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Karl Löwe

(1796 - 1869)
 

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The Lieder of  Karl Löwe


Lieder – complete index

 
Lieder – Index b:
 
 
1. "Sankt Mariens Ritter"
2. "Der ewige Jude"
3. "Das Muttergottesbild im Teiche"
4. "Moosröslein"
5. "Gregor auf dem Stein"
     a) Herolde ritten von Ort zu Ort
     b) Im Schloß, da brennen der Kerzen viel
     c) Der junge König und sein Gemahl
     d) Ein Klippeneiland liegt im Meer
     e) Wie bräutlich glänzt das heilige Rom
6. "Der Fischer"
7. "Das nußbraune Mädchen"
8. "Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht"
9. "Harald"
10. "Der Gott und die Bajadere", Indische Legende
11. "Laßt sich der Höhle Thor erschliessen"
12. "Staunend schreit' ich durch die Gaßen"
13. "Lazarus ward auferwecket"
14. "Gott sei mit euch!"
15. "Der Woywode"
16. "Die Schlüsselblume"
17. "Die drei Budrisse"
18. "Wilija, naszych strumieni rodzica"
19. "Der junge Herr und das Mädchen"
20. "Das Switesmädchen"
21. "Frau Twardowska"
22. "Esther"
     a) Wie früh das enge Pförtchen knarre
     b) Der König auf dem gold'nen Stuhle
     c) Nun auf dem fremden Boden mehret
     d) Spielt, Mägdlein, unter euer Weide
     e) Wie wohnst du in des Reiches Städten

1. "Sankt Mariens Ritter"
 
Text by (Heinrich) Ludwig Theodor Giesebrecht (1792-1873)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 36 no.2, "Legende", Heft IV., publ. 1834

 
"Jung stritt ich einst um Accons Schloß;
Und wenn ich froh bestieg mein Roß,
Mit Inbrunst blick' ich da empor,
Und aus den Lippen quoll hervor:
Ave Maria! Ave Maria!
Ich stritt in Manneskraft und alt
Wo breiten Stroms die Weichsel wallt;
Und zog ich aus, kam aus der Schlacht,
Dann hab' ich still gefleht, gedacht:
Ave Maria, Ave Maria!
Nun traf mich hier der Todespfeil,
ein Lebensblut entfließt in Eil:
Dein Ritter, end' ich meinen Lauf,
Du Heil'ge hilf hinauf, hinauf!
Ave Maria, Ave Maria!"
Er hüllt sich in den Mantel ein,
Und in der Abendröthe Schein
Entflieht die Seele, friedlich hallt
Sanft Abendläuten durch den Wald;
Ave Maria; Ave Maria!
Und wo des Ritters Grab gemacht,
Wächst eine Blume über Nacht,
In deren Kelchen weiß und hold
Geschrieben steht mit lichtem Gold:
Ave Maria, Ave Maria!

2. "Der ewige Jude"
 
Text by Aloys Wilhelm Schreiber (1761? 1763? - 1841)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 36 no.3, "Legende", Heft IV., publ. 1834

 
Von des Hügels kahlem Rücken
Wankt ein hagrer Greis herab,
Wandelt fort mit stieren Blicken
Über Bäche ohne Brücken;
Nimmer ruht sein Wanderstab.
Unter Bäumen sieht erblinken
Einen Quell im Abendlicht,
Aus der Quelle will ertrinken,
In den Schatten will ersinken,
Doch ihn treibet das Gericht.
Eine Blume will erpflücken,
Laben sich an ihrem Duft:
Nieder kann er sich nicht bücken,
An sein Herz kein Wesen drücken,
Denn der Geist der Rache ruft.
Unter abgestorb'nen Eiben
Über Gräber geht sein Lauf:
"Wird es mich denn ewig treiben,
Darf ich auch bei euch nicht bleiben,
Nimmt auch hier mich Keiner auf?"
Und die alten Gräber dröhnen,
Geisterstimme ruft ihm zu:
"Gott läßt nimmer sich verhöhnen;
Eile fort, ihn zu versöhnen,
Störe nicht auch unsre Ruh!"
Und er irrt mit scheuem Tritte
Immer weiter ohne Plan,
Und es suchen seine Schritte
Keine Heimath, keine Hütte,
Er gehöret Niemand an!
Unter alten Zwillingseichen
Sieht er jetzt ein Denkmal stehn.
Weh', es ist des Mittlers Zeichen,
Ängstlich will er ihm entweichen,
Will ihn auch in Stein nicht sehn.
Doch es drängt ihn, hin zu wallen
Zu dem heil'gen Angesicht,
Auf die Knie kann er fallen
und mit schwacher Stimme lallen:
"Floß für mich dein Blut denn nicht?
Ach! In deiner Todesstunde
Raubt' ich dir die kleine Rast,
Mit der Frevler Schar im Bunde,
Höhnt' ich dich aus frechem Munde
Unter deines Kreuzes Last!
Dein Gericht hat schwer getroffen;
Ewig irrt mein Wanderstab
Ohne Ruhe, ohne Hoffen.
Ach! Kein Arm ist für mich offen,
Und kein Himmel und kein Grab."
Sieben goldne Strahlen reihen
Jetzt sich um des Mittlers Haupt:
"Wer gefehlt hat, darf bereuen,
Und mein Antlitz Keiner scheuen,
Der mich liebt und an mich glaubt.
Alle sind zu mir berufen,
Alle durch des Vaters Huld;
Hättest an des Kreuzes Stufen
Früher du zu mir gerufen,
Längst getilgt wär deine Schuld."
Und der Wandrer sieht die Wunden
Und das Blut, das ewig wallt.
Plötzlich ist sein Geist entschwunden,
Und vom Leben losgebunden
Kniet am Kreuze die Gestalt.

3. "Das Muttergottesbild im Teiche"
 
Text by Friedrich Gottlob Wetzel (1779-1819)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 37 no.1, "Legende", Heft V., publ. 1836
 


Im schönen Land Tirol
Hab ich mir lassen sagen,
Was da sich zugetragen
Vor langen Jahren wohl.
Einsmals ein Jägersmann
Geht irr in wilden Gründen,
So daß er lange finden
Wohl keinen Ausweg kann.
Er kommt an einen Teich
Mit spiegelklarer Welle,
Draus deine sanfte Helle
Ihn anlockt Monden gleich.
Und siehe klar und mild,
Ist wie gemalt im blauen
Gewässer zu erschauen
Ein Muttergottesbild.
Bald strömt viel Volks herzu
Zum Wunderbild im Teiche,
Und Alle sehn das Gleiche,
Das Bild steht fest in Ruh.
Sie suchen, ob im Grund
Ein solches Bild wohl liege,
Das oben seine Züge
Im Abglanz thue kund.
Doch all vergebens war,
So daß wohl viele meinen,
Vom Himmel widerscheinen
Das Bildnis müsse gar.
Ein Kirchlein bauen dort
Am Teiche fromme Leute,
Und ist daselbst noch heute
Ein heilger Wallfahrtsort.

4. "Moosröslein"
 
Text by Wilhelmina von Chézy (1783-1856)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 37 no.2, "Legende", Heft V., publ. 1836
 
 


In tiefster Schlucht, in Waldesschoß
Entsproßt das grüne zarte Moos,
Ein Teppich, sammetweich.
Den Blicken zeigt es sich nur klein,
Doch schließt sein Bau ein Wunder ein
Von Wipfel, Laub und Zweig.
Zu Rosengluth, zu Waldesgrün
Schaut's niedre Moos und seufzt: "Solch Blüh'n
Gab mir der Himmel nicht!
Viel Tritte rauschen über mir
Und nicht ein Auge sieht mich hier,
Denn Alle lockt das Licht!"
Und sieh! da kommt im Abendschein
Der Heiland wandelnd durch den Hain
Mit bleichem Angesicht.
Mit wundem Fuß er weiter mußt',
Da fühlt' er's weiche Moos mit Lust
Zu seinen Füßen dicht.
Er kam erst durch die Wüste her,
Da brannten Sand und Sonne sehr,
Nun kühlt das sanfte Moos.
Da spricht der Heiland: "Vaters Hand
Hat solche Lieb' auf dich gewandt
In Zartheit ernst und groß!
Welch Auge mag so blöde sein,
Erkennt nicht in der Kleinheit dein
Des Schöpfers Macht und Huld?
Du zierlich Kraut, so unbeacht't,
Auch dein der Vater hat gedacht,
Dein Loos trag mit Geduld!"
Dies Wort bringt Jesus kaum hervor,
Da sproßt es aus dem Moos hervor,
Ein Röslein wundermild.
Moosröslein wird es bald genannt,
Das blühet nun in jedem Land,
Der Demuth süßes Bild!
Ein Leid des Heilands hat's versüßt
Und sanft die Füße ihm geküßt,
Deß wurd' ihm solcher Lohn.
O Herz, bleib immer treu und weich,
Bist du bedrückt, dem Moosegleich,
Dann knospt die Rose schon!

