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Erwartung
I, Szene
Am Rande eines Waldes. Mondhelle Strassen
und Felder; der Wald hoch und dunkel. Nur die
ersten Stämme und der Anfang des breiten
Weges noch hell.
Eine Frau kommt; zart, weiss gekleidet.
Teilweise entblätterte rote Rosen am Kleid.
Schmuck.
(Zögernd):
Hier hinein?... Man sieht den Weg nicht...
Wie silbern die Stämme schimmern... wie Birken
(vertieft zu Boden schauend):
Oh! Unser Garten...
Die Blumen für ihn sind sicher verwelkt...
Die Nacht ist so warm...
(In plötzlicher Angst):
Ich fürchte mich...
(Horcht in den Wald, beklommen):
Was für schwere Lull herausschlägt... wie ein
Sturm, der steht...
(Ringt die Hände, sieht zurück):
So grauenvoll ruhig und leer... Aber hier ists
wenigstens hell...
(Sieht hinauf):
Der Mond war früher so hell...
(Kauert nieder, lauscht, sieht vor sich hin):
Oh! Noch immer die Grille mit ihrem Liebeslied...
Nicht sprechen... es ist so süss bei dir...
Der Mond ist in der Dämmerung...
(Auffahrend):
Feig bist du... willst ihn nicht suchen? So stirb
doch hier...
(Wendet sieh gegen den Wald):
Wie drohend die Stille ist...
(Sieht sich scheu um):
Der Mond ist voll Entsetzen... Sieht der hinein?
(Angstvoll):
Ich allein... in den dumpfen Schatten...
(Geht rasch in den Wald hinein; Mut fassend):
Ich will singen, dann hört er mich...
II Szene
Tiefstes Dunkel, breiter Weg, hohe dichte Bäume.
Sie tastet vorwärts.
Ist das noch der Weg?
(Bückt .sich, greift mit den Händen):
Hier ist es eben...
(aufschreiend):
Was?... Lass los!
(Zitternd auf, versucht ihre Hand zu betrachten):
Eingeklemmt?... Nein, es ist was gekrochen...
(Wild, greift sich ins Gesicht):
Und hier auch... Wer rührt mich an?... Fort...
(Schlägt mit den Händen um sich):
Fort, nur weiter... um Gotteswillen...
(Geht Weiter, mit vorgestreckten Armen):
So, der Weg ist breit...
(Ruhig nachdenklich):
Es war so still hinter den Mauern des Gartens...
keine Sensen mehr... kein Rufen und Gehn...
Und die Stadt in hellem Nebel...
so sehnsüchtig schaute ich hinüber...
Und der Himmel so unermesslich tief über
dem Weg, den du immer zu mir gehst...
noch durchsichtiger und ferner...
die Abendfarben...
(Traurig):
Aber du bist nicht gekommen.
(Stehenbleibend):
Wer weint da?...
(Rufend, sehr leise, ängstlich):
Ist hier jemand?
(Wartet. Lauter):
Ist hier jemand?
(Wieder lauschend):
Nichts... aber das war doch...
(Horcht wieder):
Jetzt rauscht es oben... Es schlägt von Ast zu
Ast...
(Voll Entsetzen seitwärts flüchtend):
Es kommt auf mich zu...
(Schrei eines Nachtvogels)
(Tobend):
Nicht her! Lass mich... Herrgott, hilf mir...
(Hastig):
Es war nichts... Nur schnell, nur schnell...
(Beginnt zu laufen, füllt nieder):
Oh oh... was ist das? ... Ein Körper...
(Greift):
Nein. nur ein Stamm...
III. Szene
Weg noch immer im Dunkel; seitlich vom Wege
ein breiter heller Streifen; das Mondlicht fällt auf
eine Baumlichtung. Dort hohe Gräser, Farne, grosse
gelbe Pilze. Die Frau kommt aus dem Dunkel.
Da kommt ein Licht!...
(Atmet auf):
Ach! nur der Mond... Wie gut...
(Wieder halb ängstlich):
Dort tanzt etwas Schwarzes... hundert Hände...
(Sofort beherrscht):
Sei nicht dumm... es ist der Schatten...
(Zärtlich nachdenkend):
Oh! wie dein Schatten auf die weissen Wände
fällt... Aber so bald musst du fort...
