig gleicht -
Physisch, mein' ich -

Wallenstein
(harsch)
Rund heraus: sie ist alt,
Dafür ist sie reich.

TANSUR
...
und somit bedacht,
Daß sie sich eure Neigung erhalt -
Kurzum, sie gab euch ein Mittel ein,
Das unversehens Böses verursacht.


Wallenstein
(finster)
Du bist ehrlich. Trotzdem hör ich's ungern.
Aber ich bin oft lahm in Arm und Bein,
Hab Fieber - Gift kam mir schon in den Sinn.

Sei verschwiegen. Ihr Tod ist nicht fern.

Tansur
(lauernd)
Wie könnt ihr das wissen?

WALLENSTEIN
(mit Selbstverständlichkeit)
Von Anbeginn
Sagt's das Horoskop. Ihr Millionenschatz

Fällt mir zu, weitet mir das Tor zur Welt.

TANSUR
Ad astra - über diesen Schuttplatz.

WALLENSTEIN
Über alles, was sich entgegenstellt.

(Er geht schnell ab. Tansur bleibt, seine Gefühle eine Mischung

von Triumph, Fatalismus, Schnoddrigkeit und doch Unsicherheit,
zurück und setzt sich wieder auf den Ruinenhaufen.)

TANSUR
Wie hält er den Marschplan treulich ein!
Wie prompt er in höchste Höhen schnellt!
Welchen Aufruhrs wird man Zeuge sein,
Wenn er dereinst stürzt und zerschellt.

Verwandlung


Linz. Der Arkadenhof des Landhauses mit dem schönen Portal. Die Räume neben
dem Portal denkt man sich als zur Landschaftsschule gehörend, rechts außerhalb
soll die Kirche gelegen sein. Sonntag vormittag im Frühjahr. Städtische und länd­
liche Kirchgänger kommen von allen Seiten und gehen in die Kirche. Die Studenten
der Schule in ihren Sonntagsmänteln kommen aus den Schulräumen und stehen
wartend herum. Ulrich sucht sie geordnet aufzustellen, in Erwartung Keplers,
der sie zur Kirche führen soll.

STUDENTEN
Dringt es zu Gottes Ohr,
Wenn am Sonntag früh
Die verschlafenen Scholaren
Mit Gegähne sein Haus entweihen?


ULRICH
Stellt euch in Reihen!
Kommt der Professor,
Sollt ihr nicht dastehn wie's liebe Vieh.


Studenten
(untersich)
Lehrerschrullen könnte er uns sparen,
Und auch dieses Ärgernis
(auf Ulrich bezugnehmend)
Hätte er besser nicht mitgebracht,
Der sich so wichtig macht
Wie'n neuentdeckter Stern;
Wir kennen nur sein Flimmern:
Totale Finsternis.

ULRICH
Das scheint nur euch so,
Da es dem Meister nicht gelang,

Eine Eins vorzusetzen eurem Zero.

STUDENTEN
Du sechsfache Null siehst im Traum schon
Die Eins die dich macht zur Million.
(Kepler im Sonntagsstaat ist hinzugekommen
und hat die letzten

Worte gehört.)

KEPLER
Als X nehmen wir unsren Anfang;
's ist der Glaube an Gottes Allmacht,
Der uns zu realen Größen erhebt.
Denkt daran, macht mir keine Schande!
Unsre Herren kommen zur Andacht,
Die adligen Stände vom Lande.
(Während er die Studenten zur Kirche führt,
tuscheln diese unter sich.)

STUDENTEN
Und bringen ihre hübschen Mädchen mit.

Während dem Abgang Keplers mit den Studenten sind neben den Häuptern der
Stadt auch die Landstände - die Edelleute aus der Umgebung - mit ihren Frauen
und Töchtern gekommen. Sie begrüßen sich auf dem Wege zur Kirche. Unter ihnen
befindet sich der Baron Starhemberg, von Susanna begleitet. Sie ist, wie all die
anderen Frauen, in Landestracht gekleidet und trägt die dazugehörige Goldhaube.

ULRICH
(den Studenten nachsehend)
Und bringen ihre hübschen ... das lebt
Verspielten, verwirrten, verliebten Sinns.
Liegt wohl an den linden Frühlingstagen.
(er bemerkt Susanna)
So geht mir's auch. Die ich wiedersah,
Sitzt mir im Kopf, ist immer nah,
Bei allem Denken, jedem Schritt.
Sie kam. Ich muß sie fragen.


Die Landstände
Schul- und Kirchenvisitation,
Willkommner Anlaß, im traulichen Linz
Ein paar Tage abzusteigen.

Ihre Frauen und Mädchen
Und Kleider, Schmuck und Kron
Den Neidern hier zu zeigen.

