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Karl Löwe

(1796 - 1869)
 

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The Lieder of  Karl Löwe


Lieder – complete index

Lieder – Index c:
 
1. "Der Sturm von Alhama"
2. "Heinrich der Vogler"
3. "Dank des Paria"
4. "Wirkung in die Ferne"
5. "Was hör' ich draußen vor dem Tor"
6. "Der Schatzgräber"
7. "Frauenliebe und Leben: Frauenliebe, Liederkranz von Chamisso"
    a) Seit ich ihn gesehen
    b) Er, der Herrlichste von allen
    c) Ich kann's nicht fassen, nicht glauben
    d) Du Ring an meinem Finger
    e) Helft mir, ihr Schwestern
    f) Süßer Freund, du blickest
    g) An meinem Herzen, an meiner Brust
    h) Nun hast du mir den ersten Schmerz getan
    i) Traum der eignen Tage
8."Fridericus Rex"
9. "Süßes Begräbnis"
10. "Die Blume der Ergebung"
11. "Die Katzenkönigin", Fabelballade
12. "Das Erkennen"
13. "Der Feldherr", Bonaparte im Pestpital zu Kairo
14. "Landgraf Ludwig"
15. "Schwalbenmärchen"
16. "Kleiner Haushalt"
17. "Die Göttin im Putzzimmer"
18. "Das Grab zu Ephesus"
19. "Der Weichdorn"
20. "Der heilige Franziskus"
21. "Das Wunder auf der Flucht, Legend"
22. "Die Einladung"
23. "Nachtgesang"
24. "Mailied"
25. "Frühling übers Jahr"
26. "Auf dem See"
27. "Trost in Tränen"
28. "Ganymed"
29. "Mahomets Gesang"

1. "Der Sturm von Alhama"
 
Text: Spanische Ballade nach dem Arabischen von Victor Aimé Huber (1800-1869)

Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 54, composed in 1834, first published in 1835
 

 
 

Durch die Straßen von Granada
Einst der Maurenkönig ritte,
Von dem Thore von Elviras
Bis zu dem von Bibarrambla.
Wehe mir! Alhama!
Kamen Briefe an den König:
Daß Alhama sei gefallen.
Warf die Briefe in das Feuer,
Und den Boten hieb er nieder.
Wehe mir! Alhama!
Von dem Maulthier steigt herunter
Und sein Roß besteigt er bald:
Zakatin er aufwärts reitet
Nach dem festen Schloß Alhambra.
Wehe mir! Alhama!
Angekommen in Alhambra,
Rasch befiehlt er seinen Treuen:
"Die Trompeten lasset schmettern
Und die silbernen Posaunen.
Wehe mir! Alhama!
Und die rauhe Kriegestrommel lasset
Wild zum Streite rühren,
Daß es alle Mauren hören,
Von der Vega und Granada."
Wehe mir! Alhama!
Als den Schall die Mauren hörten,
Der zum blut'gen Streite ruft,
Ein und Einer, Zwei und Zweie,
Sie sich eilig alle scharten.
Wehe mir! Alhama!
Hub ein alter Maur' die Rede,
Also sprach er zu dem König:
"Warum rufst du uns, o Herr!
Warum ruft uns die Trompete?"
Wehe mir! Alhama!
"Hören sollt ihr, meine Freunde,
Eine jammervolle Kunde:
Vor der Christen wildem Muthe
Ist Alhama jüngst gefallen."
Wehe mir! Alhama!
Alter Alfaqui entgegnet,
Mit dem langen weißen Barte:
"Recht geschieht dir, edler König!
Edler König, du verdienst es!
Wehe mir! Alhama!
Schlugst die tapfern Bencerrages,
Die Blüthe von Granada;
Hast die Fremden aufgenommen,
Die aus Cordova entflohen.
Wehe mir! Alhama!
Drum verdienest du, o König!
Eine doppelt harte Strafe,
Daß dein Reich und du verderbest,
Daß Granada selber falle.
Wehe mir! Alhama!
Wenn das Recht man nicht mehr ehret,
Ist es Recht, daß Alles sinke,
Daß Granada selber falle,
Und mit ihm auch du verderbest."
Wehe mir! Alhama!
Feuer strahlen seine Augen,
Als der König dies vernommen;
Da von Recht der Priester redet,
Spricht vom Rechte auch der König:
Wehe mir! Alhama!
"Weiß als König, daß nicht Rechtens,
Was des Königs Willen hemmt."
Also spricht der Maurenkönig,
Und er wiehert laut vor Zorne.
Wehe mir! Alhama!
Maur' Alfaqui! Maur' Alfaqui!
Du mit deinem langen Barte,
Dich zu fahren er gebietet,
Um des Falles von Alhama!
Wehe mir! Alhama!
Läßt dein Haupt herunter schlagen,
Am Alhambra auf es stecken,
Dir zu Strafe, und zum Schrecken
Allen denen, die es sehen.
Wehe mir! Alhama!
"Ritter ihr, und wackre Männer,
Sprecht von mir zum König dieses,
Sprecht zum König von Granada,
Daß ich nichts ihm hab' verschuldet.
Wehe mir! Alhama!
Daß Alhama ist verloren,
Füllt mein Herz mit bitt'rem Grame.
Doch hat er die Stadt verloren,
Wohl viel mehr verloren Andre;
Wehe mir! Alhama!
Alhama! Ja die Väter ihre Söhne,
Und die Weiber ihre Gatten,
Sein Geliebtestes der Eine,
Und der Andre seinen Ruhm.
Wehe mir! Alhama!
Und ich selbst verlor die Tochter,
Sie, die Blume dieses Landes,
Hundert Unzen gäb ich gerne,
Sie zu lösen, wenn ich könnte!"
Wehe mir! Alhama!
Als der Alfaqui gesprochen,
Ward sein Haupt ihm abgeschlagen,
Am Alhabra aufgestecket,
Wie der König es befohlen.
Wehe mir! Alhama!
Männer, Weiber, kleine Kinder
Den Verlust da laut beweinen,
Und die Damen weinten alle,
Die es gab in ganz Granada.
Wehe mir! Alhama!
Auf den Straßen und Balkonen
Sieht man Trauer allenthalben,
Wie ein Weib der König weinet,
Weil er also viel verloren!
Wehe mir! Alhama!

2. "Heinrich der Vogler"
 
Text by Johann Nepomuk Vogl (1802-1866)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 56 no.1, 1836

 
 
Herr Heinrich saß am Vogelherd,
Recht froh und wohlgemut;
Aus tausend Perlen blinkt und blitzt
Der Morgenröte Glut.
In Wies und Feld, in Wald und Au,
Horch, welch ein süßer Schall!
Der Lerche Sang, der Wachtel Schlag,
Die süße Nachtigall!
Herr Heinrich schaut so fröhlich drein:
Wie schön ist heut die Welt!
Was gilt's, heut gibt's 'nen guten Fang!
Er schaut zum Himmelszelt.
Er lauscht und streicht sich von der Stirn
Das blondgelockte Haar...
Ei doch! was sprengt denn dort heran
Für eine Reiterschar?
Der Staub wallt auf, der Hufschlag dröhnt,
Es naht der Waffen Klang;
Daß Gott! die Herrn verderben mir
Den ganzen Vogelfang!
Ei nun! was gibt's? Es hält der Troß
Vorm Herzog plötzlich an,
Herr Heinrich tritt hervor und spricht:
Wen sucht ihr Herrn? Sagt an!
Da schwenken sie die Fähnlein bunt
Und jauchzen: Unsern Herrn!
Hoch lebe Kaiser Heinrich, hoch!
Des Sachsenlandes Stern!
Sich neigend knien sie vor ihm hin
Und huldigen ihm still,
Und rufen, als er staunend fragt:
's ist deutschen Reiches Will!
Da blickt Herr Heinrich tief bewegt
Hinauf zum Himmelszelt:
Du gabst mir einen guten Fang!
Herr Gott, wie dir's gefällt!