(Rauschen. Sie hält an, sieht um sich und
lauscht einen Augenblick):
Rufst du?...
(wieder träumend):
Und bis rum
Abend ist es so lang...
(Leichter Windstoss. Sie sieht wieder hin):
Aber der Schatten kriecht doch!... Gelbe, breite
Augen (laut des Schauderns): So vorquellend...
wie an Stielen... Wie es glotzt...
(Knarren im Gras. Entsetzt):
Kein Tier, lieber Gott, kein Tier... Ich habe
solche Angst... Liebster, mein Liebster, hilf mir...
IV. Szene
Mondbeschienene, breite Strasse, rechts aus dem
Walde kommend. Wiesen und Felder (gelbe und
grüne Streifen abwechselnd). Etwas nach links
verliert sich die Strasse wieder im Dunkel hoher
Baumgruppen. Erst ganz links sieht man die
Strasse frei liegen. Dort mündet auch ein Weg,
der von einem Hause herunterführt. In diesem
alle Fenster mit dunklen Läden geschlossen. Ein
Balkon aus weissem Stein.
(Die Frau kommt langsam, erschöpft. Das Gewand
ist zerrissen, die Haare verwirrt. Blutige Risse an
Gesicht und Händen. Umschauend):
Er ist auch nicht da... Auf der ganzen, langen
Strasse nichts Lebendiges... und kein Laut...
(Schauer; lauschend):
Die weiten blassen Felder sind ohne Atem, wie
erstorben... kein Halm rührt sich...
(Sieht die Strasse entlang):
Noch immer die Stadt... Und dieser fahle Mond..
Keine Wolke, nicht der Flügelschatten eines
Nachtvogels am Himmel... diese grenzenlose
Totenblässe...
(Sie bleibt schwankend stehen):
Ich kann kaum weiter... Un dort lässt man mich
nicht ein... Die fremde Frau wird mich fortja
gen... Wenn er krank ist...
(Sie hat sich in die Nähe der Baumgruppen,
links, geschleppt, unter denen es vollständig
dunkel ist):
Eine Bank... Ich muss ausruhn...
(Müde unentschlossen, sehnsüchtig):
Aber so lang hab ich ihn nicht gesehen...
(Sie kommt unter die Bäume, stösst mit dem
Fuss an etwas):
Nein, das ist nicht der Schalten der Bank
(mit dem Fuss tastend, erschrocken):
Da ist jemand...
(Beugt sich nieder, horcht):
Er atmet nicht...
(Sie tastet hinunter):
Feucht... hier fliesst etwas...
(Sie tritt aus dein Schatten ins Mondlicht):
Es glänzt rot... Ach, meine Hände sind wund
gerissen... Nein, es ist noch nass, es ist von dort...
(Versucht mit entsetzlicher Anstrengung den
Gegenstand hervorzuzerren):
Ich kann nicht...
(Bückt sich. Mit furchtbarem Schrei):
Das ist er... (sie sinkt nieder).
(Nach einigen Augenblicken erhebt sie sich halb,
so dass ihr Gesicht den Bäumen zugewendet ist.
Verwirrt):
Das Mondlicht... nein dort...
Da ist der schreckliche Kopf... das Gespenst...
(Sieht unverwandt hin):
Wenn es nur endlich verschwände... wie das
im Wald... Ein Baumschatten, ein lächerlicher
Zweig... Der Mond ist tückisch... weil er- blutleer
ist, malt er rotes Blut...
(Mit ausgestreckten Fingern hinweisend, flüsternd):
Aber es wird gleich zerfliessen... Nicht hinsehen...
Nicht drauf achten... Es zergeht sicher... wie
das im Wald...
(Sie wendet sich mit gezwungener Ruhe ab,
der Strasse zit):
Ich will fort... ich muss ihn linden... Es muss
schon spät sein...
(Schweigen. Unbeweglichkeit. Sie wendet sich
jäh um, aber nicht vollständig. Fast jauchzend):
Es ist nicht mehr da... Ich wusste...
(Sie hat sieh weiter gewendet, erblickt plötzlich
wieder den Gegenstand):
Es ist noch da... Herrgott im Himmel...
(Ihr Oberkörper fällt nach vorne, sie scheint
zusammenzusinken. Aber sie kriecht reit gesenktem
Haupt bis hin):
Es ist lebendig... (lastet): Es hat Haut... Augen...