Starhemberg
Linzer Bürger, Kamraden
Zu sehn, die man gern hat.
(Sie gehen ab in die Kirche,
und damit sind alle Kirchenbesucher

erschienen. Susanna ging als letzte,
Ulrich spricht sie an. )


ULRICH
Susanna, einen Augenblick.
Ich ahnte, du kämst zur Stadt
Mit deinem Vormund, kam drum her.

Sah dich neulich schon, alles kam zurück:
Spiel, Scherz und Ernst, gemeinsame Kindheit.
Und der Wunsch, dies Glück neu zu erleben.

Susanna
(verlegen)
Du erschreckst mich. Bist doch jetzt gescheit
Und erwachsen! Vorbei das Kinderglück.
(will gehen)

ULRICH
Ein neues denn! Bleib heut hier. Sie geben
Ein Fest mit Tanz und Musik.

SUSANNA
Laß, ich versäum die Kirche ganz.

Ulrich
(dringend)
Du bleibst?

SUSANNA
(im Abgehen)
Du mußt den Herrn Vormund fragen.
(ab)

Ulrich
(auftrumpfend)
Ein gescheiter und erwachsener Mann
Wird ja noch etwas wagen!
Freilich frage ich ihn, nicht nur zum Tanz:

Um deine Hand halte ich bei ihm an.
Wüßte nicht, wo beßre Freier sind.
Kein Adliger nimmt ein Schreinerskind,

Trotz nobler Erziehung, die er ihr gab,
Und gemeinem Volk gibt er sie nicht ab.

Tansur als Werbeoffizier tritt auf, mit Lederkoller, Reiterstiefeln und Federhut

bekleidet. Zwei Knechte folgen ihm mit einer eisernen Geldkasse, dann einer mit
einer Fahne und noch einer mit Tansurs Mantel und Knappsack.

ULRICH
Hier kommt, der den Sonntagsfrieden beendt.

TANSUR
Im Gegenteil: der für endgültigen Frieden wirkt.

ULRICH
Für den nächsten Krieg werbend!

TANSUR
Ja. Erstens spart ein Krieg eine Pest.
Dann, uns ist bekannt, der Kriege Zahl
Ist beschränkt. Erfüllt sie sich einmal,
Ist erreicht die Eintracht der Welt.


ULRICH
Uns? Wem?

TANSUR
Manchem der Kriegführenden
Und jedem Lenker, der sie anweist.

ULRICH
Bist du das?

Tansur
Vielleicht. Auf wen die Wahl fällt.

Ulrich
(spöttisch)
Dank, daß du mich einblicken läßt.
Wer aber ist der oberste Geist,
Der solche Ordnung einsetzt?

TANSUR
Wüßt ich's, wüßt ich auch seinen Plan;
Entflöh ihm, andre Rätsel zu schauen.
Fügtest du dich doch dieser Ratio
Statt ihr zu widerstreben.

Ulrich
Widerstreben?

TANSUR
Hab dich recht eingeschätzt
Schon in Prag. Faulen Ehrgeizen leben,
Doch nur auf Zufälle bauen,
Das führt zu nichts.

ULRICH
Ein schönes Credo,
Entgegen dem, das sie drin singen!
(Aus der Kirche hört man den Gesang der Gemeinde.)

Gemeinde
Dank sagen wir alle Gott, unserm Herrn Christo, der uns
mit seiner Geburt hat erleuchtet und uns erlöst hat mit
seinem Blut von des Teufels Gewalt. Allzeit Preis sei Gott
in der Höhe.


TANSUR
Dem Ritus da sehr ergeben?

ULRICH
Ich bin römisch - nicht zu eifrig eben.

TANSUR
Verschreibe dich klareren Dingen.
Komm zu uns, da geht's redlich her.
Paradies, Erlösung kennt keiner dort.
Wer den andern schmeißt, bleibt obenauf,

Kein Ehrlicher kann dich mit mehr versehen.

ULRICH
Zum Militär gehn? Nimmermehr!

TANSUR
Rennst du erst mal deiner Feigheit fort,
Weißt du, wo meine Fahnen wehen.

ULRICH
Das heißt, nirgends mehr kreuzt sich unser Lauf.

Tansur geht mit seinen Leuten ab. Aus der Kirche kommen die Gemeindemitglieder,

sehr bedrückt. Zuerst die Studenten, die flüsternd und erregt reden. Dann die
Stadt- und Landstände und die Frauen, alle ebenso betroffen und gespannt. Zum
Schluß Starhemberg, Kepler und Hizler.

