Lieder complete index
Lieder Index d:
1. "Gesang der Geister über den Wassern"
2. "Prinz Eugen, der edle Ritter"
3. "Die Überfahrt"
4. "Der Mohrenfürst"
5. "Die Mohrenfürstin"
6. "Der Mohrenfürst auf der Messe"
7. "Gesang der Geister über den Wassern"
8. "Der Graf von Habsburg"
9. "Gruß vom Meere"
10. "Hueska"
11. "Der Papagei"
12. "Des Glockenthürmers Töchterlein"
13. "Der gefangene Admiral"
14. "Der Mummelsee"
15. "Odin's Meeres-Ritt" or "Der Schmied
auf Helgolan"
16. "Lied der Königin Elisabeth"
17. "Der Drachenfels"
18. "Die Uhr"
19. "Sanct Helena", Der Verbannt
20. "Der kleine Schiffer", or "Der
Königssohn"
21. "Archibald Douglas"
22. "Der Nöck"
23. "Der Asra"
24. "Agnete"
a) Es schaute in die Wogen die Maid im
Abendschein
b) Sie stürzt dem Neck zu Füssen
c) Sie ist herauf gestiegen aus der
kristallnen Gruft
d) Und heller und heller quollen die Hymnen,
der Orgel Sang
25. "Thomas der Reimer", Altschottische Ballade
26. "Nebo"
27. "Die Gottesmauer"
28. "Der selt'ne Beter"
29. "Der Traum der Wittwe", eine arabische Legende
1.
"Gesang der Geister über den Wassern"
Text by Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 88 (1840)
See also:
Franz Schubert (1797-1828) D. 484 (Sep 1816) (fragment), first published in 1895, D. 538, D.
705 (Dec 1820) (fragment), first published in 1897, and D. 714
Eduard Steuermann (1892-1964), 1931
Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.
Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen,
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.
Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.
Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.
Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.
Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!
2.
"Prinz Eugen, der edle Ritter"
Text by Ferdinand Freiligrath (1810-1876)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 92
Zelte, Posten, Werdarufer!
Lust'ge Nacht am Donauufer!
Pferde stehn im Kreis umher
Angebunden an der Pflöcken;
An den engen Sattelböcken
Hangen Karabiner schwer.
Um das Feuer auf der Erde,
Vor den Hufen seiner Pferde
Liegt das östreichsche Piket.
Auf dem Mantel liegt ein jeder;
Von den Tschackos weht die Feder,
Leutnant würfelt und Kornet.
Neben seinem müden Schecken
Ruht auf einer wollnen Decken
Der Trompeter ganz allein:
"Laßt die Knöchel, laßt die Karten!
Kaiserliche Feldstandarten
Wird ein Reiterlied erfreun!"
"Vor acht Tagen die Affaire
Hab ich, zu Nutz dem ganzen Heere,
In gehör'gen Reim gebracht;
Selber auch gesetzt die Noten;
Drum, ihr Weißen und ihr Roten!
Merket auf und gebet Acht!"
Und er singt die neue Weise
Einmal, zweimal, dreimal leise
Denen Reitersleuten vor;
Und wie er zum letzten Male
Endet, bricht mit einem Male
Los der volle, kräft'ge Chor:
"Prinz Eugen, der edle Ritter!"
Hei, das klang wie Ungewitter
Weit in's Türkenlager hin.
Der Trompeter tät den Schnurrbart streichen
Und sich auf die Seite schleichen
Zu der Marketenderin.
3.
"Die Überfahrt"
Text by Johann Ludwig Uhland (1787-1862)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 94 no. 1 (1843)
Über diesen Strom, vor Jahren
Bin ich einmal schon gefahren.
Hier die Burg im Abendschimmer,
Drüben rauscht das Wehr wie immer.
Und vom diesen Kahn umschlossen
Waren mit mir zween Genoßen:
Ach! ein Freund, ein vatergleicher,
Und ein junger, hoffnungsreicher.
Jener wirkte still hienieden,
Und so ist er auch geschieden;
Dieser, brausend vor uns Allen,
Ist in Kampf und Sturm gefallen.