3. "Dank des Paria"
 
Text by Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 58, 1836

See also:
 
Hugo Wolf
(1860-1903), from Goethe-Lieder no. 30 (1888-9)
 


Großer Brahma! Nun erkenn ich,
Daß du Schöpfer bist der Welten!
Dich als meinen Herrscher nenn ich;
Denn du läßest alle gelten.
Und verschließest auch dem letzten
Keines von den tausend Ohren;
Uns, die tief herab gesetzten,
Alle hast du neu geboren.
Wendet euch zu dieser Frauen,
Die der Schmerz zur Göttin wandelt!
Nun beharr ich anzuschauen
Den, der einzig wirkt und handelt.

4. "Wirkung in die Ferne"
 
Text by Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 59 no. 1, 1837
 


Die Königin steht in hohen Saal,
Da brennen der Kerzen so viele;
Sie spricht zum Pagen: "Du läufst einmal
Und holst mir die Beutel zum Spiele.
Er liegt zur Hand
Auf meines Tisches Rand."
Der Knabe, der eilt so behende,
War bald an Schloßes Ende.
Und neben der Königin schlürft' zur Stund
Sorbet die schönste der Frauen.
Da brach ihr die Tasse so hart an dem Mund,
Es war ein Greuel zu schauen.
Verlegenheit! Scham!
Ums Prachtkleid ist's getan!
Sie eilet und fliegt so behende
Entgegen des Schloßes Ende.
Der Knabe zurück zu laufen kam
Entgegen der Schönen in Schmerzen.
Es wußt es niemand, doch beide zusamm,
Sie hegten einander im Herzen.
Und o des Glücks,
Des günstigen Geschicks!
Sie warfen mit Brust sich zu Brüsten
Und herzten und küßten nach Lüsten.
Doch endlich beide sich reißen los;
Sie eilt in ihre Gemächer,
Der Page drängt sich zur Königin groß
Durch alle dir Degen un Fächer.
Die Fürstin entdeckt
Das Westchen befleckt:
Für sie war nichts unerreichbar,
Die Königin von Saba vergleichbar.
Die Hofmeisterin sie rufen läßt:
"Wir kamen doch neulich zu Streite
Und ihr behauptet steif und fest,
Nicht reiche der Geist in die Weite.
Die Gegenwart nur,
Die laße wohl Spur;
Doch niemand wirk in die Ferne,
Sogar nicht die himmlishcen Sterne.
Nun seht! Soeben ward mir zur Seit
Der geistige Süßtrank verschüttet,
Und gleich darauf hat er dort hinten so weit
Dem Knaben die West zerrüttet.
Besorg sie dir neu!
Und weil ich mich freu,
Daß sie mir zum Beweise gegolten,
Ich zahl sie! sonst wirst du gescholten."

5. "Was hör' ich draußen vor dem Tor"
 
Text by Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) from Wilhelm Meister
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 59 no. 2, 1836

See also:

Johann Friedrich Reichardt (1752-1814), "Der Sänger", published 1795-6
Franz Schubert (1797-1828), "Der Sänger", D. 149a (1815), published 1829 as op. posth. 117
Robert Alexander Schumann (1810-1856), "Ballade des Harfners", op. 98a no. 2
Karl Friedrich Zelter (1758-1832), "Der Sänger"
Hugo Wolf (1860-1903), "Der Sänger", from Goethe-Lieder no. 10. (1888-9)

 
"Was hör' ich draußen vor dem Tor,
Was auf der Brücke schallen?
Laß den Gesang vor unserm Ohr
Im Saale widerhallen!
Der König sprach's, der Page lief,
Der Page kam, der König rief:
Laßt mir herein den Alten!"
"Gegrüßet seid mir, edle Herrn,
Gegrüßt ihr schönen Damen!
Welch' reicher Himmel! Stern bei Stern!
Wer kennet ihre Namen?
Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit
Schließt, Augen, euch, hier ist nicht Zeit,
Sich staunend zu ergötzen."
Der Sänger drückt' die Augen ein
Und schlug in vollen Tönen:
Die Ritter schauten mutig drein,
Und in den Schoß die Schönen.
Der König, dem [das Lied] gefiel,
Ließ, ihn zu [lohnen] für sein Spiel,
Eine goldne Kette holen.
"Die goldne Kette gib mir nicht,
Die Kette gib den Rittern,
Vor deren kühnem Angesicht
Der Feinde Lanzen splittern.
Gib sie dem Kanzler, den du hast,
Und laß ihn noch die goldne Last
Zu andern Lasten tragen.
Ich singe, wie der Vogel singt,
Der in den Zweigen wohnet;
Das Lied, das aus der Kehle dringt,
Ist Lohn, der reichlich lohnet.
Doch darf ich bitten, bitt' ich eins:
Laß mir den besten Becher Weins
In purem Golde reichen."
Er setzt' ihn an, er trank ihn aus:
"O Trank voll süßer Labe!
O, wohl dem hochbeglückten Haus,
Wo das ist kleine Gabe!
Ergeht's euch wohl, so denkt an mich
Und danket Gott so warm, als ich
Für diesen Trunk euch danke."

6. "Der Schatzgräber"
 
Text by Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 59 no. 3

See also:

Hanns Eisler (1898-1962), 1942
Johann Friedrich Reichardt (1752-1814), published 1811
Franz Schubert (1797-1828), D. 256 (August 19, 1815), first published in 1887

 
Arm am Beutel, krank am Herzen,
Schleppt ich meine langen Tage.
Armut ist die größte Plage,
Reichtum ist das höchste Gut!
Und, zu enden meine Schmerzen,
Ging ich, einen Schatz zu graben.
Meine Seele sollst du haben!
Schrieb ich hin mit eignem Blut.
Und so zog ich Kreis um Kreise,
Stellte wunderbare Flammen,
Kraut und Knochenwerk zusammen:
Die Beschwörung war vollbracht.
Und auf die gelernte Weise
Grub ich nach dem alten Schatze
Auf dem angezeigten Platze;
Schwarz und stürmisch war die Nacht.
Und ich sah ein Licht von weiten,
Und es kam gleich einem Sterne
Hinten aus der fernsten Ferne,
Eben als es Zwölfe schlug.
Und da galt kein Vorbereiten:
Heller wards mit einem Male
Von dem Glanz der vollen Schale,
Die ein schöner Knabe trug.
Holde Augen sah ich blinken
Unter dichtem Blumenkranze;
In des Trankes Himmelsglanze
Trat er in den Kreis herein.
Und er hieß mich freundlich trinken;
Und ich dacht: es kann der Knabe
Mit der schönen lichten Gabe
Wahrlich nicht der Böse sein.
Trinke Mut des reinen Lebens!
Dann verstehst du die Belehrung.
Kommst, mit ängstlicher Beschwörung,
Nicht zurück an diesen Ort.
Grabe hier nicht mehr vergebens:
Tages Arbeit! Abends Gäste!
Saure Wochen! Frohe Feste!
Sei dein künftig Zauberwort.