STUDENTEN
Schließt des Pfarrers Amt denn ein,
Richter, Weibel und Profoß zu sein?
Strengen Lehrern gönnt man unzweifelhaft
Auch einen kleinen Hieb einmal,
Doch so wird nicht mal ein Mörder bestraft.


Frauen
Vor uns allen einem frommen Christen
zu verweigern das Abendmahl,

Das sind des Teufels Listen.

MÄNNER
Eine nie erlebte Schande
Unsrer Gemeinde, der Stadt, dem Lande.


KEPLER
(verwirrt und erregt zu Hizler)
Werter Freund, Landsmann,
Wißt ihr, was euer Schritt zur Folge hat?

Bringt mich in Verruf vor der Stadt,
Den Ständen, den Schülern!

Starhemberg
Was hat er euch angetan,
Daß ihr ihn verweist vom Tisch des Herrn?


MÄNNER
Warum das ihm, den wir alle ehren?

Hizler
(starr und selbstbewußt)
Ich tat, was das Konsistorium befahl.
Er lenkt den Glauben nach eigener Wahl

Und verachtet die Kirchenlehren.

KEPLER
Ich forsche und glaube tief, kämpfe hart
Um die Heilskraft der Religion.

Hizler
Trotzdem gescheh, glaubt er, die Kommunion
Ohne des Herrn leibliche Gegenwart.

KEPLER
Als ob mein Glaube Ketzerei wäre!

Hizler
(redet sich nach und nach in großen Zorn )
Corpus et sanguis vere
Et substantialiter sint praesentia,

Leib und Blut seien gegenwärtig,
So steht es unbestritten da.

In der Hitze seiner wachsenden Aufregung verrennt er sich immer

mehr in den Begriff der Gegenwärtigkeit.

KEPLER
(immer sehr ruhig)
Eine Lösung, unbedacht, leichtfertig.

Hizler
Der Augsburger Konfession,
Formulae concordiae, dem Bergisch Buch

Ist der Heiland gegenwärtig genug.

VOLK
Der Glaube bedrängt von zwei Seiten.

Wir wissen nicht mal, um was sie streiten.

KEPLER
Und der Kirchenväter Zeugnis?
Die Bibel? Die alte Religion?
Andrer Reformisten Bekenntnis?

Hizler
Was ist all den Ketzern, Kalvinern,
Dem Nestorianer Zwingli
Die Gegenwart des Herrn?

Abwesend ist er für sie.

KEPLER
Soll ich mich also mit Vorbehalt beugen?

Hizler
Keine Ausflucht! Ihr sollt bezeugen,
Gegenwärtig sei Christi Leib und Blut.

KEPLER
Als geistige Wirkung allein.

Hizler
(wütend und befehlerisch)
Leibliche Gegenwärtigkeit muß sein!

KEPLER
So stoßt ihr mich aus der Kirche Obhut?

Hizler
Mit des Konsistoriums Beschluß einig
Weigre ich künftig wie gegenwärtig
Euch des Abendmahls Segen
Und jede kirchliche Gegenwart,

Solang ihr im Glauben gegen
Die Gegenwärtigkeit fortfahrt.

Das Folgende singen alle zusammen.

SUSANNA
Das darf nimmer tun ein Christ:
Statt mahnen vernichten.
Ist sein Amt, dem Volk ein Vorbild zu sein,

Wie kann er dann voller Zorn den richten,
Der willens zur Demut ist?
Jeder fühlt hier, wie das Recht verdreht wird

Und wendet dagegen nichts ein.
Wär er in Not weit abgeirrt,
Ist dann niemals Verzeihung für sein Vergehn?

Was keiner der Männer hier wagt,
Nehm ich getrost auf mich,
Ist's auch dem Mädchen untersagt

Und falsch angesehn:
Verteidiger des Beschimpften bin ich.


ULRICH
Entschieden ist nicht, wer da irrt,
Wer kann's auch erkennen?
Ob Fleisch, ob Geist, ist dem Frommen nicht

Von Grund auf zu wissen not,
Solang ihm die Gnade wird.
Müßig, daß einer künd seine Ansicht
Und der andre ihm weigert Wein und Brot.

Wie leicht, den Nächsten Sünder nennen,
Der Gottes Tempel schnöde entweiht,
Und sich den Erben der Rechtschaffenheit!


KEPLER
Wovon ich überzeugt bin,
Des tret ich auch als Zeuge hin.

Wie sehr die Kirche zetert
Und ihre Besorger mich schmähen.

Das Wort, das der Herr sprach, gilt,
Nicht der Buchstabe der Konvention.
Der Glaube ist keinem Menschen mehr wert
Als mir, der in allem schaut Gottes Bild.
Dafür muß ich mich vertrieben sehen
Von Gottes Altar und Kommunion.