So, wenn ich vergangner Tage,
Glücklicker, zu denken wage,
Muß ich stets Genoßen missen,
Theure, die der Tod entrissen.
Doch, was alle Freundschaft bindet,
Ist, wenn Geist zu Geist sich findet,
Geistig waren jene Stunden,
Geistern bin ich noch verbunden.
Nimm nur, Fährmann, nimm die Miethe,
Die ich gerne dreifach biete:
Zweien, die mit mir überfuhren,
Waren geistige Naturen.
4.
"Der Mohrenfürst"
Text by Ferdinand Freiligrath (1810-1876)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 97 no. 1, composed and first published in 1844
Sein Heer durchwogte das Palmenthal,
Er wand um die Locken den Purpurschawl;
Er hing um die Schultern die Löwenhaut;
Kriegerisch klirrte der Becken Laut.
Wie Termiten wogte der wilder Schwarm;
Den goldumreiften, den schwarzen Arm
Schlang er um die Geliebte fest:
"Schmücke dich, Mädchen, zum Siegesfest!
Sieh', glänzende Perlen bring' ich dir dar!
Sie flicht durch dein krauses schwarzes Haar!
Wo Persia's Meerfluth Korallen umzischt,
Da haben sie triefende Taucher gefischt.
Sieh', Federn vom Strauße, laß sie dich schmücken!
Weiß auf dein Antlitz, das dunkele, nicken!
Schmücke das Zeit! Bereite das Mahl!
Fülle, bekränze den Siegespokal!"
Aus dem schimmernden, weißen Zelte hervor
Tritt der schlachtgerüstete fürstliche Mohr:
So tritt aus schimmernder Wolken Thor
Der Mond, der verfinsterte, dunkele vor.
Da grüßt ihn jubelnd der Seinen Ruf,
Da grüßt ihn stampfend der Roße Huf.
Ihm rollt der Neger treues Blut
Und des Nigers räthselhafte Fluth.
"So führ' uns zum Siege! So führ' uns zur Schlacht!"
Sie stritten vom Morgen bis tief in die Nacht.
Des Elefanten gehöhlter Zahn
Feuerte schmetternd die Kämpfer an.
Es fleucht der Leu, es flieh'n die Schlangen
Vor dem Rasseln der Trommel, mit Schädeln behangen
Hoch weht die Fahne, verkündend Tod;
Das Gelb der Wüste färbt sich roth.
5.
"Die Mohrenfürstin"
Text by Ferdinand Freiligrath (1810-1876)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 97 no. 2, composed and first published in 1844
Fern tobt der Kampf im Palmenthal!
Sie aber bereitet daheim das Mahl;
Sie füllt den Becher mit Palmensaft,
Umwindet mit Blumen der Zeltstäbe Schaft.
Mit Perlen, die Persia's Meerfluth gebar,
Durchflicht sie das krause schwarze Haar,
Schmückt die Stirne mit wallenden Federn rund
Und den Hals und die Arme mit Muscheln bunt.
Sie setzt sich vor des Geliebten Zelt;
Sie lauscht, wie ferne das Kriegshorn gellt.
Der Mittag brennt, und die Sonne sticht,
Die Kränze welken, sie achtet's nicht.
Die Sonne sinkt, und der Abend siegt;
Der Nachtthau rauscht, und der Glühwurm fliegt.
Aus dem lauen Strom blickt das Krokodil,
Als ob es der Kühle geniessen will.
Es regt sich der Leu und brüllt nach Raub,
Elefanten rudel durch rauschen das Laub.
Die Giraffe sucht des Lagers Ruh',
Augen und Blumen schliessen sich zu.
Ihr Busen schwillt vor Angst empor;
Da naht ein flüchtiger blutender Mohr.
"Verloren die Hoffnung! verloren die Schlacht!
Dein Buhle gefangen, gen Westen gebracht!
Ans Meer! ans Meer! den blanken Menschen verkauft!"
Da stürzt sie zur Erde, das Haar zerrauft,
Die Perlen zerdrückt sie mit zitternder Hand,
Birgt die glühende Wange im glühenden Sand.
6.