7. "Frauenliebe und Leben: Frauenliebe, Liederkranz von Chamisso"
 
Texts by Adelbert von Chamisso (1781-1838)

Music by Johann Karl Gottfried Loewe, "Frauenliebe, Liederkranz von Chamisso", op. 60 (1836)

See also:
 
Robert Alexander Schumann
(1810-1856), "Frauenliebe und Leben", op. 42
 

 
a) Seit ich ihn gesehen
b) Er, der Herrlichste von allen
c) Ich kann's nicht fassen, nicht glauben
d) Du Ring an meinem Finger
e) Helft mir, ihr Schwestern
f) Süßer Freund, du blickest
g) An meinem Herzen, an meiner Brust
h) Nun hast du mir den ersten Schmerz getan
i) Traum der eignen Tage
(Loewe only)

a) Seit ich ihn gesehen

Also set by Franz Paul Lachner (1803-1890), op. 82 (1831)
 
Seit ich ihn gesehen,
Glaub ich blind zu sein;
Wo ich hin nur blicke,
Seh ich ihn allein;
Wie im wachen Traume
Schwebt sein Bild mir vor,
Taucht aus tiefstem Dunkel,
Heller nur empor.
Sonst ist licht - und farblos
Alles um mich her,
Nach der Schwestern Spiele
Nicht begehr ich mehr,
Möchte lieber weinen,
Still im Kämmerlein;
Seit ich ihn gesehen,
Glaub ich blind zu sein.

b) Er, der Herrlichste von allen
 
Er, der Herrlichste von allen,
Wie so milde, wie so gut!
Holde Lippen, klares Auge,
Heller Sinn und fester Mut.
So wie dort in blauer Tiefe,
Hell und herrlich, jener Stern,
Also er an meinem Himmel,
Hell und herrlich, hehr und fern.
Wandle, wandle deine Bahnen,
Nur betrachten deinen Schein,
Nur in Demut ihn betrachten,
Selig nur und traurig sein!
Höre nicht mein stilles Beten,
Deinem Glücke nur geweiht;
Darfst mich niedre Magd nicht kennen,
Hoher Stern der Herrlichkeit!
Nur die Würdigste von allen
Darf beglücken deine Wahl,
Und ich will die Hohe segnen,
Segnen viele tausendmal.
Will mich freuen dann und weinen,
Selig, selig bin ich dann;
Sollte mir das Herz auch brechen,
Brich, O Herz, was liegt daran?

c) Ich kann's nicht fassen, nicht glauben
 
Ich kann's nicht fassen, nicht glauben,
Es hat ein Traum mich berückt;
Wie hätt er doch unter allen
Mich Arme erhöht und beglückt?
Mir war's, er habe gesprochen:
"Ich bin auf ewig dein",
Mir war's - ich träume noch immer,
Es kann ja nimmer so sein.
O laß im Traume mich sterben,
Gewieget an seiner Brust,
Den seligsten Tod mich schlürfen
In Tränen unendlicher Lust.

d) Du Ring an meinem Finger
 
Du Ring an meinem Finger,
Mein goldenes Ringelein,
Ich drücke dich fromm an die Lippen,
Dich fromm an das Herze mein.
Ich hatt ihn ausgeträumet,
Der Kindheit friedlich schönen Traum,
Ich fand allein mich, verloren
Im öden, unendlichen Raum.
Du Ring an meinem Finger
Da hast du mich erst belehrt,
Hast meinem Blick erschlossen
Des Lebens unendlichen, tiefen Wert.
Ich will ihm dienen, ihm leben,
Ihm angehören ganz,
Hin selber mich geben und finden
Verklärt mich in seinem Glanz.
Du Ring an meinem Finger,
Mein goldenes Ringelein,
Ich drücke dich fromm an die Lippen
Dich fromm an das Herze mein.

e) Helft mir, ihr Schwestern
 
Helft mir, ihr Schwestern,
Freundlich mich schmücken,
Dient der Glücklichen heute mir,
Windet geschäftig
Mir um die Stirne
Noch der blühenden Myrte Zier.
Als ich befriedigt,
Freudigen Herzens,
Sonst dem Geliebten im Arme lag,
Immer noch rief er,
Sehnsucht im Herzen,
Ungeduldig den heutigen Tag.
Helft mir, ihr Schwestern,
Helft mir verscheuchen
Eine törichte Bangigkeit,
Daß ich mit klarem
Aug ihn empfange,
Ihn, die Quelle der Freudigkeit.
Bist, mein Geliebter,
Du mir erschienen,
Giebst du mir, Sonne, deinen Schein?
Laß mich in Andacht,
Laß mich in Demut,
Laß mich verneigen dem Herren mein.
Streuet ihm, Schwestern,
Streuet ihm Blumen,
Bringet ihm knospende Rosen dar,
Aber euch, Schwestern,
Grüß ich mit Wehmut
Freudig scheidend aus eurer Schar.

f) Süßer Freund, du blickest
 
Süßer Freund, du blickest
Mich verwundert an,
Kannst es nicht begreifen,
Wie ich weinen kann;
Laß der feuchten Perlen
Ungewohnte Zier
Freudighell erzittern
In dem Auge mir.
Wie so bang mein Busen,
Wie so wonnevoll!
Wüßt ich nur mit Worten,
Wie ich's sagen soll;
Komm und birg dein Antlitz
Hier an meiner Brust,
Will in's Ohr dir flüstern
Alle meine Lust.
Weißt dur nun die Tränen,
Die ich weinen kann?
Sollst du nicht sie sehen,
Du geliebter Mann?
Bleib an meinem Herzen,
Fühle dessen Schlag,
Daß ich fest und fester
Nur dich drücken mag.
Hier an meinem Bette
Hat die Wiege Raum,
Wo sie still verberge
Meinen holden Traum;
Kommen wird der Morgen,
Wo der Traum erwacht,
Und daraus dein Bildnis
Mir entgegen lacht.

g) An meinem Herzen, an meiner Brust

Also set by Louis Ferdinand, Prinz von Preußen (b. 1907), "Liebesglück", published 1966

 
An meinem Herzen, an meiner Brust,
Du meine Wonne, du meine Lust!
Das Glück ist die Liebe, die Lieb ist das Glück,
Ich hab's gesagt und nehm's nicht zurück.
Hab überschwenglich mich geschätzt
Bin überglücklich aber jetzt.
Nur die da säugt, nur die da liebt
Das Kind, dem sie die Nahrung giebt;
Nur eine Mutter weiß allein
Was lieben heißt und glücklich sein.
O, wie bedaur' ich doch den Mann,
Der Mutterglück nicht fühlen kann!
Du lieber, lieber Engel, du
Du schauest mich an und lächelst dazu!
An meinem Herzen, an meiner Brust,
Du meine Wonne, du meine Lust!

h) Nun hast du mir den ersten Schmerz getan

Also set by Ernest Vietor (fl. 1905-1930), op. 14 no. 8, 1936
 
 
Nun hast du mir den ersten Schmerz getan,
Der aber traf.
Du schläfst, du harter, unbarmherz'ger Mann,
Der Todesschlaf.
Es blicket die Verlaßne vor sich hin,
Die Welt is leer.
Geliebet hab ich und gelebt, ich bin
Nicht lebend mehr.
Ich zieh mich in mein Innres still zurück,
Der Schleier fällt,
Da hab ich dich und mein verlornes Glück,
Du meine Welt!

i) Traum der eignen Tage

Not set by Schumann
 
 
Traum der eignen Tage,
Die nun ferne sind.
Tochter meiner Tochter,
Du mein süßes Kind,
Nimm, bevor die Müde
Deckt das Leichentuch,
Nimm ins frische Leben
Meinen Segensspruch.
 
Siehst mich grau von Haaren,
Abgezehrt und bleich,
Bin, wie du, gewesen
Jung und wonnereich,
Liebte, so wie du liebst,
Ward, wie du, auch Braut,
Und auch du wirst altern,
So wie ich ergraut.
 
Laß die Zeit im Fluge
Wandeln fort und fort,
Nur beständig wahre
Deines Busens Hort;
Hab ich's einst gesprochen,
Nehm ich's nicht zurück:
Glück ist nur die Liebe,
Liebe nur ist Glück.
 