Hizler
Was mir verordnet ist, führ ich aus.
Selbst dem Freund, der mir sonst lieb und wert,

Darf ich das Recht nicht zugestehn
Zu eigner Deutung im Gotteshaus.
Das Band der Gemeinde blieb nicht bestehn,

Wenn der, dessen Geist aufbegehrt,
So tun dürfte ohne strenge Strafe.

Er ist aus dem Pferch zu entfernen,
Damit nicht die trauernden Schafe
Von seinem Frevel lernen.

Starhemberg
Ein römischer Eifrer in seiner Wut
Ist böser nicht als ein Protestant,
Der Schande begeht und hält sich für gut.

Die Reformation sollt uns befreien
Von Priestern, die Gott nicht wahrhaft erkannt.

Wenn das Keplern geschieht,
Was dann schwächten Laien?


VOLK
Durch ihn, den er Frevels zeiht,
Ist die Kirche nicht entweiht.
Kepler, den alle schätzen,
Darf solche Strafe nicht erdulden.
Er wollte niemals den Herrn verletzen.

Er leidet ohn eignes Verschulden.
Wie sollte denn ein frommer Christ
Nicht erwägen das Wort mit Verstand?
Vom starrköpfgen Pfarr das Abendmahl ist
Gegeben mit sündiger Hand.

SUSANNA
(tritt entschlossen vor )

Länger hält es mich nicht,
Ich sag, was alle denken. Voll Leid
Sehn wir euch, der Milde üben soll,
Über Heiligstes reden so zornvoll.

VOLK
Zu sprechen wie sie wäre unsre Pflicht.

Unter den Gläubigen soll Friede sein.

Hizler
Jungfer, überlaßt mir den Entscheid
Über Rechtes und Falsches im Priestertum.


SUSANNA
(dem Weinen nahe)
Und schlagt auf eins eurer Lämmer ein,
Einen Mann von Ehren, von großem Ruhm.

ULRICH
(Susanna energisch zuflüsternd)
Wie unklug, dich ihm zur Seite zu stellen!

KEPLER
(bittend zu Susanna)
Schweigt doch, ich bitt euch.

Hizler
Ah, man konspiriert!
Das hilft seiner Sache schwerlich.

SUSANNA
(wendet sich weinend an Starhemberg)
Ich weiß, wie mein Reden zu nichts führt.
Wer hielte da aber stumm an sich?

Starhemberg
Beruhige dich, wir werden's regeln.

Volk, außer den Landständen
Da spielt manches im Hintergrund,
Das uns nicht berührt. Man vernimmt's ungern.
Schließt Ohr und Mund
Und haltet euch davon fern.

Die Studenten, die Frauen
mit Susanna und die Mehrzahl der

Kirchgänger gehen ab.

Landstände
(zu Hizler)
Herr Pfarrer, ihr seid, wie der Magister,
Von uns, der Landschaft, angestellt,
Und zu handeln nicht völlig frei.

Hizler
(aufgebracht)
Mir geht's um Gottes und der Kirche Ehr.
Landstände     Die Form ist's, die uns nicht gefällt.
Laßt uns gehn, beraten was zu tun sei.

(sie gehen mit Hizler ab)

StarHeMberg
(bleibt mit Kepler zurück, ruft ihnen nach )
Ich folge gleich, ihr Herrn, geht vor.
Gönnt mir ein Wort mit unserm Doktor.

Kepler
(ergeben)
Das ist das Ende ohne Ehren
Meiner hiesigen Arbeit.

Starhemberg
Nicht doch. Ihr wißt, wie ihr uns lieb seid.

KEPLER
Ihr kennt Studenten. Wie kann ich lehren
Gegen die Mißachtung der Klassen?

Starhemberg
Den Schuldienst wollen wir euch erlassen.
Als Geometer, Astronom bleibt hier.

KEPLER
Auch da derselbe Einwand.

Starhemberg
Ihr irrt. So ungeschickt der Pfarrer war,
Er lehrt uns: Mehr als je brauchen wir
Zusammenhalt und Widerstand.
Wir flohen päpstlicher Unduldsamkeit,
Um nur noch ärger zu kranken
Am Zwiespalt in der eignen Schar.
Er öffnet das Tor weit
Erneutem römischem Glaubenszwang,
Der schlimmer wird als alles Leid bis jetzt.
Da wollen wir jedem danken,
Der mit uns zum echten Glauben hält
Und sich unweisem Druck widersetzt.
Zumal ein Gelehrtcr von eurem Rang.

Kepler
(unwirsch)
Den ein Mädchen schirmt in Notlagen!