5. "Gregor auf dem Stein"
 
Text by Franz Theodor Kugler (1808-1858)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, p. 38, Legende, IV Heft. composed in 1834, published in 1836
 
  
     a) Herolde ritten von Ort zu Ort
     b) Im Schloß, da brennen der Kerzen viel
     c) Der junge König und sein Gemahl
     d) Ein Klippeneiland liegt im Meer
     e) Wie bräutlich glänzt das heilige Rom

a) Herolde ritten von Ort zu Ort
 
Herolde ritten von Ort zu Ort,
Verkündend rings der Königin Wort.
So spricht die Königin:
"Wehe dem Land,
Deß Regiment steht in Weibes Hand,
Zehn Jahre brachten verderblichen Krieg,
Zehn Jahre brachten den Heiden den Sieg,
Und eure Felder liegen verheert,
Und eure Thürme liegen zerstört! "
So spricht die Königin: "Zwanzig Jahr
Ist dieser Thron des Königes baar,
Mein Bruder legte den Purpur ab,
Bußfertig wählt er den Pilgerstab,
Am Jordan, wehe! ruht sein Gebein,
Die Schwester blieb nun Königin allein! "
So spricht die Königin: "Meine Pflicht
Euch zu erfüllen, zag ich nicht,
Darum vernehmt: weß starke Hand
Den Heidenfürsten überwand,
Ihm, wer er sei, geb' ich zum Lohn
Mich selbst und meinen Königsthron!"

b) Im Schloß, da brennen der Kerzen viel
 
Im Schloß, da brennen der Kerzen viel,
Da hallt ein lieblich Saitenspiel.
Da schmettern Trompeten jubelnd hinein,
Da tanzt man fröhlichen Siegesreihn,
Da singt man Preis dem Heldenschwert,
Das mächt'ger Feinde Trotz zerstört.
Im Garten unten, im Feld und Hain,
Da dämmert heimlich der Mondenschein;
Da führt die laue Frühlingsluft
Gar süßen Lindenblüthenduft.
Da wandeln zwei zu einander gesellt,
Das ist die Königin und ihr Held.
"Mein junger Held, ein zwiefach Heil
Ward mir am heut'gen Tag zu Theil."
"O Königin, mein Ruhm ist hin,
Seit du des Siegers Siegerin."
Und weiter wandeln die Beiden fort:
"Mein Freund, warum verstummte dein Wort?"
"Mich dünkt, es klang, - gieb, Herrin, Acht -
Ein banger Wehruf durch die Nacht."
"Mein Freund, das ist die Nachtigall,
Die drüben nistet im Linden wall."
Und weiter gehn sie den Pfad entlang:
"Mein Liebster, was hemmte deinen Gang?"
"Mich dünkt, o süßes Weib,
Es schritt unfern uns zweien ein Dritter mit.
Mich dünkt er trug ein Pilgergewand,
Er streckte dräuend empor seine Hand!"
"Mein Liebster, der Mond hat dich geneckt
Der in dem Nebel Gestalten weckt;
Laß Nachtigall und Mondenschein,
Du sollst ja nun mein König sein!"
"O Königin, dein eigen ist dies Herz,
Seit dich mein Blick gegrüßt!"
"Wohlan, mein Held! So mache kund
Der Priester unsrer Herzen Bund!"

c) Der junge König und sein Gemahl
 
Der junge König und sein Gemahl,
Sie saßen zusammen im hohen Saal.
Sie war an Huld und Anmuth reich,
Er schaute finster und war so bleich.
"Gregor, mein holder Freund, o sprecht,
Hat wer gekränkt Eu'r königlich Recht?"
"Frau Königin, ich trag ein gutes Schwert,
Das jegliche Kränkung von sich wehrt."
"Gregor, mein Freund, gesteht mir's ein,
Es zehrt ein Fieber an Eurem Gebein!"
"Frau Königin, ich hab' noch heut mit Lust
Den wilden Bären zu jagen gewußt."
"Gregor, so drückt Euch geheime Schuld;
Vertraut Euch Christo und seiner Huld!"
"Frau Königin, gestern empfing ich schon
Für meine Sünden Absolution."
"Ach fühltest, Gregor, du mein liebend Herz,
Mittheilend lindertest du deinen Schmerz!"
"Mein Weib, mein Leben, du meine Lust!
Zerreissen auch dir das Herz in der Brust?"
"O, hätte mich nimmer mein treues Roß
Getragen im dieses leuchtende Schloß!
O hätte nimmer mein siegreich Schwert
Den übermüthigen Feinden gewehrt!
O wärest du nimmer, du nimmer und dein Thron
Gewesen des kühnen, des kühnen Siegers Lohn!"
"Weh, wehe! Gregor was treibt, o sprich,
Zu so vermessenen Worten dich?"
"Ja, wehe! ich bin ein Fürstensohn,
Und doch geboren für keinen Thron!
Der Eltern schwerem sündigem Vergehn
Sollt' ich durch Busse Verzeihung erflehn!
Noch hab' ich gebetet, gebüßet nicht,
Noch ruht auf ihnen der Sünge Gewicht!"
"Du hast mir nie deiner Heimath Land,
Mir nie den Namen der Eltern genannt?"
"Fremd blieben mir Land und Eltern bis jetzt:
Als ein Kindlein ward ich ausgesetzt,
Es trieb die See ein Kästchen ans Land,
Darin ein Fischer den Knaben fand."
"Weh, Knabe, und kenn ich dein enges -
Gemach, doch künde mir du deiner Eltern Schmach."
"Vernimm, denn, o Weib - doch starre mir nicht
So ängstlich fragend ins Gesicht -
Daß meine Mutter, - verstumme, mein Mund,
Und mache den Frevel niemals kund -
Daß meine Mutter in Liebe ein Jahr
Dem eigenen Bruder ergeben war!"
"Das Kreuz, Gregor, o qualvoller Tag!
Das Pergament bringe mir, das bei dir lag!"
Er brachte schleunig das Pergament:
"Sag, Königin, ob Ihr die Schrift hier kennt?"
Er brachte das goldne Kreuz herbei,
Sie stürzte zur Erde mit lautem Schrei.
Sie raufte verzweifelnd das dunkle Haar:
"Verflucht die Stunde, die dich gebar,
Verflucht du König! verflucht dein Weib,
Das selber dich trug in seinem Leib!"
Ohnmächtig lag sie. Ihr Sohn Gregor
Schritt schweigend hinaus vor des Schloßes Thor.

d) Ein Klippeneiland liegt im Meer
 
Ein Klippeneiland liegt im Meer,
Die Stürme sausen drüberher,
Die Wogen sprützen drüber hin,
Nicht Baum noch Kräuter wachsen drin.
Dort haust ein Siedler manch ein Jahr;
Sein Kleid, das ist sein eignes Haar,
Sein Pfühl, das ist der harte Stein,
Sein Dach, das ist der Wolken Reihn.
Das ist Gregors unfürstlich Haus,
Der singet in die Nacht hinaus:
"Der Sinn ist leer, die Welt ist fern,
Ich liege hier vor meinem Herrn!
Der Du mich hast Jahr aus Jahr ein
Bewahrt auf diesem öden Stein;
Und mich ernährt mit diesem Moos,
Nimm auf mich in der Gnaden Schoß!
Du hast ein makelloses Lamm
Erhöhet an des Kreuzes Stamm;
Du gossest aus ein theures Blut,
Das allerwegen Wunder thut:
Laß, Herr der Gnaden und der Huld,
Abwaschen es auch unsre Schuld.
Noch fesselt uns des Todes Band,
Du bist es, der ihn überwand.
Du fester Fels, du starker Hort,
Ich zweifle nicht an Deinem Wort:
Laß kommen uns nach dieser Zeit
Dein Reich der Kraft und Herrlichkeit."

e) Wie bräutlich glänzt das heilige Rom
 
Wie bräutlich glänzt das heilige Rom!
Wie festlich woget der Menschenstrom!
Wer wird mit dreien Kronen geziert?
Zu Petri hohem Stuhle geführt?
Das ist der Büsser, das ist Gregor,
Ihn hub des Herren Hand empor!
Wer ist die Pilgerin, schwach und alt,
Die zu den sieben Hügeln wallt?
Sie rastet nicht, sie labt sich nicht,
Es ruht auf ihr ein schwer Gewicht.
Und in dem Beichstuhl sitzt Gregor
Und neigt zur Pilgerin sein Ohr.
Doch als das Weib die Beichte spricht,
Wie freudig glänzt sein Angesicht!
"Durch meines heil'gen Amtes Kraft
Lös' ich dich aus der Sünden Haft!"
"Du läßest Deinen Diener nun,
O Herr der Huld, in Frieden ruhn!"