Als ich, den ich liebte,
In das grab gelegt,
Hab ich meine Liebe
True in mir gehegt:
War mein Herz gebrochen,
Blieb mir fest der Mut,
Und des Alters Asche
Wahrt die heilge Glut.
 
Nimm, bevor die Müde
Deckt das Leichentuch,
Nimm ins frische Leben
Meinen Segensspruch:
Muß das Herz dir brechen,
Bleibe fesr dein Mut,
Sei der Schmerz der Liebe
Dann dein höchstes Gut.

8. "Fridericus Rex"
 
Text by Willibald Alexis (pseudonym of Wilhelm Häring, 1798-1871)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 61 no. 1

 
Fridericus Rex, unser König und Herr,
der rief seine Soldaten allesamt ins Gewehr,
zweihundert Bataillons und an die tausend Schwadronen,
und jeder Grenadier kriegt sechzig Patronen.
"Ihr verfluchten Kerls", sprach seine Majestät,
"daß jeder in der Bataille seinen Mann mir steht!
Sie gönnen mir nicht Schlesien und die Grafschaft Glaz
und die hundert Millionen in Meinem Schatz."
"Die Kaiss'rin hat sich mit dem Franzosen allirt,
und das römische Reich gegen mich revoltirt,
die Russen seind gefallen in preussen ein.
Auf, laßt uns sie zeigen, daß wir brave Landskinder sein."
"Meine Generale Schwerin und Feldmarschall von Keith,
und der Generalmajor von Zieten seind allemal bereit.
Kotz Mohren, Blitz und Kreuz-Element,
wer den Fritz und seine Soldaten noch nicht kennt."
Nun adjö, Lowise, wisch ab das Gesicht,
eine jede Kugel die trifft ja nicht;
denn träfe jede Kugel apart ihren Mann,
wo kriegten die Könige ihre Soldaten dann!
Die Musketenkugel macht ein kleines Loch,
die Kanonenkugel ein weit größeres noch;
die Kugeln sind alle von Eisen und Blei,
und manche Kugel geht manchem vorbei.
Unsre Artillerie hat ein vortrefflich Kaliber,
und von den Preussen geht keiner nicht zum Feinde über;
die Schweden, die haben verflucht schlechtes Geld,
wer weiß, ob der Östreicher besseres hält.
Mit Pomade bezahlt den Franzosen sein König,
wir kriegen's alle Woche bei Heller und Pfenning.
Kotz Mohren, Blitz und Kreuz-Sapperment,
wer kriegt so prompt wie der Preusse sein Traktament.
Fridericus mein König, den der Lorbeerkranz ziert,
ach hätt'st du nur öfters zu plündern permittirt,
Fridericus Rex, mein König und Held,
wir schlügen den Teufel für dich aus der Welt!

9. "Süßes Begräbnis"
 
Text by Friedrich Rückert (1788-1866)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 62, i, 4 (1837)

 
Schäferin, ach, wie haben
Sie dich so süß begraben!
Alle Lüfte haben gestöhnet,
Maienglocken zu Grab dir getönet,
Glühwurm wollte die Fackel tragen,
Stern ihm selbst es tät versagen.
Nacht ging schwarz in Trauerfloren,
Und all ihre Schatten gingen in Chören
Die Tränen wird dir das Morgenrot weinen,
Und den Segen die Sonn' aufs Grab dir scheinen.
Schäferin, ach, wie haben
Sie dich so süß begraben!

10. "Die Blume der Ergebung"
 
Text by Friedrich Rückert (1788-1866)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 62, i, 6 (1837)

See also:
 
Robert Alexander Schumann (1810-1856) op. 83 no. 2

 
Ich bin die Blum' im Garten,
Und muß in Stille warten,
Wann und in welcher Weise
Du trittst in meine Kreise.
Kommst du, ein Strahl der Sonne,
So werd' ich deiner Wonne
Den Busen still entfalten
Und deinen Blick behalten.
Kommst du als Tau und Regen,
So werd' ich deinen Segen
In Liebesschalen fassen,
Ihn nicht versiegen lassen.
Und fährest du gelinde
Hin über mich im Winde,
So werd' ich dir mich neigen,
Sprechend: Ich bin dein eigen.

11. "Die Katzenkönigin", Fabelballade
 
Text by Adelbert von Chamisso (1781-1838)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 64 no.3 (1837)

 
'Swar mal 'ne Katzenkönigin, Ja, ja!
die hegte edlen Katzensinn, Ja, ja!
verstünde gar wohl zu mausen,
liebt königlich zu schmausen, Ja, ja,
Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen,
schlafe du nur!
Die hatt 'nen schneeweißen Leib, Ja, ja!
so schlank, so zart, die Hände so weich, Ja, ja!
die Augen wie Karfunkeln,
Sie leuchten im Dunkeln, Ja, ja!
Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen,
schlafe du nur!
Ein Edelmausjüngling lebte zur Zeit, Ja, ja!
der sah die Königin wohl von weit, Ja, ja!
'ne ehrliche Haut von Mäuschen,
der kroch aus seinem Häuschen, Ja, ja!
Mäusenatur!
Schlafe, mein Mäuschen,
schlafe du nur!
Der sprach: "In meinem Leben nicht, ja, ja!
hab' ich gesehn so süßes Gesicht, ja, ja!
die muß mich Mäuschen meinen,
sie thut so fromm erscheinen." Ja, ja!
Mäusenatur!
Schlafe, mein Mäuschen,
schlafe du nur!
Der Maus: "Willst du mein Schätzchen sein? ja, ja!"
Die Katz: "Ich will dich sprechen allein. Ja, ja!"
"Heut' will ich bei dir schlafen"
"Heut' sollst du bei mir schlafen." Ja, ja!
Mäusenatur!
Schlafe, mein Mäuschen,
schlafe du nur!
Der Maus, der fehlte nicht die Stund', ja, ja!
Die Katz', die lachte den Bauch sich rund, ja, ja!
"Dem Schatz, den ich erkoren,
dem zieh' ich's Fell über die Ohren." Ja, ja!
Katzennatur!
Schlafe, mein Mäuschen,
schlafe du nur!

12. Das Erkennen"
 
Text by Johann Nepomuk Vogl (1802-1866)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 65 no. 2 (1837), published 1838

 
 
Ein Wanderbursch, mit dem Stab in der Hand,
Kommt wieder heim aus dem fremden Land.
Sein Haar ist bestäubt, sein Antlitz verbrannt,
Von wem wird der Bursch wohl zuerst erkannt?
So tritt er ins Städtchen durchs alte Thor,
Am Schlagbaum lehnt just der Zöllner davor.
Der Zöllner, der war ihm ein lieber Freund,
Oft hatte der Becher die Beiden vereint.
Doch sich Freund Zollmann erkennt ihn nicht,
Zu sehr hat die Sonn' ihm verbrannt das Gesicht.
Und weiter wandert nach kurzem Gruß
Der Bursche, und schüttelt den Staub vom Fuß.
Da schaut aus dem Fenster sein Schätzelein fromm,
"Du blühende Jungfrau, viel schönen Willkomm!"
Doch sieh, auch das Mägdlein erkennt ihn nicht,
Zu sehr hat die Sonn' ihm verbrannt das Gesicht.
Und weiter geht er die Straße entlang,
Ein Tränlein hängt ihm an der braunen Wang.
Da wankt von dem Kirchsteig sein Mütterchen her,
"Gott grüß euch!" so spricht er und sonst nicht mehr.
Doch sieh, das Mütterchen schluchzet voll Lust:
"Mein Sohn!" und sinkt an des Burschen Brust.
Wie sehr auch die Sonne sein Antlitz verbrannt,
Das Mutteraug' hat ihn gleich erkannt.