Ulrich, der mit der Menge fortgegangen war, kommt eilig zurück,

um Kepler zu holen. Als er das Gespräch hört, bleibt er stehen
und lauscht, unter den Arkaden versteckt.

Starhemberg
Höchst wünschenswert, wenn's an Männern fehlt,
Die aufzuschäumen wagen.
(ihm vertraulich zuredend)
Ihr solltet dauernden Beistand finden.
Verwaist sind euch die Kinder und das Haus.
Zudem möcht ich euch an uns binden
Durch mehr als Arbeit und Pflicht allein.
Bitt euch, kommt morgen, wenn's euch behagt,
Zu mir nach Eferding hinaus.

KEPLER
Gern tu ich's. Ein trostreiches Gespräch
Wird mir von Nutzen sein.
(ab)
Starhemberg will
nach der anderen Seite abgehen,
Ulrich tritt ihm aber,
teils frech, teils verlegen, in den Weg.

ULRICH
Verzeiht, daß ich mich so frech
Vordränge. Muß mich wehren
Gegen das, was ihr dem Doktor vorschlagt.

Starhemberg
(unangenehm berührt, doch höflich)
Solche Ansicht in Ehren.
Mit welchem Recht ... ?

ULRICH
Dem Recht der Jugend,
Freundschaft aus Kinderzeiten,
Neue Liebe, Glauben an mein Talent.
Einem Bejahrten gebt sie nicht.

Starhemberg
Zweiundvierzig - er ist kein Greis!

ULRICH
Zu alt, mir das Mädchen abzustreiten.
Und schrecklich in seiner Einsicht,
Die andre wie Zwerge sich fühlen läßt.
Dabei sind seine Lehren nicht hiebfest.
Aber sie werden richtiggestellt
Sobald ich selber genug weiß!
Arm ist er, die Kinder sind unbequem.
Seine erste Frau starb an alledem,
Nicht ohne Assistenz, wie man munkelt.
(merkend, daß er zu weit gegangen ist)
Er ist mein Lehrer, nicht mein Feind,
Trotzdem stehe die Wahrheit offen da.

Starhemberg
(hat mit Erstaunen zugehört, ruhig und kalt )
Das schätze ich, drum ebenso frei:
Ich bin kein Sittenlehrer, doch mir scheint,
Einem, der freien will, steht's schlecht an,
Zu verleumden den Nebenmann.
Auch sehe ich nicht, wie für Susanna,
Die ich wie ein eignes Kind liebe,
Inmitten Neid, Unreife, Streberei
Eine Hoffnung auf Eheglück bliebe.
(ab)

Ulrich bleibt zurück, ballt
und schüttelt die Fäuste voller Zorn.


Verwandlung

Garten des Starhembergschen Schlosses
in Eferding bei Linz. Gegen Abend.

Susanna in Erregung.

Susanna
Als plötzlich Verwirrendes geschah
Und ich unziemlich aufbegehrte,
Da flogen mir die Worte zu
Und waren ungerufen da.
Was mir der Zorn so leicht bescherte -
Wollt, daß die Sanftmut gleiches tu,
Wo Fühlen, Denken froh zustimmt,
Welch fremden Weg auch das Geschehen nimmt,
Wie neu es sei, wie verwirrend,
Gehofft, gefürchtet und beglückend.

SUSANNA
(sie überlegt)
Er habe den Vormund um mich gefragt,
Käme her, daß ich ihm Rede stände.
Daß ich doch, von neuen Wirren geplagt,

Nochmals das rechte Wort fände.
(Kepler kommt, sie geht ihm eilig entgegen
und begrüßt ihn, ihm

erregt die Hände drückend.)
Wollt ihr mir meinen Vorwitz verzeihn?
Frag mich selber, wie ich die Kühnheit fand.

KEPLER
Der Geist der Kühnheit scheint umzugehn.

Dich für Rechtes streiten zu sehn,
Rief Schlummerndes aus seiner Ruh:

Der, die mir half, immer nahe zu sein,
Warb ich entschlossen um ihre Hand.

SUSANNA
Mich trieb Mut, Scham und Ingrimm;
Eine Flut reißt mich weiter und ich schwimm

Unverhofft Größerem zu.

KEPLER
Gleiche Woge schwemmt mich zum gleichen Ziel.

Nichts schien seltsam, gewagt, vom Grübeln schwer.

SUSANNA
Ich ahnte, wußte, begriff es bald,
Und ist nichts, das gälte so viel,
Nichts, das süßer beklemmend wär.

KEPLER
Nimmst du mich zu dir,

Verweist mich nicht fort?
Glättest das Rauhe, den Streit in mir?


SUSANNA
Ohne Wirrung und Rückhalt
Sag ich ja als Antwort.