6. "Der Fischer"
 
Text by Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832).
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 43 no. 1 (1835)

See also:

(Karl) Friedrich Curschmann (1805-1841), op. 4 no. 3 (1832)
Anton Franz Joseph Eberl (1765-1807)
C. Moltke (1783-1831), before 1815
Johann Friedrich Reichardt (1752-1814), published 1794
Karl Sigmund Freiherr von Seckendorf (1744-1785), 1779
Franz Schubert (1797-1828), D. 225 (1815), published 1821 as op. 5 no 3
Richard Strauss (1864-1949), 1877, from Jugendlieder
Václav Jan K`rtitel Tomá`sek (1774-1850), op. 59 no. 3 (1815?), from Gedichte von Goethe VII:3
Johann Vesque von Püttlingen (1803-1883), 1865
Hugo Wolf (1860-1903), op. 3 no. 3 (1875)
Karl Friedrich Zelter (1758-1832), 1809
 

 
Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor:
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.
Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
"Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie's Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.
Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew'gen Tau?"
Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,
Netzt' ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war's um ihn geschehn;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn.

7. "Das nußbraune Mädchen"
 
Text: Ballade nach dem Altschottischen: translated to German by Johann Gottfried Herder (1744-1803)

Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 43 no. 3 (1835)

 
Es kam zu ihr,
Leis an die Thür,
Ihr Lieb um Mitternacht:
"Thu, Mädchen, auf
Im schnellen Lauf,
Eh jemand hier erwacht!"
Sie that ihm auf
In schnellem Lauf:
"Ich muß, ich muß von hier,
Zum Tod verdammt
Von Richter amt,
Nehm' Abschied ich von dir.
Ich muß gar bald
In wilden Wald;
Sonst ist's um mich geschehn."
"O nein, o nein!
Es kann nicht sein!
Auch ich will mit dir gehn."
"Was ist der Zeit
Glückseligkeit,
Sie wandelt Lieb' in Noth!"
"O Lieber, nein!
Es kann nicht sein,
Uns scheidet nur der Tod!"
"Ach, Liebe, nein!
Ich muß allein,
Bleib' hier und tröste dich;
Es stillt die Zeit
Ja alles Leid,
Sie stillt dir's sicherlich.
Was wird die Stadt,
Die Zungen hat,
So scharf wie Spieß und Schwert,
Für bittre Schmach
Dir reden nach,
Wenn sie die Flucht erfährt?"
"Ach, Lieber, nein!
Es kann nicht sein;
Mich tröstet keine Zeit;
Ein jeder Tag,
Der kommen mag,
Macht neu mir Herzeleid.
Was geht die Stadt,
Die Zungen hat,
Was ihre Schmach mich an?
Komm, Liebster, bald
Zum grünen Wald,
Wenn er uns sichern kann."
"Der grüne Wald
Ist wild und kalt
Und drohet mit Gefahr;
Wenn meine Hand
Den Bogen spannt,
So zitterst du fürwahr!
Er hascht man dich,
So bind't man dich,
So leidest du mit mir;
So folgt auf Noth
Der bittre Tod;
Bleib' hier,
Ich rathe dir!"
"Nein, Lieber, nein!
Die Lieb' allein
Macht sicher in Gefahr,
Sie giebt dem Weib
Auch Mannesleib
Und Mannesherz fürwahr.
Wann deine Hand
Den Bogen spannt,
Lausch ich für dich und mich,
Und trotze Noth
Und trotze Tod
Und sichre mich und dich!"
"Der wilde Wald
Ist Aufenthalt
Für Räuber und fürs Thier;
Kein Dach und Fach
Als Himmelsdach,
Als Laub zur Decke dir!
Dein' Hütt' und Raum
Ist Höhl' und Baum,
Dein Bette kalter Schnee;
Dein kühler Wein
Muß Wasser sein,
Dein Labsal Hungersweh."
"Der grüne Wald
Ist Aufenthalt
Der Freiheit mir und dir.
Folg' ich dir nach,
Was brauch ich Dach?
Was dir ziemt, ziemet mir.
Dein' harte Hand
Thut Widerstand
Dem Räuber und dem Wild,
Schafft Speis' und Trank,
Und lebenslang
Die Quelle süß mir quillt!"
"Wohlan, so sei
Denn fest und treu,
Und hör ein ander Wort.
Der grüne Wald
Ist Aufenthalt
Für meine Buhle dort.
Die lieb' ich sehr
Und lieb' sie mehr
Als dich, die alt mir ist,
Nun wähle dort
Den Ruheort
Ohn' allen Weiberzwist."
"Laß immer sein
Die Buhle dein
Im grünen Walde dort;
Ich will, wie dir,
Auch folgen ihr,
Will horchen ihrem Wort,
Und lieben dich,
Und üben mich,
Und wären's mehr auch noch!
In süßer Pflicht
Und fehlen nicht
Der Liebe süßem Joch!"
"O Liebste mein,
Kein Flitterschein,
Kein Wandel ist in dir!
Von allen je,
Die ich erseh,
Bist du die Treue mir!
Sei frei und froh,
Es ist nicht so,
Ich bin nicht fortgebannt!
Sei ohne Harm,
Ich bin nicht arm,
Ich bin ein Graf im Land!"
"Sei was du bist,
Die mit dir ist,
Ist immer Königin!
Was wankt so oft
Und unverhofft,
Als falscher Männer Sinn?
Du wankest nie!
Und spät und früh
Will ich die Deine sein;
Alt oder neu,
Bin ich dir treu,
Lieb' ewig dich allein!"

8. "Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht"
 
Text by Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 44 no. 3 (1835)

See also:

Karl Friedrich Zelter (1758-1832), "Todtentanz" (1814)

 
Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht
Hinab auf die Gräber in Lage;
Der Mond, der hat alles ins Helle gebracht,
Der Kirchhof, er liegt wie am Tage.
Da regt sich ein Grab und ein anderes dann:
Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann
In weißen und schleppenden Hemden.
Das reckt nun, es will sich ergetzen sogleich,
Die Knöchel zur Runde, zum Kranze,
So arm und so jung und so alt und so reich;
Doch hindern die Schleppen am Tanze:
Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut,
So schütteln sich alle, da liegen zerstreut
Die Hemdelein über den Hügeln.
Der Türmer erbleicht, der Türmer erbebt,
Gern gäb' er ihn wieder, den Laken.
Da häkkelt jetzt hat er am längsten gelebt
Den Zipfel ein eiserner Zakken.
Schon trübet der Mond sich verschwindenden Scheins,
Die Glokke, sie donnert ein mächtiges Eins,
Und unten zerschellt das Gerippe.