13. "Der Feldherr", Bonaparte im Pestpital zu Kairo
 
Text by Otto Friedrich Gruppe (1804-1876)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, composed 1837, first publ. 1838

 
"O laß, Geliebter, dich erflehen,
Geh, nicht zur pesterkrankten Stadt,
Ich hab' ein Traumbild Nachts gesehen,
Das mich zum Tod erschrecket hat."
"Mein Lieb, der Feldherr darf nicht wanken,
Er theilt des Heers Gefahr und Noth,
Mich schützt mein Stern vor dem Erkranken,
Gebieten will ich diesem Tod."
So ritt er durch Kairo's Gassen,
Ein Trost zu sein dem siechen Heer;
Wo er die Seinen sieht erblassen,
Geht er von Bett zu Bett umher.
Er reicht die Hand den Kriegskam'raden,
Die schon die Seuche graß entstellt,
Und geht dafür, mit Heil beladen,
Wie im Triumph daher, der Held.
Und unversehret kehrt er wieder,
Vor die Geliebte tritt er hin:
Nun sieh, ob kranken meine Glieder,
Nun sieh, ob ich verpestet bin?
Um seinen Hals fällt mit Verlangen
Die schöne blühende Gestalt;
Doch bald erscheint auf ihren Wangen,
Der starre Tod, verstört und kalt.
Er aber sammelt die Soldaten,
Die Segel wehn im Winter schon,
Er steigt, nach wunderbaren Thaten,
Mit dreistem Fuß auf Frankreichs Thron.

14. "Landgraf Ludwig"
 
Text by Otto Friedrich Gruppe (1804-1876)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 67 no. 3 (1837), published 1838

 
Der Löw' ist los! Der Löw' ist frei!
Den Käfig brach er grimm entzwei.
Er springt daher, die Straß' entlang,
Graun und Entsetzen ist sein Gang.
Die Männer fliehn, die Frauen schrein,
Man drängt sich in die Kirch' hinein:
Da schreitet aus dem Kirchenthor
Der heil'ge Ludewig hervor.
Der Löwe blickte wüthiglich;
Der Landgraf sprach: "Hier lege dich!
Bei meinem Zorn gebiet' ich's dir!"
Gehorsam legte sich das Thier.

15. "Schwalbenmärchen"
 
Text by Ferdinand Freiligrath (1810-1876)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 68 no. 1 (1839

Auf dem stillen, schwülen Pfuhle
tanzt die dünne Wasserspinne;
unten auf krystallnem Stuhle
thront die Unkenköniginne.
Von den edelsten Metallen
hält ein Reif ihr Haupt umzogen,
und wie Silberglocken schallen
Unkenstimmen durch die Wogen.
Denn der Lenz erschien; die Schollen
sind zerflossen; Blüthen zittern;
dumpfe Frühlingsdonner rollen
durch die Luft, schwarz von Gewittern.
Wasserlilienkelche fliessen
auf des Teiches dunkelm Spiegel,
und die ersten Schwalben schiessen
drüber hin mit schnellem Flügel.
Aus den zarten Schnäbeln leise
tönt Gezwitscher in die Wellen:
"Viele Grüße von der Reise
haben wir dir zu bestellen.
Lange waren wir im fremden
sandbedeckten heissen Ländern,
wo in weiten Kaftanhemden träge
Turbanträger schlendern.
Purpurfarbne Wunderpflanzen
dienten uns zu Meilenweisern;
gelbe Mauren sah'n wir tanzen
nackt vor ihren Leinwandhäusern.
Lechzend auf dem warmen Sattel
saß der Araber, der leichte,
während Ziegenmilch und Datel
ihm aufs Pferd die Gattin reichte.
Auf die Jagd der Antilopen,
Kriegerisch, mit Spiess und Pfeile,
zogen schlanke Aethiopen;
klagend tönte Memnons Säule
Aus des Niles Fluth getrunken
haben wir, matt von der Reise;
Gruß dir, Königin der Unken,
von dem königlichen Greise!
Alles grüßt dich, Blumen, Blätter!
Doch zumeist der Grüße viele
bringen wir von deinem Vetter,
ja von deinem lieben Vetter,
von dem Krokodil im Nile!"

16. "Kleiner Haushalt"
 
Text by Friedrich Rückert (1788-1866)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 71, published 1840

Einen Haushalt klein und fein
Hab' ich angestellt;
Der soll mein Freund sein,
Dem er wohlgefällt.
Der Specht, der Holz mit dem Schnabel haut,
Hat das Haus mir aufgebaut;
Daß das Haus beworfen sei,
Trug die Schwalbe Mörtel bei,
Und als Dach hat sich zuletzt
Obendrauf ein Schwamm gesetzt.
Drinnen die Kammern
Und die Gemächer,
Schränke und Fächer,
Flimmern und flammern;
Alles hat mir unbezahlt
Schmetterling mit Duft bemalt.
O wie rüstig in dem Haus
Geht die Wirtschaft ein und aus.
Wasserjüngferchen, das flinke,
Holt mir Wasser, das ich trinke;
Biene muß mir Essen holen,
Frage nicht, wo sie's gestohlen.
Schüsseln sind die Eichelnäpfchen,
Und die Krüge Tannenzäpfchen,
Messer, Gabel,
Rosendorn und Vogelschnabel.
Storch im Haus ist Kinderwärter,
Maulwurf Gärtner,
Und Beschließerin im Häuslein
Ist das Mäuslein.
Aber die Grille
Singt in der Stille,
Sie ist das Heimchen, ist nimmer daheim,
Und weiß nichts als den einen Reim.
Doch im ganzen Haus das beste
Schäft noch feste.
In dem Winkel, in dem Bettchen,
Zwischen zweien Rosenblättchen,
Schläft das Schätzchen Tausendschönchen,
Ihr zu Fuß ein Kaiserkrönchen.
Hüter ist Vergißmeinnicht,
Der vom Bette wanket nicht;
Glühwurm mit dem Kerzenschimmer
Hellt das Zimmer.
Die Wachtel wacht
Die ganze Nacht,
Und wenn der Tag beginnt,
Ruft sie: Kind! Kind!
Wach auf geschwind.
Wenn die Liebe wachet auf,
Geht das Leben raschen Lauf.
In seidnen Gewändern,
Gewebt aus Sommerfaden,
In flatternden Bändern,
Von Sorgen unbeladen,
Lustig aus dem engen Haus
Die Flur hinaus.
Schönen Wagen
Hab' ich bestellt,
Uns zu tragen
Durch die Welt.
Vier Heupferdchen sollen ihn
Als vier Apfelschimmel ziehn;
Sie sind wohl ein gut Gespann,
Das mit Rossen sich messen kann;
Sie haben Flügel,
Sie leiden nicht Zügel,
Sie kennen alle Blumen der Au',
Und alle Tränken von Tau genau.
Es geht nicht im Schritt;
Kind, kannst du mit?
Es geht im Trott!
Nur zu mit Gott!
Laß du sie uns tragen
Nach ihrem Behagen;
Und wenn sie uns werfen vom Wagen herab,
So finden wir unter Blumen ein Grab.