KEPLER
Schein ich dir würdig? Bist du mir gut?


SUSANNA
Für immer.

KEPLER
Einem trocknen, hagren Mann?

Willst Frau Sternguckerin sein? Hast du Mut?

SUSANNA
Für immer.

KEPLER
Nimmst dich meiner Kinder an?

Willst meiner Mutter Nücken nachgeben?

SUSANNA
Für immer.

KEPLER
Teilen ein Forscherleben?

SUSANNA
Für immer, immer.

KEPLER
Der Himmel ist mein.

SUSANNA
Uns beiden. Ein Himmel voll Glück wird's sein.
(sie umarmen sich)
(während sie dicht aneinandergelehnt
verbleiben, singen sie )


KEPLER
Wüßtest du, was mir dein Ja bedeutet!
Es gibt mir Mut, Bestätigung
Der Kenntnis, die ich schon erbeutet.

Zu neuer Forschung
Nach tiefster Ordnung und Regelmagie,

Wie sie in Musik, Geometrie,
Dem Bau von Pflanz und Tier, Lauf der Sterne,

In Wesen, Bewegung, Beziehung
Alles Geschaffnen sich erweist.
Die auch umfaßt des Menschen Standort,

Sein Denken, sein Wirken und Bestimmung;
Aus der man abzuleiten lerne
Das göttliche Fiat, das Zauberwort,

Gesprochen am Beginn vom Schöpfergeist,
Das die Welt gebar und erhält im Licht.

SUSANNA
All das ist mir, die dunkel nur versteht,
So neu, so groß.

KEPLER
Muß ich nicht
Die Denker, Künstler, Herrscher dieser Erde

Ermahnen, in ihres Werks Bezirken
Sich jenem Worte anzugleichen,
Daß durch sie der Menschheit bewußt werde

Die Harmonie der Welt.

Susanna
(begreifend)
Sollten nicht wir selber auch erreichen,
In solchen Erklingens Zeichen
Mit dem Besten, das sich in uns aufhält,

Dem Nächsten nahe zu sein,
Ihn verstehn, Böses bessern, verzeihn,

Feindliches töten, Liebe mehren?

KEPLER
Viele können nicht sehn
Und andre wollen nicht schauen.

Da uns die Harmonie geschehn,
Laß uns sie den Menschen lehren
Und ihnen Brücken zu ihr bauen.

SUSANNA
(freudig zustimmend)
Alle Schwächen roden, Edlem frönen,
Wesens Wunschbild, des Himmels ein Abbild.


Kepler und SUSANNA
(voller Begeisterung)
Mit der Welt im Einklang tönen,

SUSANNA
Nutzbar machen ...

KEPLER
...
uns und allen . . .

SUSANNA
Diese Euphonie.

KEPLER
Mensch und Erde zugleich ...

SUSANNA
. . .
Beßrem Los zu weihe.

KEPLER
Gott zum Gefallen.
(sie küssen sich)

Kepler und SUSANNA
Ernteselige Zeit,
Die uns beschenkt umendlich reich
Und tiefster Sehnsucht Erfüllung verleiht.


KEPLER
(zurück in der Wirklichkeit)
So beginnt unser verbundnes Leben.

Susanna
(lächelnd)
Dem die Harmonie nicht mitgegeben
Wurde von der Kirche.

Kepler
(ernst)
Die mich verbannt.
Du bist noch frei.

SUSANNA
Mir ein wahrer Christ,
Vom Pfarrer ein Ketzer genannt.
Der hiesige segnet uns ein,
Der treu der Herrschaft und mir freundlich ist.


KEPLER
(umarmt sie jauchzend)
So wird hier in Eferding Hochzeit sein.
Wir laden ein die ganze Welt,
Selbst den Pfarrer von Linz, wenn's dir gefällt.


Susanna
(scherzend)
Daß reine Harmonien entstehen?

KEPLER
(sich heiter verabschiedend)
Fort der Mißklang! Ich muß jetzt gehen.
Ein Brautpaar im Garten, abends, allein ...
Bald ist's erlaubt. - Gute Nacht. Denke mein.
(Nochmalige Umarmung und Kuß. Beide gehen ab.)

Derweil ist der obere Teil der Bühne sichtbar geworden. Man sieht einen
Wirtshausgarten, in dem Tansur sein Werbequartier aufgeschlagen hat. Tisch mit

Papieren, Geldkasten, Weinkrügen und Bechern. Tansur mit seinen Leuten ist
damit beschäftigt, die Burschen mit und ohne Mädchen, die wie die lichtlüsternen
Motten um das Werbegeschäft schwirren, anzulocken und zu bewirten

TANSUR
Wollt ihr ein Leben, fröhlich, bewegt,
Das viel Ehre einträgt?
Schwört auf den großen Feldherrn Waldstein.