9. "Harald"
 
Text by Johann Ludwig Uhland (1787-1862)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 45 no. 1 (1835)

Vor seinem Heergefolge ritt der kühne Held Harald;
Sie zogen in des Mondes Schein durch einen wilden Wald.
Sie tragen manch' erkämpfte `Fahn', die hoch im Winde wallt,
Sie singen manches Siegeslied, das durch die Berge hallt.
Was rauschet, lauschet im Gebüsch? Was wiegt sich auf dem Baum?
Was senket aus den Wolken sich? Was taucht aus Meeresschaum?
Was wirft mit Blumen um und um? Was singt so wonniglich?
Was tanzet durch der Krieger Reih'n? schwingt auf die Roß sich?
Was kos't so sanft und küßt so süß und hält so lind umfaßt?
Und nimmt das Schwert, und zieht vom Roß, und läßt nicht Ruh noch Rast?
Es ist der Elfen leichte Schar; hier hilft kein Widerstand.
Schon sind die Krieger all' dahin, sind all' im Feeenland.
Nur er, der Beste, blieb zurück, der kühne Held Harald;
Er ist vom Wirbel bis zur Sohl' in harten Stahl geschnallt.
All' seine Krieger sint entrückt, da liegen Schwert und Schilde;
Die Roße, ledig ihrer Herrn, sie gehn im Walde wild.
In großer Trauer ritt von dann der stolze Held Harald;
Er ritt allein im Mondenschein wohl durch den weiten Wald.
Vom Felsen rauscht es frisch und klar; er springt vom Roße schnell,
Er schnallt vom Haupte sich den Helm und trinkt vom kühlen Quell.
Doch wie er kaum den Durst gestillt, versagt ihm Arm und Bein;
Er muß sich setzen auf den Fels und nickt und schlummert ein.
Er schlummert auf demselben Stein schon manche hundert Jahr,
Das Haupt gesenket auf die Brust, mit grauem Bart und Haar.
Wann Blitze zucken, Donner rollt, wann Sturm erbraust im Wald,
Dann greift er träumend nach dem Schwert, der alte Held Harald.

10. "Der Gott und die Bajadere", Indische Legende
 
Text by Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 45 no. 2 (1835)

See also:

Othmar Schoeck (1886-1957), op. 34 (1921).
Franz Schubert (1797-1828), D. 254 (Aug 18, 1815). Published in 1887.
Karl Friedrich Zelter (1758-1832)
 


Mahadöh, der Herr der Erde,
Kommt herab zum sechsten Mal,
Daß er unsers Gleichen werde,
Mit zu fühlen Freud und Qual.
Er bequemt sich, hier zu wohnen,
Läßt sich alles selbst geschehn;
Soll er strafen oder schonen,
Muß er Menschen menschlich sehn.
Und hat er die Stadt sich als Wunder betrachtet,
Die Großen belauert, auf Kleine geachtet,
Verläßt er sie Abends, um weiter zu gehn.
Als er nun hinaus gegangen,
Wo die letzten Häuser sind,
Sieht er, mit gemalten Wangen,
Ein verlornes schönes Kind:
Grüß dich, Jungfrau! - Dank der Ehre! -
Wart, ich komme gleich hinaus -
Und wer bist du? - Bajadere,
Und dies ist der Liebe Haus.
Sie rührt sich, die Zimbeln zum Tanze zu schlagen;
Sie weiß sich so lieblich im Kreise zu tragen,
Sie neigt sich und biegt sich und reicht ihm den Strauß.
Schmeichelnd zieht sie ihn zur Schwelle,
Lebhaft ihn ins Haus hinein.
Schöner Jüngling, lampenhelle
Soll sogleich die Hütte sein.
Bist du müd', ich will dich laben,
Lindern deiner Füße Schmerz.
Was du willst, das sollst du haben,
Ruhe, Freuden oder Scherz.
Sie lindert geschäftig geheuchelte Leiden.
Der Göttliche lächelt; er siehet mit Freuden
Durch tiefes Verderben ein menschliches Herz.
Und er fordert Sklavendienste;
Immer heitrer wird sie nur,
Und des Mädchens frühe Künste
Werden nach und nach Natur.
Und so stellet auf die Blüte
Bald und bald die Frucht sich ein;
Ist Gehorsam im Gemüte,
Wird nicht fern die Liebe sein.
Aber, sie schärfer und schärfer zu prüfen,
Wählet der Kenner der Höhen und Tiefen
Lust und Entsetzen und grimmige Pein.
Und er küßt die bunten Wangen,
Und sie fühlt der Liebe Qual,
Und das Mädchen steht gefangen,
Und sie weint zum erstenmal;
Sinkt zu seinen Füßen nieder,
Nicht um Wollust noch Gewinst,
Ach! die gelenken Glieder,
Sie versagen allen Dienst.
Und so zu des Lagers vergnüglicher Feier
Bereiten den dunklen behaglichen Schleier
Die nächtlichen Stunden, das schöne Gespinst.
Spät entschlummert unter Scherzen,
Früh erwacht nach kurzer Rast,
Findet sie an ihrem Herzen
Tot den vielgeliebten Gast.
Schreiend stürzt sie auf ihn nieder,
Aber nicht erweckt sie ihn,
Und man trägt die starren Glieder
Bald zur Flammengrube hin.
Sie höret die Priester, die Totengesänge,
Sie raset und rennet und teilet die Menge.
Wer bist du? was drängt zu der Grube dich hin?
Bei der Bahre stürzt sie nieder,
Ihr Geschrei durchdringt die Luft:
Meinen Gatten will ich wieder!
Und ich such ihn in der Gruft.
Soll zu Asche mir zerfallen
Dieser Glieder Götterpracht?
Mein! er war es, mein vor allen!
Ach, nur eine süße Nacht!
Es singen die Priester: Wir tragen die Alten,
Nach langem Ermatten und spätem Erkalten,
Wir tragen die Jugend, noch eh sie's gedacht.
Höre deiner Priester Lehre:
Dieser war dein Gatte nicht.
Lebst du doch als Bajadere,
Und so hast du keine Pflicht.
Nur dem Körper folgt der Schatten
In das stille Totenreich;
Nur die Gattin folgt dem Gatten:
Das ist Pflicht und Ruhm zugleich.
Ertöne, Trommete, zu heiliger Klage!
O nehmet, ihr Götter, die Zierde der Tage,
O nehmet den Jüngling in Flammen zu euch!
So das Chor, das ohn' Erbarmen
Mehret ihres Herzens Not;
Und mit ausgestreckten Armen
Springt sie in den heißen Tod.
Doch der Götter-Jüngling hebet
Aus der Flamme sich empor,
Und in seinen Armen schwebet
Die Geliebte mit hervor.
Es freut sich die Gottheit der reuigen Sünder;
Unsterbliche heben verlorene Kinder
Mit feurigen Armen zum Himmel empor.

11. "Laßt sich der Höhle Thor erschliessen"
 
Text by (Heinrich) Ludwig Theodor Giesebrecht (1792-1873)

Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 46 no. 4 (1832-3), first published 1835, Vier Legendäre Gesänge aus dem Oratorium "Die Sieben Schläfer"

 
Honoria:
Laßt sich der Höhle Thor erschliessen,
Und laßt die Sehnende hinein,
Daß vor der Martyrer Gebein
Die Thränen sel'ger Andacht fliessen.
Doch nein! es festlicher zu ehren,
Gehn wir, und Myrrhen bring' ich dar,
Und schwesterlicher Frauen Schar
Wird hierher mit wiederkehren!

12. "Staunend schreit' ich durch die Gaßen"
 
Text by (Heinrich) Ludwig Theodor Giesebrecht (1792-1873)

Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 46 no. 13 (1832-3), first published 1835, Vier Legendäre Gesänge aus dem Oratorium "Die Sieben Schläfer"

 
Malchus:
Staunend schreit' ich durch die Gaßen
Seh' ich um mich Ephesus?
Das ich gestern nur verlassen,
Das durchwandert dieser Fuß?
Hoch das Kreuz auf allen Zinnen,
Priester wallen mir vorbei.
Schied der Christenfeind von hinnen
Und die Gläub'gen wurden frei?
Und so Großes ist geschehen
Schnell, in einer kurzen Nacht?
Wetter brausen, Stürme wehen,
Gottes Gnadenauge wacht!

13. "Lazarus ward auferwecket"
 
Text by (Heinrich) Ludwig Theodor Giesebrecht (1792-1873)

Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 46 no. 16 (1832-3), first published 1835, Vier Legendäre Gesänge aus dem Oratorium "Die Sieben Schläfer" 

 
Martinus:
Lazarus ward auferwecket
Aufgethan der Gräber Nacht,
Als, von Finsternis bedecket,
Christus rief: Es ist vollbracht!
Aber pilgernd laßt uns gehen,
Bis wir selbst gesehn, gehört,
Ob ein Wunder hier geschehen,
Ob uns Höllen trug bethört.

14. "Gott sei mit euch!"
 