17. "Die Göttin im Putzzimmer"
 
Text by Friedrich Rückert (1788-1866)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 73 (1838-39)

Welche chaotische
Haushälterei!
Welches erotische
Tausenderlei!
Alle die Nischchen,
Alle die Zelten,
Alle die Tischchen,
All' die Gestellchen!
Fächelchen, Schreinchen,
Alle voll Quästchen;
Perlchen und Steinchen
All' in den Kästchen!
Blinkende Ringelchen,
Schimmernde Kettchen,
Goldene Dingelchen!
Silberne Blättchen!
Nadel und Nädelchen,
Haken und Häkchen,
Faden und Fädelchen,
Flecke und Fleckchen!
Allerlei Wickelchen,
Allerlei Schleifchen,
Allerlei Zwickelchen,
Allerlei Streifchen!
In der Verwirrung
Bunten Verstrick,
Vor der Verirrung
Banget der Blick.
Welche gewaltige
Zaubrin muß sein,
Die das Zweispaltige
Zwingt zum Verein?
Dort aus der Thüre
Kommt sie gegangen.
Seht nur die Schnüre!
Seht nur die Spangen!
Alle die Sächelchen,
Wie sie sich regen,
Ihr aus den Fächelchen
Hüpfen entgegen!
Alle die Dingelchen,
Bänderchen, Miederchen,
Ihr um die Fingerchen,
Ihr um die Gliederchen!
Plötzlich von unten
Steht sie bis oben
All mit dem bunten
Flitter umwoben.
Alles, wie fügt sich's
Still und einträchtiglich,
Legt sich's, begnügt sich's,
Wie sie's will mächtiglich.
Die Elemente
Hat sie verbunden,
Hat ins Getrennte
Ganzes empfunden.
Und aus dem lebenden
Inneren Hauch
Wird dem Umgebenden
Leben erst auch.
Schöpfrin, Entfalterin
Himmlischer Zier,
Stehst du, Gestalterin
Muse, vor mir?
Oder Du, Liebe,
Einigerin,
Ird'scher Getriebe
Reinigerin?
Denn nur ihr Beide
Ordnet zum Eins
Buntes Geschmeide
Menschlichen Seins.
Denn nur ihr Beide
Wandelt das Nichts,
Chaos, zum Kleide
Himmlisches Lichts.

18. "Das Grab zu Ephesus"
 
Text by Franz Rudolf Immanuel Binder (1810-1846)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 75 no. 1, composed 1837, published 1840
 
 
Es ziehet den Pilgrim rastlos fort:
"Doch hier will ich ruhen am lieblichen Ort;
So heimlich ist's hier und so still und so hell,
Wie märchen erzählend plätschert der Quell.
Fromm kindliche Bilder tauchen hervor,
Was will denn das Herz, das schon alles verlor?
Unstät durchreist' ich die Erde schier;
Nun ist es, als fänd' ich den Frieden hier.
Was schließt wohl dort jener Hügel ein?
Ein Herz ruht wohl aus von des Lebens Pein,
Ein sehnendes Herz, das aus Liebe starb,
Im Tod die gesuchte Ruhe erwarb!
Drum regt sich auch wieder in meiner Brust
Der alte Wahn von Liebe und Lust.
Doch träum' ich? Für wahr, die Erde lebt,
Der Hügel sich leise senket und hebt.
Allmächtige Liebe, voll Lust und voll Schmerz,
Die Erde selbst hat ein liebendes Herz!
Du Alter dort in dem schneeweißen Haar!
Sag', sind denn die grauen Märchen wahr',
Daß ein Herz in der kalten Erde uns schlägt,
Daß sie liebend am Mutterbusen uns trägt?"
"Wird, Fremdling, dir auch hier heilig zu Muth,
Ein Segen auf dieser Stelle ruht;
Bestaune das Wunder und beuge das Knie,
Da ruhet der Jünger, der stirbet nie!
Er, der an der Brust des Heilands lag,
Der schläft hier bis auf des Herren Tag.
Nicht todt ist er, nein, er schlummert blos
Und harrt auf den Meister, der Erd' im Schoß.
Sich selbst grub er lebensmüde sein Grab
Und legte zum Schlummer sich dann hinab,
Das Athmen der Brust hört das lauschende Ohr,
Aus dem Boden quillt heilendes Manna hervor.
Drum rede du leise, und weck' ihn nicht;
Wohl bald ruft der Herr ihn hervor an's Licht."

19. "Der Weichdorn"
 
Text by Friedrich Rückert (1788-1866)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 75 no. 2
 
 
Als Maria heut' entwich,
heut' vor Jahren, über das Gebirge endelich,
wunderten darüber alle Büsch' und Bäume sich,
wie vorüber so geschwind wie ein Frühlingswind sie strich.
Und sie hätten gern im Geh'n,
gern sie angehalten,
durften sich's nicht untersteh'n
alle jung' und alten:
nur ein Dörnlein hielt im Weh'n
ihre Falten wie ein Kind
und begann geschwind zu fleh'n:
"Laß von diesen Tropfen Schweiß,
die auf deinen Wangen steh'n
wie die Perlen weiß,
eine mich empfangen!
Wenn auf mir die Perle leis
ist zergangen,
will ich lind duften deinem Kind zum Preis."
Und sie gab von ihrer Wang' ihm ein Tröpflein nieder,
das dem armen Dorn durchdrang Herz und alle Glieder.
"Wenn dir Blatt und Blüth' entsprang,
kehr' ich wieder,
mein Gesind!
Jetzo nicht mich bind im Gang!"
Und es läßt der Dorn sie geh'n,
und der Blätterlose
sieht sich Blatt um Blatt entsteh'n,
Ros' erblüh'n um Rose.
Jede Ros' ist anzuseh'n
wie im Schoße Jesuskind,
duftet auch so lind und schön.
Eh' des Dörnleins Rose roch,
duftet's schon am Laube,
und die Blümlein duften noch
von der Ros' im Staube.
Wenn sich Blüth und Blatt verkroch,
ob nun schnaube Winterwind,
duftet Holz und Rind' ihm doch.
"Weichdorn soll mich Berg und Kluft,
das ist Weihdorn nennen;
wenn mann Rosendorn mich ruft,
werd ich's nicht erkennen.
Mich geweiht bei Wieg' und Gruft
soll man brennen.
Augen blind stärkt als Angebind mein Duft.
Ich bin's, der die Äpfel trägt,
die, dem Ruhekissen
des Schlaflosen unterlegt,
Schlummer bringen müssen,
daß dein Herz in Frieden schlägt,
wie dem süßen Himmelskind,
als es Kripp' und Rind' umhegt."

20. "Der heilige Franziskus"
 
Text by Ignaz Heinrich Freiherr von Wessenberg (1774-1860)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 75 no. 3 (1837), first published in
1840
 
Franziskus einst, der Heil'ge, saß
Vor seiner Zell' und Psalmen las.
Der Abend durch die Wipfel glüht,
Als durch der Dämmrung Stille
Mit hellem Flügelschlag ihr Lied
Ertönen läßt die Grille.
Gott preist das Grillchen für den Thau,
Der es erquickt auf grüner Au
Der Heil'ge schlägt den Psalter zu;
Denn schöner, wollt's ihm scheinen,
Ruf' ihm das fromme Grillchen zu:
"Wie groß ist Gott im Kleinen!"

21. "Das Wunder auf der Flucht, Legend"
 
Text by Friedrich Rückert (1788-1866)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 75 no. 4
 
Auf jener Flucht, von welcher nun
das Morgenland die Jahre zählt,
als im Gebirg' um auszuruhn,
Mohammed hat die Höhl' erwählt,
wo Aububeker bei ihm war,
und vor der Höhle die Gefahr,
der feindlichen Verfolgerschar.
Mohammed sprach: "Was zitterst du?
Wir sind nicht zwei hier, wir sind drei!"
Da kam hernieder Gottesruh,
Gefühl, daß Gott mit ihnen sei;
sie fühlen Friedensodem weh'n;
die Feinde vor der Höhle stehn,
was hinderte sie, hineinzugehn?
Die Taube draußen auf dem Stein
hat in der Nacht ihr Ei gelegt;
die Spinne hat der Eingang fein mit
seinem Vorhang überhegt.
Betrogen sieht's der Feind und spricht:
"In dieser Höhle sind sie nicht."
In dieser Höhle sind sie doch,
die Feinde aber gehn vorbei.
Bei Spinn' und Taube ruh'n sie noch,
bis draußen sind die Wege frei,
dann gehn sie hin wohl ausgeruht,
und danken Gott für treue Hut,
der groß im Kleinen, Wunder thut.