Burschen
(lachend)
Und mit was, glaubt ihr, seift ihr uns ein?

TANSUR
Fraß und Gesöff; so viel ihr wollt;
Abenteuer, Wams, Waffen, guten Sold.

Burschen
Und umsonst das Erschossenwerden.

TANSUR
Wollt ihr euch ewig sielen auf Erden?
Schließlich trifft euch doch Schlag oder Pest.
Besser tot im Schlachtfeld liegen
Als daheim im dumpfen Nest

Dem Tod entgegenzusiechen.
(Ulrich ist gekommen,
finster und entschlossen.
Er geht stracks

zum Tisch und unterzeichnet
die aufliegende Liste.)
Seht, der hat's auch erst anders gemeint,
Hat sich's aber überlegt, wie's scheint.
(wendet sich zu Ulrich)
Irgendwas ging wohl nicht nach Plan.
Das vergißt sich, bist du erst unser Mann.

Ulrich beachtet ihn nicht und setzt sich mürrisch auf einen
seitwärts stehenden Stuhl, auf dem er mit zornig aufgestütztem
Kopf bis zum Ende der Szene sitzen bleibt.

Burschen
Der sollte wissen, was er tut.
So übel kann's dann wohl nicht sein.

Was ihm billig, erscheint uns gut.
Hier, wir schlagen ein.
(sie unterzeichnen)

Burschen
Zu unsrem Abschiedssingen
Leucht uns die Sonne golden.
Wollt Gott, es möcht ein Vorgeschein
Vom Glanz der Siegeswaffen sein
Und nicht Blutfarb des Abendroten,
Der kriegerischen Toten
Gar böse Vorboten.
(Es ist Abend geworden.)

Susanna ist zurückgekommen
und singt verzückt ihr Brautlied.


SUSANNA
So wurde ich eine Braut
Mit einer Krone von Planeten,
Einem Schleier aus Kometen,
Einem Schloß, aus Sonnen erbaut.
Um mich ein Weltall errichtet,
Ein Olymp, aus Ziffern erdichtet,
In dem ich als Göttin walte.
Selig, selig bin ich.

Burschen
Ist es des Himmels Wille,
Daß wir uns schlagen weidlich,
Trägt er auch Sorg, daß nicht nur Tod
Und Mühsal uns in Schlachten droht.
Der Freuden erwarten wir gar viel
Mit Mägden, wie man will,
Und Tanz und Trunk und Spiel.
(die Werbeszene verschwindet )

SUSANNA
In ein Eden trat ich ein
Aus Zahl, Kalkül und Proportionen,
Wo Formeln statt Schlangen wohnen,
Äpfel harmlose Sphären sein.
Kein Flammenschwert wird uns austreiben,
Froh werd ich mit Adam bleiben
In seiner Weisheit und Stille.
Selig bin ich, selig bin ich.


1. AUFZUG
2. AUFZUG
3. AUFZUG
4. AUFZUG
5. AUFZUG





DRITTER AUFZUG





Linz. Bühne in zwei Stufen. Auf der oberen sitzt links die Kleine Susanna und

betrachtet den Vollmond einer friedlichen Sommernacht. Rechts unten in einem
kleinen dämmerigen Zimmer Susanna, an einem mit einer Kerze beleuchteten
Tisch die Bibel lesend.

KLEINE SUSANNA
Männlein im Mond. Du bis so fahl.
Dein Bündeln und Buckeln, tut's dir weh?
Du gehst ohne Ziel, du schaffst mit Qual,
Hast nie Hilfe und Erbarmen gekannt.
Laß uns trachten, den Fluch, der dich bannt,
Zu lösen, daß aller Gram von dir geh.

STIMMEN VOM MOND
(hinter der Bühne)
(geheimnisvoll)
Dem Mond gehört was ihm verfällt.
Dies ist ohne Milde eine Welt,
Luft-, Volken-, regenlos.
Eisklar ist alles hier,
Zeigt ewig sich offen und bloß.
Die Gnade von Hüllen entbehren wir,
Hie Wahrheit nur, glaskalt;
Anmutiger Trug ist uns unbekannt,
Moral biet' uns nicht halt,
Geheimstes Wollen muß im Grellen sein,
Und Sehnsucht reicht uns keine Hand.
Kein Mitleid hüllt unsre Leichen ein.

KATHARINA
(offenbar unverhofft
von der Reise kommend,
steht plötzlich in

Susannas Zimmer)

SUSANNA
(erschreckt auffahrend)
Was ist? Wer dringt so plötzlich ein?