Text by (Heinrich) Ludwig Theodor Giesebrecht (1792-1873)

Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 46 no. 22 (1832-3), first published 1835, Vier Legendäre Gesänge aus dem Oratorium "Die Sieben Schläfer" 


Johannes:
Gott sei mit euch! Uns ist es nicht beschieden,
In die vor'ge Heimath einzugehn;
Hier ist unsre Rast in Gottes Frieden,
Bis die Todten werden auferstehn.
Denn der Geist des Herrn hat mir entdecket:
Als ein Vorbild sind wir euch gezeigt
Jenes Tages, da von ihm erwecket,
Alles Fleisch aus seinen Gräbern steigt.

15. "Der Woywode"
 
Text by Adam Mickiewicz (1798-1855) (Polish) and Carl von Blankensee (German translation), Ukrainische Ballade

Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 49 no. 1, Die Polnischen Balladen, Heft I no. 1 (January 14 1835), first published 1835

 
Von dem Gartenaltan
keucht zum Schloße heran
Der Woywode, voll Wuth und voll Schrecken,
Reißt die Vorhänge fort
Von dem Ruheort
Seines Weibs, leer liegen die Decken!
Auf den Boden er starrt,
In den greisigen Bart
Seine Hände, die bebenden, packen.
Wild hebt er den Blick,
Wirft die Ärmel zurück,
Rufet Naum, den treuen Kosacken.
"Ha! elender Wicht,
Warum waren mir nicht
Heute Nacht in dem Garten die Hunde?
Die Jantscharke nimm dir,
Und reiche auch mir
Die gezogene Büchse zur Stunde!"
Als vollbracht die Geheiß,
Schlichen beide sich leis
Zum Altan an der Mauer Rande.
An dem traulichen Ort
Was leuchtete dort?
Ein Weib ist's in weißem Gewande.
Eine Hand läßt vom Haar
Ihrer Augen Paar,
Läßt die Brust von Linnen umschliessen;
Mit der anderen Hand
Hät sie von sich gewandt
Einen Jüngling zu ihren Füssen.
Und umfangend ihr Knie,
Beschwöret er sie:
"Hab ich alles denn, alles verloren?
Hat den Händedruck auch
Und der Seufzer Hauch
Der Woywod sich zu eigen erkoren?
Ich, der ich manch Jahr
Treu-eigen dir war,
Soll dich meiden und sehen dich nimmer?
Er liebte dich nicht;
Doch das Gold hat Gewicht:
Du verkauftest ihm alles auf immer!
Ich eilte zu dir,
Von dem treuen Thier
Durch Sturm und Wetter getragen!
Um mit Seufzer und Kuß
Dir zum Abschiedsgruß
Gute Nacht auf immer zu sagen!"
Sie widersteht,
Wie er klagend auch fleht,
Daß sie seines Leids sich erbarme;
Bis die Kraft ihr entschwand
In der wehrenden Hand,
Und sie hinsank in seine Arme!
Vom Gesträche versteckt,
Auf den Boden gestreckt,
Der Woywod und der Diener liegen,
Ziehn die Ladung hervor
Und lassen ins Rohr,
Vom Ladstock getrieben, sie fliegen.
"Herr!" flüstert es sacht,
"Mich hemmt eine Macht:
Ich kann auf das Mädchen nicht schiessen;
Als den Hahn ich zog,
Mich ein Schauer durchflog,
Und zur Pfanne sah Thränen ich fliessen."
"Still, Heiduckensohn!
Lehre weinen dich schon!
Nimm hier Lissaer Pulver zum Zünden!
Mache schnell den Stein
Mit dem Nagel rein,
Dann ihr Ziel laß die Kugel sich finden!
Höher!... Rechts!... Halt' still!
Ich selber erst will
Den Brätigam strecken zu Boden!"
Der Kosack legt an,
Zielet fest, spannt den Hahn,
Und trifft ins Herz den Woywoden.

16. "Die Schlüsselblume"
 
Text by Adam Mickiewicz (1798-1855) (Polish) and Carl von Blankensee (German translation)

Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 49 no. 2, Die Polnischen Balladen, Heft I no. 1 (1835), first published 1835

 
Lerche zu des Frühlings Ruhme
Hat ihr Erstlingslied gesungen,
Blumenerstling Schlüsselblume
Hat sich goldnem Kelch entrungen.
Blümchen, bist zu früh gekommen!
Mitternacht haucht noch so kalt.
Hast den Schnee nicht wahrgenommen?
Feucht ist noch der Eichenwald.
Schließ die goldnen Äuglein wieder,
Birg dich in der Mutter Schoß,
Eh' der Reif dir mitleidslos
Starren macht die zarten Glieder.
Unsre Tage Falterstage,
Morgen Leben, Mittag Sterben.
Ganzem Herbst ich gern entsage,
Einen Lenztag zu erwerben.
Willst den Freunden Kränze bringen,
Oder der Geliebten dein?
Wirst aus meiner Blüth; ihn schlingen,
Soll's der Kranz der Kränze sein.
Unterm Gras, in wildem Hain
Keimtest du, geliebte Blume,
Klein an Wuchs, an Glanze klein,
Darfst du späh'n nach solchem Ruhme?
Wo sind deiner Schönheit Pfänder,
Wo der Tulpe stolzer Bund?
Wo der Lilie Lichtgewänder,
Wo der Rose Brust so rund?
Will zum Kranze dich verflechten,
Doch woher so viel Vertraum?
Freunde und Geliebte, möchten
Sie auch huldvoll auf dich schaun?
Glaub's, der Freund heißt mich willkommen,
Mich, des jungen Frühlings Engel,
Glanz nicht mag der Freundschaft frommen,
Schatten liebt sie wie mein Stengel.
Ob ich werth der Liebsten Hände,
Sag's, Marie, du himmlisch hehre!
Für der Erstlingsknospe Spende
Wird mir, ach! nur eine Zähre.

17. "Die drei Budrisse"
 
Text by Adam Mickiewicz (1798-1855) (Polish) and Carl von Blankensee (German translation)

Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 49 no. 3, Die Polnischen Balladen, Heft I no. 1 (1835), first published 1835
 


In den Schloßhof hernieder
Rief Held Budris die Brüder,
seine Söhne, und also begann er:
"Führt hervor eure Roße,
Und macht scharf die Geschoße,
In den Krieg schon wehen die Banner.
Hab's in Wilno erfahren,
Daß alsbald unsre Scharen
Nach der Welt drei Seiten sich kehren:
Olgierd wird Reussens Gauen,
Skirgiel Lachias Auen
Und Fürst Kieystut Teutonien verheeren.
Ihr seid kräftig und munter,
Steigt zum Kampf denn hinunter,
Von der Littauer Göttern geleitet.
Nicht mehr tauge zur That ich,
Doch den Ziehenden rath' ich:
Ihr seid drei, drei Wege dann schreitet!
Einer mag sich bereiten,
Unter Olgierd zu streiten
Längs dem Ilmen in Nowogrods Feldern.
Dort giebt's Zobelbesätz'
Und viel andere Schätz',
Und der Kaufmann dort strotzet von Geldern.
In dem Kampf zieh' der Zweit'
In Fürst Kieystuts Geleit,
In dem Blut er der Kreuzritter wate!
Dort giebt's Bernstein wie Sand
Und manch köstlich Gewand
Und brillantengeschmückte Ornate.
Dring' mit Skirgiel der Dritte
Bis in Lachias Mitte;
Wohl an Punk geräth dort nicht zu denken.
Doch statt dess mag er bringen
Gute Schilde und Klingen
Und von dort eine Tochter mir schenken.
Denn die schönste der Frauen
Ist die Lachin zu schauen,
Wie's Kätzelein tändelt sie gerne,
Weiß wie Milch sind die Wangen,
Schwarze Wimpern umfangen
Ihrer Augen helleuchtende Sterne!
Dorther hab' ich vor lange
In der Jugendlust Drange
Eine Lachin zum Weib mir erkoren;
Und lebt jene gleich nimmer,
Denk' ich ihrer doch immer,
Wenn mein Auge dorthin sich verloren."
Also mahnt er sie weise,
Segnet dann sie zur Reise;
Sie ziehn hin auf verschiedenen Wegen.
Herbst und Winter erscheinen,
Und noch siehet er keinen:
Budris glaubt im Kampf sie erlegen.
Auf der Schneebahn zum Schloße
Eilt ein Mann hoch zu Roße;
Unterm Mantel was bergen wohl mocht er?
"Ei! ein Kubel! im Kubel
Nowogrodische Rubel?"
"Nein, mein Vater! die lachische Tochter."
Auf der Schneebahn zum Schloße
Eilt ein Mann hoch zu Roße;
Unterm Mantel was bergen wohl mocht er?
"Bringst wohl! Bernstein, mein Zweiter?
Warst in Deutschland ja Streiter!"
"Nein, mein Vater! die lachische Tochter."
Auf der Schneebahn zum Schloße
Eilt ein Mann hoch zu Roße;
Voll von Beut' ist der Mantel des Dritten.
Doch noch eh' sie getheilet,
Held Budris schon eilet,
Zu der dritten Hochzeit zu bitten.