22. "Die Einladung"
 
Text by Albert Knapp (1798-1864)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 76 no. 1 (1837), published in 1840
 
 
Ein frommer Landmann in der Kirche saß;
Den Text der Pfarrer aus Johanne las
Am Ostermontag, wie der Heiland rief
Vom Ufer: "Kindlein, habt ihr nichts zu essen?"
Das drang dem Landmann in die Seele tief,
Daß er in stiller Wehmuth dagesessen.
Drauf betet er: "Mein liebster Jesu Christ!
So fragest du? O wenn du hungrig bist,
So sei am nächsten Sonntag doch mein Gast,
Und halt an meinem armen Tische Rast!
Ich bin ja wohl nur ein geringer Mann,
Der nicht viel Gutes dir bereiten kann;
Doch deine Huld, die sich zu Sündern trieb,
Nimmt auch an meinem Tische wohl vorlieb!"
Er wandelt heim und spricht sein herzlich Wort
An jedem Tag, die ganze Woche fort.
Am Samstag Morgen läßt's ihn nimmer ruh'n,
"Frau", hebt er an, "nimm aus dein bestes Huhn,
bereit es kräftig, fege Flur und Haus,
Stell' in die Stub' auch einen schönen Strauß;
Denn wisse, daß du einen hohen Gast
Auf morgen Mittag zu bewirthen hast!
Putz' unsre Kinderlein, mach' alles rein,
Der werthe Gast will wohl empfangen sein."
Da springen alle Kinderlein heran:
"O Vater, sag', wie heißt der liebe Mann?"
Die Mutter fragt: "O Vater, sage mir,
Gar einen Herren ludest du zu dir?"
Der Vater lächelt, aber sagt es nicht,
Und Freude glänzt in seinem Angesicht.
Am Sonntag ruft der Morgenglocken Hall,
Zum lieben Gotteshause zieh'n sie all,
Und immer seufzt der Vater innerlich,
"O liebster Jesu, komm, besuche mich!
Du hast gehungert, ach, so möcht' ich gern
Dich einmal speisen, meinen guten Herrn!"
Wie die Gemeinde drauf nach Hause geht,
Die Mutter bald am Heerde wieder steht.
Das Huhn ist weich, die Suppe dick und fett;
Sie deckt den Tisch, bereitet alles nett,
Trägt auf, und denkt beim zwölften Glockenschlag:
"Wo doch der Gast so lange bleiben mag!"
Es schlägt auf Eins; da wird's ihr endlich bang:
"Sprich, lieber Mann, wo weilt dein Gast so lang?
Die Suppe siedet ein, die Kinder stehn
Und hungern da, und noch ist nichts zu sehn.
Wie heißet denn der Herr? Ich glaube fast,
Daß du vergeblich ihn geladen hast."
Der Vater aber winkt den Kinderlein:
"Seid nur getrost! er kommt nun bald herein."
Drauf wendet er zum Himmel das Gesicht
Und faltet zum Gebet die Hände, - spricht:
"Herr Jesu Christe, komm, sei unser Gast,
Und segne uns, was du bescheeret hast!"
Da klopft es an der Thüre; seht, ein Greis
Blickt matt herein, die Locken silberweiß!
"Gesegn' es Gott! erbarmt euch meiner Noth!
Um Christi willen nur ein Stücklein Brot!
Schon lange bin ich hungrig umgeirrt,
Vielleicht daß mir bei euch ein Bißchen wird!"
Da eilt der Vater: "Komm, du lieber Gast!
Wie du so lange doch gesäumet hast!
Schon lange ja dein Stuhl dort oben steht!
Komm, labe dich, du kommst noch nicht zu spät!"
Und also führet er den armen Mann
Mir hellen Augen an den Tisch hinan:
"Und, Mutter, sieh' doch! seht, ihr Kinderlein,
Den Heiland lud' ich vor acht Tagen ein!
Ich wußt' es wohl, daß, wenn man Jesum lädt,
Er einem nicht am Haus vorübergeht.
O Kinder, seht! in diesem Ärmsten ist
Heut unser Gast der Heiland Jesus Christ!"

23. "Nachtgesang"
 
Text by Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 79 no. 2 (1836)

See also:

Leopold Damrosch (1832-1885), op. 17 no. 3
Walter von Goethe (1817-1885), first three stanzas
Wilhelm Petersen (1890-1957), op. 40 no. 4, published 1941
Johann Friedrich Reichardt (1752-1814), published 1809
Franz Schubert (1797-1828), D. 119 (1814). Published in 1850 as op. 47
Karl Friedrich Zelter (1758-1832), 1804

 
O gib, vom weichen Pfühle,
Träumend, ein halb Gehör!
Bei meinem Saitenspiele
Schlafe! was willst du mehr?
Bei meinem Saitenspiele
Segnet der Sterne Heer
Die ewigen Gefühle;
Schlafe! was willst du mehr?
Die ewigen Gefühle
Heben mich, hoch und hehr,
Aus irdischem Gewühle;
Schlafe! was willst du mehr?
Vom irdischen Gewühle
Trennst du mich nur zu sehr,
Bannst mich in deine Kühle;
Schlafe! was willst du mehr?
Bannst mich in diese Kühle,
Gibst nur im Traum Gehör.
Ach, auf dem weichen Pfühle
Schlafe! was willst du mehr?

24. "Mailied"
 
Text by Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 79 no. 4 (1836)

See also:
 
Ludwig van Beethoven
(1770-1827), op. 52 no. 4, composed before 1792
Christian August Gabler (1770-1839), published 1798
Bernhard (Joseph) Klein (1793-1832), op. 15 no. 6 (1827)
Armin Knab (1881-1951). Goethelieder, 1924-46
Hans Erich Pfitzner (1869-1949), op. 26 no. 5 1916)
Johann Friedrich Reichardt (1752-1814), published 1781
Othmar Schoeck (1886-1957), op. 19a no. 3 (1904/14)
Václav Jan K`rtitel Tomá`sek (1774-1850), op. 53 no. 3, from Gedichte von Goethe, I:3

 
Wie herrlich leuchtet mir die Natur,
Wie glänzt die Sonne, wie lacht die Flur!
Es dringen Blüten aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen aus dem Gesträuch,
Und Freud und Wonne aus jeder Brust;
O Erd', o Sonne, o Glück, o Lust!
O Lieb', o Liebe! So golden schön
Wie Morgenwolken auf jenen Höhn!
Du segnest herrlich das frische Feld,
Im Blütendampfe die volle Welt.
O Mädchen, Mädchen, wie lieb ich dich!
Wie blickt dein Auge, wie liebst du mich!
So liebt die Lerche Gesang und Luft,
Und Morgenblumen den Himmelsduft
Wie ich dich liebe mit warmen Blut,
Die du mir Jugend und Freud und Mut
[Zu] neuen Liedern und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich, wie du mich liebst!