Haare...
(Sie beugt sich ganz. zur Seite, als wollte sie drin
ins Gesicht sehen):
Seine Augen... es hat seinen Mund... Du... du...
bist du es ... Ich habe dich so lang gesucht... Im
Walde und... (an ihm zerrend): Hörst du? Sprich
doch... Sich mich an...
(Entsetzt, beugt sich ganz. Atemlos):
Herrgott, was ist...
(Schreiend, reimt ein Stück fort): Hilfe...
(Zum Hause hinauf):
Um Gotteswillen... rasch... hört mich denn niemand?...
er liegt da... (schaut verzweifelt um sich).
(Zurück unter die Bäume):
Wach auf... Wach doch auf... (flehend): Nicht
tot sein... mein Liebster... Nur nicht tot sein...
ich liebe dich so.
(Zärtlich, eindringlich):
Unser Zimmer is halbhell... alles wartet... die
Blumen duften so stark...
(Verzweifelt):
Was soll ich tun... was soll ich nur tun, dass er
aufwacht?...
(Sie greift ins Dunkel hinein, fasst seine Hand):
Deine liebe Hand... (Zusammenzuckend, fragend):
So kalt?...
(Sie zieht die Hand an sich, küsst sie. Schüchtern
schmeichelnd):
Wird sie nicht warm an meiner Brust?
(Sie öffnet das Gewand, flehend):
Mein Herz ist so heiss vom Warten...
(Leise):
Die Nacht ist bald vorbei... du wolltest doch
bei mir sein diese Nacht.
(Ausbrechend):
Oh! es ist heller Tag... Bleibst du am Tage bei
mir?... Die Sonne glüht auf uns... deine Hände
liegen auf mir... deine Küsse... mein bist du...
du ... Sieh mich doch an, Liebster, ich liege neben
dir... So sieh mich doch an...
(Sieht ihn an, erwachend):
Ah! wie starr... Wie fürchterlich deine Augen
sind...
(Sehr traurig):
Drei Tage warst du nicht bei mir... Aber heute...
so sicher... Der Abend war so voll Frieden...
Ich schaute und wartete... (ganz versunken):
Über die Gartenmauer dir entgegen... So niedrig
ist sie... Und dann winkten wir beide...
(Aufschreiend):
Nein, nein... es ist nicht wahr... Wie kannst du
tot sein?... Überall lebtest du ... Eben noch im
Wald... deine Stimme so nah an meinem Ohr...
Immer, immer warst du bei mir... dein Hauch
auf meiner Wange... deine Hand auf meinem
Haar...
(Leidenschaftlicher):
[Oh! der Abdruck deiner Füsse im Grase... ganz
früh, wenn du mich verliessest... Aber später
stehen die Halme auf... dann kommt der Lärm...
(verträumt): Aber doch immer deine Küsse auf
meinen Lippen... die Süsse deiner Worte in
meinem Herzen ... ].
(Angstvoll):
Nicht wahr... es ist nicht wahr? Dein Mund bog
sich doch eben noch unter meinen Küssen...
(Wartend): Dein Blut tropft noch jetzt mit
leisem Schlag... Dein Blut ist noch lebendig...
(Sie beugt sich tief über ihn):
Oh! der breite rote Streif... Das Herz haben sie
getroffen...
(Fast unhörbar):
Ich will es küssen... mit dem letzten Atem...
dich nie mehr los lassen
(richtet sich halb auf)
(liebkosend):
In deine Augen sehn... Alles Licht
kam ja aus deinen Augen... mir schwindelte,
wenn ich dich ansah...
(In der Erinnerung lächelnd, geheimnisvoll, zärtlich):
Nun küss ich mich an dir zu Tode.
(Sie sieht ihn unverwandt an. Nach einer Pause
plötzlich, verwundert):
Aber so seltsam ist dein Auge...
Wohin schaust du?
(Heftiger):
Was suchst du denn?
(Sieht sich tun; nach dem Balkon):
Steht dort jemand?
(Wieder zurück, die Hand an der Stirn):
Wie war das nur... das letzte Mal?...
(Immer vertiefter):
War das damals nicht auch in deinem Blick?