"Der Mohrenfürst auf der Messe"
Text by Ferdinand Freiligrath (1810-1876)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 97 no. 3 (1844)
Auf der Messe, da zieht es, da stürmt es hinan
Zum Cirkus, zum glatten, geebneten Plan.
Es schmettern Trompeten, das Becken klingt,
Dumpf wirbelt die Trommel, Bajazzo springt.
Herbei, herbei! das tobt und drängt;
Die Reiter fliegen; die Bahn durchsprengt
Der Türkenrapp' und der Brittenfuchs;
Die Weiber zeigen den üppigen Wuchs.
Und an der Reitbahn verschleiertem Thor
Steht ernst ein krausgelockter Mohr;
Die türkische Trommel schlägt er laut,
Auf der Trommel liegt eine Löwenhaut.
Er sieht nicht der Reiter zierlichen Schwung,
Er sieht nicht der Roße gewagten Sprung.
Mit starrem, trockenem Auge schaut
Der Mohr auf die zotige Löwenhaut.
Er denkt an den fernen, fernen Niger,
Und daß er gejagt den Löwen und Tiger;
Und daß er geschwungen im Kampfe das Schwert,
Und daß er nimmer zum Lager gekehrt;
Und daß Sie Blumen für ihn gepflückt;
Und daß Sie das Haar mit Perlen geschmückt.
Sein Auge ward naß, mit dumpfem Klang
Schlug er das Fell, daß es rasselnd zersprang.
7.
"Gesang der Geister über den Wassern"
Text by Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 88 (1840)
See also:
Franz Schubert (1797-1828) D. 484 (Sep 1816) (fragment), first published in 1895, D. 538, D.
705 (Dec 1820) (fragment), first published in 1897 and D. 714
Eduard Steuermann (1892-1964), 1931.
Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.
Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen,
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.
Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.
Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.
Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.
Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!
8.
"Der Graf von Habsburg"
Text by Friedrich von Schiller (1759-1805)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 98 (1834?)
See also:
Johann Friedrich Reichardt
(1752-1814), published 1809?
Franz Schubert (1797-1828), D. 990
Zu Aachen in seiner Kaiserpracht,
Im altertümlichen Saal,
Saß König Rudolfs heilige Macht
Beim festlichen Krönungsmahle.
Die Speisen trug der Pfalzgraf des Rheins,
Es schenkte der Böhme des perlenden Weins,
Und alle die Wähler, die sieben,
Wie der Sterne Chor um die Sonne sich stellt,
Umstanden geschäftig den Herrscher der Welt,
Die Würde des Amtes zu üben.
Und rings erfüllte den hohen Balkon
Das Volk in freudgem Gedränge,
Laut mischte sich in der Posaunen Ton
Das jauchzende Rufen der Menge.
Denn geendigt nach langem verderblichen Streit
War die kaiserlose, die schreckliche Zeit,
Und ein Richter war wieder auf Erden.
Nicht blind mehr waltet der eiserne Speer,
Nicht fürchtet der Schwache, der Friedliche mehr
Des Mächtigen Beute zu werden.
Und der Kaiser ergreift den goldnen Pokal
Und spricht mit zufriedenen Blicken:
"Wohl glänzet das Fest, wohl pranget das Mahl,
Mein königlich Herz zu entzücken;
Doch den Sänger vermiß ich, den Bringer der Lust,
Der mit süßem Klang mir bewege die Brust
Und mit göttlich erhabenen Lehren.
So hab ich's gehalten von Jugend an,
Und was ich als Ritter gepflegt und getan,
Nicht will ich's als Kaiser entbehren."
Und sieh! in der Fürsten umgebenden Kreis
Trat der Sänger im langen Talare,
Ihm glänzte die Locke silberweiß,
Gebleicht von der Fülle der Jahre.
"Süßer Wohllaut schläft in der saiten Gold,
Der Sänger singt von der Minne Sold,
Er preiset das Höchste, das Beste,
Was das Herz sich wünscht, was der Sinn begehrt;
Doch sage, was ist des Kaisers wert
An seinem herrlichsten Feste?"