18. "Wilija, naszych strumieni rodzica"
 
Text by Adam Mickiewicz (1798-1855) (Polish) and Carl von Blankensee (German translation)

Music by Johann Karl Gottfried Loewe, "Wilia und das Mädchen" (Wilija i dziewica), op. 50 no. 1, Die Polnischen Balladen, Heft II no. 1 (1835), first published 1835, singable in German or Polish

See also:

Stanislaw Moniuszko (1819-1872), "Wilja", Polish

 
Wilia, sie, der unsre Ström' entsprangen,
Hat gold'gen Grund und himmelblaue Wangen;
Litwinin schön, die schöpft ihr Wasser klar,
Hat rein'res Herz und schön'rer Wangen Paar.
Wilia in dem holden Thral von Kauen,
Fließt hin durch Tulpen- und Narcissenauen;
Der Jünglingsflor, Litwinin, dir zu Füßen,
Blüht schöner noch als Ros' und Tulpen sprießen.
Wilia nach den Blumen nicht verlanget,
Den Niemen, den Geliebten, sucht ihr Blick;
Litwinin unter den Litwinen banget,
Des fremden Jünglings Liebe ist ihr Glück.
Der Niemen hat die Braut sich kühn errungen,
Er trägt sie fort durch Fels und wilden Grund;
Er hält sein Lieb mit kaltem Arm umschlungen,
Und beide stürzen in des Meeres Schlund.
Auch dich, Litwinin, hat es nachgezogen
Dem fremden Mann aus der Gespielin Reihn,
Auch du versinkst in des Vergessens Wogen,
Doch trauriger, doch einsam und allein!
Das Herz, der Fluß, sie lassen sich nicht hemmen,
Das Mädchen liebt, Wilia eilt mit Macht:
Wilia schwand in dem geliebten Niemen,
Das Mädchen weinet in des Thurmes Nacht.

19. "Der junge Herr und das Mädchen"
 
Text by Adam Mickiewicz (1798-1855) and Odnyniec (Polish) and Carl von Blankensee (German translation)

Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 50 no. 2, Die Polnischen Balladen, Heft II no. 2, composed and first published in 1835

a)
Mägdlein pflücket Beeren in des Waldes Mitten;
Kommt auf schwarzem Roße junger Herr geritten
Und neiget sich artig und springet vom Pferde;
Die Maid schlägt erröthend das Auge zur Erde.
"Höre, liebes Mädchen! heut in diesen Hagen
Kam ich mit den Freunden, um das Wild zu jagen,
Und kann nun nicht finden zum Städtchen die Wege.
Zeig, liebliche Hirtin, dahin mir die Stege!
Führet dieser Pfad mich bald zum Wald hinaus?"
"Wohl bei guter Zeit noch kommt der Herr nach Haus.
Gleich vorn auf dem Felde sind Birken zu sehen,
Da müßet links ab ihr ums Dorf herum gehen.
Oben durch die Schonung rechts am Fluß der Pfad,
Dort ist Brück und Mühle und zu sehn die Stadt."
Das Herrlein bedankt sich, die Hand drückter ihr,
Er küßt ihre Wange, pfeift dann seinem Thier;
Sitzet auf und spornt es, er jaget verwegen,
Mägdlein seufzet bange, ich weiß nicht weswegen.

b)
Mägdlein pflücket Beeren in des Waldes Mitten;
Kommt auf schwarzem Roße junger Herr geritten
Und rufet von ferne: "Zeig anderen Weg,
Nicht finde durchs Wasser beim Dorf ich den Steg;
Keine Brücke kann ich, keine Furth erspähen;
Willst mich armen Jungen denn ertrinken sehn?"
"So reite der Herr denn am Kirchhof den Pfad."
"Gott lohn' es dir, Mädchen!" "Ich danke der Gnad."
In den Wald den Weg hin er jaget verwegen:
Mägdlein seufzet bange, Ei! ich weiß weswegen.

c)
Mägdlein pflücket Beeren in des Waldes Mitten;
Kommt auf schwarzem Roße junger Herr geritten
Und rufet von neuem: "Zeigst so du, o Mädchen,
Durch weglose Graben den Pfad mir zum Städtchen?
Ist auf diesem Weg doch wohl seit langen Jahren
Kaum nach Holz ein Bauer in den Wald gefahren!
Den ganzen Tag jag ich, nicht futternd mein Roß.
Der Reiter ist müde, sein Thier athemlos.
Nieder sitz ich, will mich aus dem Quell erquicken,
Will mein Roß entzäumen, auf die Weid' es schicken."
Er neiget sich artig und springet vom Pferde;
Die Maid schlägt erröthend die Äuglein zur Erde.
Er ist still, sie seufzet. Doch nicht lang' es währet,
Daß ihn laut, sie leise, man sie sprechen höret.
Doch weil grad ein Luftzug das Wäldchen durchwehte,
Die Worte des Herrlein nicht recht ich erspähte.
Doch aus Wort und Mienen hab ich das gelesen,
Daß nicht mehr vom Wege das Gespräch gewesen.

20. "Das Switesmädchen"
 
Text by Adam Mickiewicz (1798-1855) and Odnyniec (Polish) and Carl von Blankensee (German translation)

Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 51 no. 1, Die Polnischen Balladen, Heft III no. 1, composed and first published in 1835
 

 
 