(Angestrengt in der Erinnerung suchend):
Nein, nur so zerstreut... oder... und plötzlich
bezwangst du dich...
(Immer klarer werdend):
Und drei Tage warst du nicht bei mir... keine
Zeit... So oft hast du keine Zeit gehabt in diesen
letzten Monaten...
(Jammernd, wie abwehrend):
Nein, das ist doch nicht möglich... das ist doch...
(in blitzartiger Erinnerung): Ah, jetzt erinnere
ich mich... der Seufzer im Halbschlaf... wie ein
Name... du hast mir die Frage von den Lippen
geküsst...
(Grübelnd):
Aber warum versprach er mir, heute zu kommen?
(In rasender Angst):
Ich will das nicht... nein, ich will nicht...
(Aufspringend, sich umwendend):
Warum hat man dich getötet?... Hier vor dem
Hause... Hat dich jemand entdeckt?...
(Aufschreiend, wie sich anklammernd):
Nein, nein, mein einzig Geliebter... das nicht...
(Zitternd):
Oh, der Mond schwankt... ich kann nicht sehen...
Schau mich doch an... (rast plötzlich): Du siehst
wieder dort hin?...
(Nach dem Balkon):
Wo ist sie denn... die Hexe, die Dirne... die Frau
mit den weissen Armen... (höhnisch): Oh, du
liebst sie ja die weissen Armen... wie du sie rot
küsst...
(Mit geballten Fäusten):
Oh, du... du... du Elender, du Lügner... du... Wie
deine Augen mir ausweichen!... Krümmst du
dich vor Scham?...
(Stösst mit dem Fuss gegen ihn):
Hast sie umarmt?... Ja?... (von Ekel geschüttelt):
so zärtlich und gierig... und ich wartete... Wo
ist sie hingelaufen, als du im Blut lagst?... Ich
will sie an den weissen Armen herschleifen...
(Gebärde): so... (zusammenbrechend): Für mich
ist kein Platz da... (schluchzt auf): Oh! nicht
einmal die Gnade, mit dir sterben zu dürfen...
(Sinkt nieder, weinend):
Wie lieb, wie lieb ich dich gehabt hab'... Allen
Dingen ferne lebte ich... allen fremd...
(in Träumerei versinkend):
Ich wusste nichts als dich...
dieses ganze Jahr... seit du zum ersten Mal
meine Hand nahmst... oh, so warm... nie früher
liebte ich jemanden so... Dein Lächeln und dein
Reden... ich hatte dich so lieb...
(Stille und Schluchzen. Dann leise sich aufrichtend):
Mein Lieber ... mein einziger Liebling... hast du
sie of geküsst?... während ich vor Sehnsucht
verging.
(Flüsternd):
Hast du sie sehr geliebt?
(Flehend):
Sag nicht: ja... Du lächelst schmerzlich...
Vielleicht hast du auch gelitten...
vielleicht rief dein Herz nach ihr...
(Stiller, warm):
Was kannst du dafür?... Oh, ich fluchte dir...
aber dein Mitleid machte mich glücklich [und
deine Lüge]'. Ich [träumte... berauscht wie von
Wein...]' glaubte... war im Glück...
(Stille. Dämmerung im Osten. Tief am Himmel
Wolken, von schwachem Schein durchleuchtet,
gelblich schimmernd wie Kerzenlicht. Sie steht
auf):
Liebster, Liebster, der Morgen kommt... Was
soll ich allein hier tun?... In diesem endlosen
Leben... in diesem Traum ohne Grenzen und
Farben... denn meine Grenze war der Ort, an
dem du warst... und alle Farben der Welt
brachen aus deinen Augen... Das Licht wird für
alle kommen... aber ich allein in meiner Nacht? ...
Der Morgen trennt uns... immer der Morgen...
So schwer küsst du zum Abschied... wieder ein
ewiger Tag des Wartens... Oh du erwachst ja
nicht mehr... Tausend Menschen ziehn vorüber...
ich erkenne dich nicht... Alle leben, ihre Augen
flammen... Wo bist du? ...
(Leiser):
Es ist so dunkel... dein Kuss wie ein Flammen
zeichen in meiner Nacht... meine Lippen brennen
und leuchten... dir entgegen...
(in Entzücken aufschreiend, irgend etwas entgegen):
Oh, bist du da... ich suchte...
DIE ENDE
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