"Nicht gebieten werd' ich dem Sänger", spricht
Der Herrscher mit lächelndem Munde,
"Er steht in des größeren Herren Pflicht,
Er gehorcht der gebietenden Stunde.
Wie in den Lüften der Sturmwind saust,
Man weiß nicht, von wannen er kommt und braust,
Wie der Quell aus verborgenen Tiefen,
So des Sängers Lied aus dem Innern schallt
Und wecket der dunkeln Gefühle Gewalt,
Die im Herzen wunderbar schliefen."
Und der Sänger rasch in die Saiten fällt
Und beginnt sie mächtig zu schlagen:
"Aufs Weidwerk hinaus ritt ein edler Held,
Den flüchtigen Gemsbock zu jagen.
Ihm folgte der Knapp mit dem Jägergeschoß,
Und als er auf seinem stattlichen Roß
In eine Au kommt geritten,
Ein Glöcklein hört er erklingen fern,
Ein Prieser war's mit dem Leib des Herrn,
Voran kam der Mesner geschritten.
Und der Graf zur Erde sich neiget hin,
Das Haupt mit Demut entblößet,
Zu verehren mit gläubigem Christensinn,
Was alle Menschen erlöset.
Ein Bächlein aber rauschte durchs Feld,
Von des Gießbachs reißenden Fluten geschwellt,
Das hemmte der Wanderer Tritte;
Und beiseit legt jener das Sakrament,
Von den Füßen zieht er die Schuhe behend,
Damit er das Bächlein durchschritte.
Was schaffst du? redet der Graf ihn an,
Der ihn verwundert betrachtet.
Herr, ich walle zu einem sterbenden Mann,
Der nach der Himmelskost schmachtet.
Un da ich mich nahe des Baches Steg,
Da hat ihn der strömende Gießbach hinweg
Im Strudel der Wellen gerissen.
Drum daß dem Lechzenden werde sein Heil,
So will ich das Wässerlein jetzt in Eil
Durchwaten mit nackenden Füßen.
Da setzt ihn der Graf auf sein ritterlich Pferd
Und reicht ihm die prächtigen Zäume,
Daß er labe den Kranken, der sein begehrt,
Und die heilige Pflicht nicht versäume.
Und er selber auf seines Knappen Tier
Vergnüget noch weiter des Jagens Begier,
Der andre die Reise vollführet;
Und am nächsten Morgen, mit dankendem Blick,
Da bringt er dem Grafen sein Roß zurück,
Bescheiden am Zügel geführet.
Nicht wolle das Gott, rief mit Demutsinn
Der Graf, daß zum Streiten zum Jagen
Das Roß ich beschritte fürderhin,
Das meinen Schöpfer getragen!
Und magst du's nicht haben zu eignem Gewinst,
So bleib es gewidmet dem göttlichen Dienst;
Denn ich hab es dem ja gegeben,
Von dem ich Ehre und irdisches Gut
Zu Lehen trage und Leib und Blut
Und Seele und Atem und Leben.
So mög Euch Gott, der allmächtige Hort,
Der das Flehen der Schwachen erhöret,
Zu Ehren auch bringen hier und dort,
So wie Ihr jetzt ihn geehret.
Ihr seid ein mächtiger Graf, bekannt
Durch ritterlich Walten im Schweizerland,
Euch blühen sechs liebliche Töchter.
So mögen sie, rief er begeistert aus,
Sechs Kronen Euch bringen in Euer Haus
Und glänzen die spätsten Geschlechter!"
Und mit sinnendem Haupt saß der Kaiser da,
Als dächt er vergangener Zeiten -
Jetzt, da er dem Sänger ins Auge sah,
Da ergreift ihn der Worte Bedeuten.
Die Züge des Priesters erkennt er schnell
Und verbirgt der Tränen stürzenden Quell,
In des Mantels purpurnen Falten.
Und alles blickte den Kaiser an
Und erkannte den Grafen, der das getan,
Und verehrte das göttliche Walten.
9.
"Gruß vom Meere"
Text by Friedrich von Schwarzenberg (1800-1870)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 103 no.1 (1844)
Sei mir gegrüßt in deiner Pracht,
Schwarzdunkles Meer!