Wer ist der Jüngling, lieblich zu schauen?
Wer ist daneben die Dirne?
Dort an des Swites Wassern, den blauen,
Gehn sie beim Glanz der Gestirne.
Sie aus dem Korbe reichet ihm Beeren,
Er zu dem Kranz ihr die Blüthen.
Leichtlich aus Allem läßt sich erklären,
Daß für einander sie glühten.
Jegliche Nacht schon sehen sich Beide,
Dort, wo der Lärchenbaum raget.
Er ist ein Schütze hier in der Haide.
Wer ist das Mädchen? Nicht fraget!
Nie, wo sie herkam, ließ sich erspähen,
Nie, wo sie hinging, ergründen,
Kommt, wie die Lilie taucht aus den Seen,
Gehet, wie Irrlichter schwinden.
"Sprich, das Geheimnis, was soll es frommen?
Liebliche Maid aus den Hainen,
Sprich, welche Pfade bist du gekommen?
Wo ist dein Haus, wo die Deinen?
Sommer entschwindet, Blätter erstarren,
Regnichter Herbst kommt gezogen;
Soll ich dein Nahen immer erharren
Hier an dem Strande der Wogen?
Wirst du denn immer, scheu gleich dem Rehe,
Dich in die Waldnacht entrücken?
Ihn, der dich liebet, laß deine Nähe,
Mich laß sie, Theure, beglücken!
Nah' ist mein Hüttchen, klein zwar und enge,
Hinter des Haselstrauchs Hülle;
Milch dort und Früchte hab' ich die Menge,
Habe dort Wildpret die Fülle."
"Schweige, Verwegner!" rufet die Schöne,
"Weiß, wie der Vater mich warnte:
Männermund hauchet Nachtigalltöne,
Flieh', eh' der Fuchs dich umgarnte.
Mehr ist zu fürchten euer Bethören,
Als euren Gluthen zu trauen.
Möchte vielleicht dein Flehen erhören,
Doch kann ich auch auf dich blauen?"
Nieder da kniet er, greift mit der Linken
Sand, ruft der Hölle Gewalten,
Schwört bei der Sterne heiligem Blinken,
Doch wird den Eidschwurer halten?
"Halt' ihn, o Schütze, höre mein Mahnen:
Denn wer den Eidschwur gebrochen,
Hier schon im Leben wird es sich ahnen,
Jenseit wird einst es gerochen!"
Sprach es das Mädchen, länger nicht weilend,
Schmückte die Stirn mit dem Kranze,
Grüßt noch den Schützen, weit, schon enteilend,
Schwebet dahin wie im Tanze.
Fruchtlos der Schütze hinter sie strebet,
Konnte die Flücht'ge nicht fassen,
Leicht, wie ein Windhauch, war sie entschwebet,
Er bleibt allein und verlassen;
Bleibet verlassen; durch die Moräste
Kehrt er auf schwankenden Stegen,
Rings ist es stille, raschelnde Äste
Nur unterm Fuß sich ihm regen.
Ufer hinschweift er, irrend die Schritte,
Irrend die Augen ihm flogen:
Da in der Forst braust's, tief in der Mitte,
Tosender schwellen die Wogen;
Tosender schwell'n sie, öffnen die Schlünde,
Wunder, o nimmer erlebet!
Über des Swites silberne Gründe
Hold eine Maid sich erhebet!
Feucht, wie von Morgens Thränen die Rosen,
Strahlet ihr Antlitz hernieder,
Leicht, wie ein Nebel, also umkosen
Weh'nde Gewand' ihr die Glieder.
"Sag mir, o Jüngling, lieblich zu schauen,
Sag's deiner liebenden Dirne,
Was an des Swites Wassern, den blauen,
Schweifst du beim Glanz der Gestirne?
Was um den Wildfang kannst du so bangen,
Der dich verlockt in die Haiden,
Stets dann entweichet deinem Verlangen
Und wohl noch lacht deiner Leiden?
Mein Flehen höre, treu ist's gemeinet,
Laße die Seufzer verhallen!
Hierher! zu mir her! daß wir vereinet
Gaukeln auf feuchten Krystallen!
Bald, wie die flücht'gen Schwalben, das frische
Antlitz der Welle nur streifen,
Bald, so gesund und froh wie die Fische,
Plätschernd die Tiefen durchschweifen;
Nachts dann in Abgrunds silbernem Schoße,
Unter den Zelten, den lichten,
Sanft auf der Wasserlilien Moose
Träumen von Himmelsgesichten."
Da aus den Hüllen schimmern die Brüste,
Schamhaft zum Boden hin schaut er.
Siehe, sie naht sich schwebend der Küste:
"Zu mir, komm zu mir, mein Trauter!"
Und wie der Regenbogen erglühend,
Schwingt sie den Fuß durch die Lüfte;
Tröpfchen dann wieder silberne sprühend,
Theilt sie die wallenden Klüfte.
Hin eilt der Schütze, stehet dann säumend,
Möcht' in die Fluthen, und stocket,
Bis eine Welle, rückwärts entschäumend,
Sacht in ihr Gleis ihn verlocket,
So ihn verlocket, so ihn berauschet,
Also das Herz ihm berücket,
Wie wenn des Jünglings Hand unbelauschet
Schamhaft die Liebende drücket.
Da hat der Schütze Liebchen vergessen,
Achtet nicht Eidschwur und Warnung;
Blind in die Tiefen eilt er vermessen,
Folgend der neuen Umgarnung,
Eilet und schauet, schauet und eilet;
Fort hat die Fluth ihn gezogen.
Ferne dem trocknen Strand er schon weilet,
Koset in mitten der Wogen;
Hält schon die schneeige Hand ihr gefangen,
Kann von dem Antlitz nicht lassen,
Will an den ros'gen Lippen ihr hangen,
Brünstig den Leib ihr umfassen.
Da weht ein Lüftchen, Nebel entschwinden;
Frei von dem täuschenden Scheine
Sieht er die Maid nun, glaubt zu erblinden:
Ach!'s ist die Maid aus dem Haine!
"Wo ist der Eidschwur? wo ist mein Mahnen?
Ja, wer den Eidschwur gebrochen,
Hier schon im Leben wird es sich ahnen,
Jenseit wird einst es gerochen!
Nie wirst im See du tändeln dich laben;
Nie in die Tiefen du tauchen:
Rächend den Leib wird Erde begraben,
Kies dir verlöschen die Augen!
Aber die Seele, dort an dem Stamme
Soll sie Jahrtausende schmachten,
Ewig erdulden höllische Flamme,
Fruchtlos zu löschen sie trachten."
Schütze vernimmt es; irrend die Schritte,
Irrend die Augen ihm flogen.
Da in der Forst braust's tief in der Mitte,
Tosender schwellen die Wogen,
Tosender schwell'n sie, wall'n bis zum Grunde,
Netzen dem Jüngling die Stirne;
Auf thut der See sich, nieder zum Schlunde,
Sinkt mit dem Jüngling die Dirne.
Tosend die Wogen heut noch sich heben,
Heut noch beim Glanz der Gestirne
Sieht man zwei nicht'ge Schatten dort schweben:
's ist mit dem Jüngling die Dirne.
Sie auf den Fluthen lacht seinem Leide,
Er unterm Lärchenbaum klaget.
Wer ist der Jüngling? Schütz' aus der Haide.
Wer ist das Mädchen? Nicht fraget!

21. "Frau Twardowska"
 
Text by Adam Mickiewicz (1798-1855) and Odnyniec (Polish) and Carl von Blankensee (German translation)

Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 51 no. 2, Die Polnischen Balladen, Heft III no. 2, composed and first published in 1835

 
Ei, das tanzt, das lärmt und trinket!
Ei, das Völkchen, das versteht es!
Wie die Schenke um nicht sinket!
Heisa! hopsa! heisa! geht es.
Twardowski sitzt hinten weiter,
Stürzt die Seiten mit dem Armen:
"Lustig, Leute, lustig!" schreit er,
Neckt und höhnt und schreckt die Armen.
Einem Kriegsknecht, der die Fabel
Seines Muths erzählt beim Glase,
Pfiff ums Ohr er mit dem Sabel:
Sieh', der Kriegsknecht ward ein Hase.
Vom Gericht dem Advokaten,
Welcher still die Schüßel leerte,
Klappert sacht er mit Dukaten:
Windhund ward der Rechtsgelehrte.
Schuster kriegt drei Nasenstüber
Und drei Röhrchen in die Löcher;
Ein Faß Danziger und drüber
Zapft er aus dem Kopf dem Zecher.
Aus dem Glas schlürft das Getränk er,
Horch! da hört er drin Geknatter;
Schaut hinein drum: "Ei, was Henker!
Was wollt Ihr denn hier, Gevatter?"
Teufelchen saß auf dem Boden,
Steifgekleidet zierlich Jüngchen,
Grüßte nach der neusten Moden,
Zieht den Hut und macht ein Sprüngchen,
Wuchs zwei Ellen, eh' vom Glase
Auf den Boden er gefallen;
Hahnenfuß und krumme Nase,
An den Fingern Sperberkrallen.
"Ah... Twardowski! nun, ich grüß' dich!"
Sprach's und rückte ihm zu Kleide.
"Dein Gedächtnis, scheints verließ dich:
Dächte doch, wir kenn'n uns Beide!
Hast du nicht in den Karpaten
Deine Seele mir verhandelt?
Haben wir nicht die Traktaten,
Du geschrieben, ich gesandelt?
Ich gab mich dir zum Gesellen,
Du versprachst, nach dreien Jahren
Dich in Rom mir zu gestellen,
Um mit mir zur Höll zu fahren.
Sieben Jahre schon verliefen,
Deine Handschrift ist verfallen:
Du, ein Schreck der Hölle Tiefen,
Denkst nicht dran, nach Rom zu wallen.
Doch die Rache, wie sie lahme,
Lockte dich uns ins Gehege;
Dieser Krug: Rom ist sein Name;
Mit Arrest ich Euch belege!"
Twardowski will aus dem Hause
Auf ein solch dictum acerbum:
Teufel packt ihn bei der Krause:
"At ubi nobile verbum?"
Ja, die Sache scheint verteufelt:
Hier heißt's sich zum Tod bereiten;
Doch Twardowski nicht verzweifelt,
Macht schon neue Schwierigkeiten:
"Schau in den Kontrakt, mein Lieber,
Dort, merk auf, giebt's eine Stelle:
Wenn nun meine Zeit vorüber,
Und ich mit dir soll zur Hölle,
Darf ich noch zu dreien Malen
Dich als Herr zur Arbeit zwingen,
Und du mußt, was wir befahlen,
Bis aufs Jota uns vollbringen.
Schau, dort hängt der Schenke Zeichen,
Schmuckes Pferd, gemalt auf Linnen,
Ich begehr es zu besteigen,
Und das Pferd trag mich von hinnen.
Dreh mir eine Peitsch' aus Sande,
Daß ich's auch womit kann treiben,
Und ein Wirthshaus bring zu Stande,
Wo zur Fütt'rung ich kann bleiben.
Aus Nußkern das Wirthshaus mache,
Höher nicht als die Karpaten
Judenbärte nimm zum Dache,
Und Mohnkörnchen brauch als Latten.
Schau dies Zweckchen, ein Zoll Dicke,
Drei Zoll lang, das nimm zum Masse,
In die Körner, Stück bei Stücke,
Drei mir solcher Nägel passe!"
Mephistophel, sausend springt er,
Putzt das Rößlein, füttert, tränket,
Drauf die Peitsch' aus Sande schlingt er,
Und ist fertig, eh' man's denket.
Auf den Renner steigt Twardowski
Reitet Schritt und galoppiret,
Prüft in Allem ihn als Kenner. Sieh!
Das Haus ist auch vollführet.
"Nun, gewonnen, Euer Gnaden!
Doch das Zweit' ist zu beginnen:
Hier im Napf mußt du duch baden,
Und Weihwasser, wiss' ist drinnen."
Teufel würgt sich, er kriegt Zucken,
Sein Gesicht wird immer blasser;
Doch Knecht ist er, darf nicht mucken,
Köpflings stürzt er sich ins Wasser;
Fliegt heraus mit Blitzesschnelle,
Schüttelt sich und prustet grimmig:
"Jetzt bist unser du, Geselle!
Nie ein heißer Bad durchschwimm' ich."
"Eins nur fehlt noch, nichts dann drüber,
Nun das letzte Zeitvertreibchen!
Schau die dort, uns gegenüber,
Frau Twardowska ist's, mein Weibchen.
Ich will auf ein Jahr statt deiner
Bei Beelzebub logiren,
Auf das Jahr magst du statt meiner
Dich bei meinem Schatz quartiren.
Lieb und Treue ihr gelobe,
Zum Gehorsam dich verpflichte.
Wenn du nicht bestehst die Probe,
Ist der ganze Pakt zu nichte."
Halb nach ihm nur hört der Teufel,
Halb er nach dem Schätzen sahe;
Ob er hört und sah, litt Zweifel,
Denn schon war der Klink' er nahe.
Als Twardowski, ihn bedrängend,
Ihn von Thür und Fenster scheuchet,
Da, durchs Schlüßelloch sich zwängend,
Nimmt Reiß aus er und entfleuchtet.