25. "Frühling übers Jahr"
 
Text by Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 79 no. 5 (1836)

See also:
 
Hugo Wolf
(1860-1903), from Goethe-Lieder no. 28
 


Das Beet, schon lokkert sichs in die Höh!
Da wanken Glöckchen so weiß wie Schnee;
Safran entfalltet gewaltge Glut,
Smaragden keimt es und keimt wie Blut;
Primeln stolzieren so naseweis,
Schalkhafte Veilchen, versteckt mit Fleiß;
Was such noch alles da regt und webt,
Genug, der Frühling, er wirkt und lebt.
Doch was im Garten am reichsten blüht,
Das ist des Liebchens lieblich Gemüt.
Da glühen Blicke mir immerfort,
Erregend Liedchen, erheiternd Wort.
Ein immer offen, ein Blütenherz,
Im Ernste freundlich und rein im Scherz.
Wenn Ros und Lilie der Sommer bringt,
Er doch vergebens mit Liebchen ringt.

26. "Auf dem See"
 
Text by Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 80, i, 2 (1836), for 4 voices

See also:

Fanny Mendelssohn-Hensel (1805-1847), 1841
Hans Georg Nägeli (1773-1836), 1799
Johann Friedrich Reichardt (1752-1814), 1794
Franz Schubert (1797-1828), D. 543b (1817?), published 1828 as op. 92 no. 2
Václav Jan K`rtitel Tomá`sek (1774-1850), 1815
Hugo Wolf (1860-1903), op. 3 no. 5 (1875)
 


Und frische Nahrung, neues Blut
Saug ich aus freier Welt:
Wie ist Natur so hold und gut,
Die mich am Busen hält!
Die Welle wieget unsern Kahn
Im Rudertakt hinauf,
Und Berge, wolkig himmelan,
Begegnen unserm Lauf.
Aug, mein Aug, was sinkst du nieder?
Goldne Träume, kommt ihr wieder?
Weg, du Traum! so gold du bist:
Hier auch Lieb und Leben ist.
Auf der Welle blinken
Tausend schwebende Sterne,
Weiche Nebel trinken
Rings die türmende Ferne;
Morgenwind umflügelt
Die beschattete Bucht,
Und im See bespiegelt
Sich die reifende Frucht.

27. "Trost in Tränen"
 
Text by Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 80, ii, 2 (1836)

See also:

Ludwig Berger (1777-1839), op. 33 no. 2
Johannes Brahms (1833-1897), op. 48 no. 5 (1858)
Peter Cornelius (1824-1874), op. 14 (1872)
Johann Friedrich Reichardt (1752-1814), published 1805-6
Franz Schubert (1797-1828), D. 120 (November 30. 1814), first published in 1835
Václav Jan K`rtitel Tomá`sek (1774-1850), op. 53 no. 5 (1815?), from Gedichte von Goethe, I, 5
Karl Friedrich Zelter (1758-1832), 1803
 

 
Wie kommst, daß du so traurig bist,
Da alles froh erscheint?
Man sieht dirs an den Augen an,
Gewiß, du hast geweint.
"Und hab ich einsam auch geweint,
So ists mein eigner Schmerz,
Und Tränen fliessen gar so süß,
Erleichtern mir das Herz."
Die frohen Freunde laden dich,
O komm an unsre Brust!
Und was du auch verloren hast,
Vertraue den Verlust.
"Ihr lärmt und rauscht und ahnet nicht,
Was mich, den Armen, quält.
Ach nein, verloren hab ichs nicht,
So sehr es mir auch fehlt."
So raffe dich denn eilig auf,
Du bist ein junges Blut.
In deinen Jahren hat man Kraft
Und zum Erwerben Mut.
"Ach nein, erwerben kann ichs nicht,
Es steht mir gar zu fern.
Es weilt so hoch, es blinkt so schön,
Wie droben jener Stern."
Die Sterne, die begehrt man nicht,
Man freut sich ihrer Pracht,
Und mit Entzücken blickt man auf
In jeder heitern Nacht.
"Und mit Entzücken blick ich auf,
So manchen lieben Tag;
Verweinen laßt die Nächte mich,
Solang ich weinen mag."

28. "Ganymed"
 
Text by Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 80 no.5 (1836-7)

See also:

Johann Friedrich Reichardt (1752-1814), published 1794
Franz Schubert (1797-1828), D. 544 (1817), published 1825 as op. 19 no. 3
Hugo Wolf (1860-1903), from Goethe-Lieder, no. 50
 


Wie im Morgenglanze
Du rings mich anglühst,
Frühling, Geliebter!
Mit tausendfacher Liebeswonne
Sich an mein Herze drängt
Deiner ewigen Wärme
Heilig Gefühl,
Unendliche Schöne!
Daß ich dich fassen möcht'
In diesen Arm!
Ach, an deinem Busen
Lieg ich und schmachte,
Und deine Blumen, dein Gras
Drängen sich an mein Herz.
Du kühlst den brennenden
Durst meines Busens,
Lieblicher Morgenwind!
Ruft drein die Nachtigall
Liebend mach mir aus dem Nebeltal.
Ich komm', ich komme!
Ach wohin, wohin?
Hinauf strabt's hinauf!
Es schweben die Wolken
Abwärts, die Wolken
Neigen sich der sehnenden Liebe.
Mir! Mir!
In eurem Schosse
Aufwärts!
Umfangend umfangen!
Aufwärts an deinen Busen,
Alliebender Vater!

29. "Mahomets Gesang"
 
Text by Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 85 (1840)

See also:
 
Franz Schubert (1797-1828) D. 549 (March 1817), first published in 1895, and D. 721

 
Seht den Felsenquell,
Freudehell,
Wie ein Sternenblick;
Über Wolken
Nährten seine Jugend
Gute Geister
Zwischen Klippen im Gebüsch.
Jünglingfrisch
Tanzt er aus der Wolke
Auf die Marmorfelsen nieder,
Jauchzet wieder
Nach dem Himmel.
Durch die Gipfelgänge
Jagt er bunten Kieseln nach,
Und mit frühem Führertritt
Reißt er seine Bruderquellen
Mit sich fort.
Drunten werden in dem Tal
Unter seinem Fußtritt Blumen,
Und die Wiese
Lebt von seinem Hauch.
Doch ihn hält kein Schattental,
Keine Blumen,
Die ihm seine Knie umschlingen,
Ihm mit Liebesaugen schmeicheln:
Nach der Ebne dringt sein Lauf,
Schlangenwandelnd.
Bäche schmiegen
Sich gesellig an. Nun tritt er
In die Ebne silberprangend,
Und die Ebne prangt mit ihm,
Und die Flüße von der Ebne
Und die Bäche von den Bergen
Jauchzen ihm und rufen: Bruder!
Bruder, nimm die Brüder mit,
Mit zu deinem alten [Vater,
Zu dem ewgen Ozean,
Der mit ausgespannten Armen
Unser wartet,
Die sich, ach! vergebens öffnen,
Seine Sehnenden zu fassen;
Denn uns frißt in öder Wüste
Gierger Sand; die Sonne droben
Saugt an unserm Blut; ein Hügel
Hemmet uns zum Teiche! Bruder,
Nimm die Brüder von der Ebne,
Nimm die Brüder von den Bergen
Mit, zu deinem Vater mit!
Kommt ihr alle! -
Und nun schwillt er
Herrlicher: ein ganz Geschlechte
Trägt den Fürsten hoch empor!
Und im rollenden Triumphe
Gibt er Ländern Namen, Städte
Werden unter seinem Fuß.
Unaufhaltsam rauscht er weiter,
Läßt der Türme Flammengipfel,
Marmorhäuser, eine Schöpfung
Seiner Fülle, hiner sich.
Zedernhäuser trägt der Atlas
Auf den Riesenschultern; sausend
Wehen über seinem Haupte
Tausend Flaggen durch die Lüfte,
Zeugen seiner Herrlichkeit.
Und so trägt er seine Brüder,
Seine Schätze, seine Kinder
Dem erwartenden Erzeuger
Freudebrausend an das Herz.]