Katharina
(hämisch)
Kennst mich nicht? Siehst mich erstmals jetzt.

SUSANNA
(erkennt ihre Schwiegermutter)
Allmächtiger! Was führt dich her?

Katharina
(mißtrauisch)
Was hab ich, das dich so entsetzt?

SUSANNA
(verwirrt, faßt sich schnell)
Nichts, nichts. Die Angst. Ich war allein.

Katharina
(berichtet)
Anklage, Festnahme, Prozeß, Schmach,
Marter und Spott. Ich ertrug's nicht mehr.
Ich bin am Ziel, nach langer Reisezeit,
Fährnis und Ungewißheit.
(etwas lauernd)
Gibst du mir friedliches Obdach?

SUSANNA
Mein Erschrecken verzeih miri
(herzlich)
Sei willkommen, vergiß, was dich vertrieb,
Raste, fasse dich, finde Ruhe hier.
Unser Haus ist dein Haus. Nimm vorlieb.
(Susanna führt die Alte hinaus.
Das Zimmer verdunkelt sich )


KLEINE SUSANNA
Männlein im Mond. Zur Neumondzeit
Ruht er sich aus von seiner Arbeit.
Wär gern zu andren Mondmännern gerennt,

Wenn er im Dunklen den Weg nur fänd.
Weiß auch nicht, wieviel Meilen das ist,
Da sein Möndchen nur nach Ellen mißt.

STIMMEN VOM MOND
Sieh, wenn die Milde flieht,
Die Menschensein wie zarter Duft umzieht,

Wie sich dann offenbart
Der eigentliche Drang:

Der unbedenklich zerstört
Wenn er der Eigensucht zugehört;
Der unbedenklich harrt
Auf seinen eigenen Untergang,

Faulem Frieden zulieb;
Der unbedenklich folgt seinem Trieb

Zu forschen, gleich ob er der Welt
Heil oder Ende in Händen hält.

Unten werden jetzt zwei Zimmerchen sichtbar,
im einen Susanna, im anderen

Katharina. Jede der Frauen sitzt
an einem kleinen Tisch, eine Bibel vor sich.


KATHARINA
Sie stört unsre Sippe, ist ihm kein Glück.
Mir gehört er. Was halt ich mich zurück?


SUSANNA
Froh nahm ich sie auf. Sie haßt mich.
Kränkte ich sie, dann unwissentlich.
(liest in ihrer Bibel)
„Laßt uns erforschen und prüfen unser Wesen und uns
zum Herrn bekehren. Laßt uns unser Herz samt den Händen
aufheben zu Gott im Himmel."

KATHARINA
(liest in ihrer Bibel)
Ich schweige wohl eine Zeitlang und bin still und halte an
mich; nun aber will ich wie eine Gebärerin schreien; ich
will sie verwüsten und alle verschlingen."

SUSANNA
Wir, wir haben gesündigt und sind ungehorsam gewesen;
darum hast du billig nicht verschont."

KATHARINA
Ich will Berge und Hügel verwüsten und all ihr Gras ver­
dorren und will die Wasserströme zu Inseln machen und
die Seen austrocknen."

SUSANNA
„Sondern du hast uns mit Zorn überschüttet und verfolgt."
(Oben rechts ist Kepler, an einem Schreibpult arbeitend, sichtbar
geworden. Die Kleine Susanna geht hinüber zu ihm.)

KLEINE SUSANNA
Vater, sag, was kann auf dem Mond sein?
Was ist hinter dem Männlein?

KEPLER
(freundlich, jedoch des Mädchens Frage
kaum beachtend )

Eine zackige Gebirgswelt,
Deren Schatten nach dem Sonnenstand fällt,

Die beweist, was ich als Regel erfuhr
Alles Schwingens in himmlischen Weiten:

Der Sternläufe elliptische Natur.

KLEINE SUSANNA
Wo läßt die Berge das Männlein im Mond,
Wenn die Sichel sich mehr und mehr verengt?

KEPLER
Wo nichts Greifbares, wo die Formel wohnt,
Wo den elliptischen Bahnzügen
In gleichlangen Zeiten

Gleichgroße Flächen sich einfügen,
Wo das dritte der großen Gesetze lenkt,
Das die andern erst sinnvoll macht:
Zweier Himmelskörper Revolution
In die Quadrat- und Kubusproportion

Durch Gottes Weisheit gebracht.
(alle vier singen zusammen)

KLEINE SUSANNA
Wie anders mir der Mond nun scheint.
In Nebel hüllt er Wort und Denken,
Und uns ist zur Meinung der Weg verbaut.
Und heißt den Haß die Sinne lenken,
Läßt selbst den, der redl