22. "Esther"
 
Text by (Heinrich) Ludwig Theodor Giesebrecht (1792-1873)

Liederkreis (Music) in Balladenform by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 52, composed in 1835, first published in 1836
 
     a) Wie früh das enge Pförtchen knarre
     b) Der König auf dem gold'nen Stuhle
     c) Nun auf dem fremden Boden mehret
     d) Spielt, Mägdlein, unter euer Weide
     e) Wie wohnst du in des Reiches Städten

a) Wie früh das enge Pförtchen knarre
 
"Wie früh das enge Pförtchen knarre,
Das in die Judengasse führt,
Schleich ich herein, und harre,
Harre, bis leise sich dein Riegel rührt;
Und ob der Adel mich verhöhne,
Ich meide Hof und Rittersaal,
Dich lieb' ich, Esther, Gute, Schöne,
Sei du mein ehliches Gemahl!
Laß mir die Hand! Dir droh'n Gefahren,
Laß, Judenmädchen, mir die Hand!
Sieh deines Volkes flücht'ge Scharen
Vertrieben aus dem Ungerland;
Wer weiß, wie bald euch hier zum andern,
Was dort zum ersten, mag geschehn:
Soll ich auch dich ins Elend wandern,
Aus Polen dich verstossen sehn?
Mein Schloß und meiner Diener Haufe,
Ich selber will dein eigen sein.
Komm, meine Esther, komm, nimm die Taufe,
Nimm meinen Ring, und werde mein!"
"Christ, deine Liebesworte brennen
Mir in der Seele heiß und scharf:
Von Israel sollt' ich mich trennen,
Das Gott erwählt, das Gott verwarf!"

b) Der König auf dem gold'nen Stuhle
 
"Der König auf dem gold'nen Stuhle
Hat dich gesehn, er ist dir hold,
Und er begehrt, als seiner Buhle,
Der schönen Esther Minnesold."
"Fort, Kuppler!" "Jüdin, eins von beiden:
Des Königs Liebe oder Zorn,
Der Deinen Wohlfahrt oder Leiden,
Hart an der Rose wächst der Dorn!"
"Gott Israels, wohin mich kehren?
Weh, soll des Edomiters Gluth
Mich, Saron's Lilie, verzehren?
Wag' ich mein Volk an seine Wuth?
Wer schützt die Flücht'gen auf der Gasse,
Die Sturm und Winterschnee umsaust,
Und wer euch vor des Königs Hase,
Die ihr bis jetzt in Frieden haust?
Got Abrahams, des Helden Stärke
Schaffst du für Israel zum Heil,
Für Israel und seine Werke
Ward Schönheit deiner Magd zu Theil.
Ich will zur Buhle mich ergeben,
Doch, König, nur um hohes Pfand,
Um der Hebräer Heil und Leben
Und um dein halbes Polenland."

c) Nun auf dem fremden Boden mehret
 
Nun auf dem fremden Boden mehret
Und baut euch, Israels Geschlecht;
Der Pflug allein ist euch verwehret,
Gewerb und Handel euer Recht.
Zu Herr'n erhöhet die Verlornen
Der Freiheitsbrief in meiner Hand:
Das ist der Preis des Erstgebornen,
Der meinem Schoße sich entwand.
Mein Sohn, mein Sohn, mein Sohn, du mir genommen,
Da ich mich kaum an dir geletzt!
Wohin, wohin? Die Priester kommen,
Die Taufe hat sein Haupt genetzt!
Gestrichen aus dem Buch der Erben,
Entführt dem Volk der GottesWahl!
Mit Magog wird mein Kind verderben,
Wird liegen in dem Haufenthal.

d) Spielt, Mägdlein, unter euer Weide
 
Spielt, Mägdlein, unter euer Weide,
Sucht Schäfchen, die der Wind verstreut!
Ihr seid mein Trost in meinem Leide,
Mein Schmerz, der täglich sich erneut.
Mit Thränenfluth, mit glüh'nder Bitte
Hab' ich die Töchter mir erkauft!
Ihr lebt in der Hebräer Sitte,
Mein Erstgeborner ist getauft.
Wer kommt? Was hast du mir zu sagen?
Dein Blick verkündift bange Noth.
"Bist du gefaßt, kannst du es tragen?"
Sprich, Amme, sprich! "Dein Sohn ist todt."
Gott Abrahams, du hast gegeben,
Was du genommen hast, ist dein.
Laß seinen Tod, sein kurzes Leben
Die Tilgung seiner Taufe sein.
"Horch, das Geläut der Schloßkapelle!"
Sie läuten um der Jüdin Sohn.
"Vom Thurm zu Thurme, Well auf Welle,
Ganz Krakau wogt in Glockenton."
Was ist? Was hab' ich zu erwarten?
Du, Marschall, selbst? Und dein Gebot?
"Verlaß nun, Jüdin, diesen Garten,
Denn König Kasimir ist todt."
Ist todt. Und deine Feuerwolke,
Gott Israels, beginnt den Lauf.
Kommt, Kinder, kommt zu unsern Volke,
Die Judengasse nimmt uns auf.

e) Wie wohnst du in des Reiches Städten
 
Wie wohnst du in des Reiches Städten,
Israel, frei und unbeschwert,
Magst Sabbath halten, feiern, beten,
Wie deine Väter dich gelehrt!
Verarmt sind jetzo deine Treiber,
Dich aber hat Gott reich gemacht,
Du schmückst mit Perlen deine Weiber,
Und deine Jungfraun gehn in Pracht.
Auch meine Zwillingstöchter stehen
Wie Lilien Gottes aufgeblüht.
Doch muß ich still im Leide gehen,
Von heißem Weh die Brust durchglüht.
Muß nach dem Christenkirchhof schleichen,
Spät Abends an dem Fluß hinab.
Das weiße Kreuz, das ist das Zeichen,
Da find' ich meines Sohnes Grab.
Hier ist es still, hier möcht' ich weinen;
Indeß der Stunden Zahl verrinnt,
Bis der Messias wird erscheinen
Und Davids Königreich beginnt.