Seid mir gegrüßt in dunkler Nacht,
Ihr Sterne um mich her!
Das Meer schäumt hoch am Felsenriff,
Die Sterne blinken hell;
Die Fluthen theilet unser Schiff
Und segelt fort gar schnell.
Und dort, wo jener Stern erglüht,
Dort ist das ferne Land,
Wo einst mir Lieb und Lust erblüht
An ihrer schönen Hand.
Und denkt sie meiner auch nicht mehr,
So denk' ich ihrer doch
Und sende über Fels und Meer
Ihr tausend Grüße noch.
10. "Hueska"
Text by Johann Nepomuk Vogl (1802-1866)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 108 no. 2,
probably composed 1846, first published in 1847
Vor dem Schloße Don Loranca's lehn't Hueska, düster schweigend,
Mohrenfürst am Niger, fremder Herrschaft jetzt den Nacken beugend.
Nicht des Ebro's Silberwellen können seinen Blick verlokken,
Nicht das flücht'ge Gold der Wolken, nicht der Hyacinthe Glokken.
Nur nach Donna Ana hat er seinen glüh'nden Blick erhoben,
Nach der Herrin, deren Schönheit wie der strahlt vom Söller droben.
Und mit immer heißern Gluthen flammt es in des Negers Herzen,
Welches grimmer stets zerrissen hoffnungsloser Liebe Schmerzen.
Da beruft ihn Don Loranca: "Auf! Hueska, Negersklave, einen Dienst mußt du
verrichten,
Auf, aus deinem trägen Schlafe!
Donna Anna wünscht zu fahren auf des Ebro's Silberwellen,
Frisch zur Barke, faß das Ruder, laß des Armes Sehnen schwellen!
Leite hin sie durch die Fluthen nach den schattigkühlen Auen,
Wo die Tamarisken rauschen, Aprikosen sind zu schauen.
Und zum Schlag der Zither magst du ihr ein Negerliedchen singen,
Doch nicht wieder darf die Barke, merk es wohl, zurück sie bringen.
Mir verrathen ward's, daß Ana heimlich eine Liebe nähret,
Die zuwider meinem Range, die zuwider meiner Ehre.
Tief wie nirgends ist der Ebro südwärts, dicht beschirmt von Bäumen.
Du verstehst, nun in die Gondel, morgen magst du wieder träumen."
Auf des Ebro's Spiegelwogen gleitet hin und her die Barke,
Und das Ruder, das bemalte, hält Hueska's Arm der starke.
In der Barke sitzt die Herrin bleich und schön, im stillen Sinnen.
Jener vorn am Schnabel schaudert ob dem finsteren Beginnen.
Spricht die Dame: "Wie doch bringen Abendlüfte süße Labe!"
Doch Hueska denkt: "Sie streifen Nachts auch über manchem Grabe."
Spricht die Dame: "Horch, wie lieblich sind der Nachtigallen Klänge!"
Doch Hueska denkt: "Die klingen nicht hinab durchs Fluthgedränge."
Spricht die Dame: "Wie sich Welle scherzend doch auf Welle wieget!"
Doch Hueska denkt: "So manche schäumt noch heiß, die Nachts versieget."
Da verschwinden im Gebüsche beide mählich mit dem Nachem,
Dunkler wird's, die Sterne funkeln, nächtlich stille Himmelswachen.
Horch! da gellt ein Schrei aus eines Weibes Kehle durch die Stille,
Hell und schneidend, und das alte Schweigen stört nur noch die Grille.
Sagt, was schwimmt dort auf dem Ebro, mild vom Mondlicht übergossen?
Sieh, zwei Leichen, Donna Anna, von Hueska's Arm umschlossen.
11. "Der Papagei"
Text by Friedrich Rückert (1788-1866)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 111, composed and first published in 1847
Das war die Schlacht von Waterloo,
Die Schlacht von Bellalliangs,
Die Klang so laut, die Klang so froh,
So ungestümen Klangs.
Das war die Schlacht von Waterloo,
Die Schlacht von Bellalliangs,
Da klangs doch nur dem Britten froh,
Nur froh dem Deutschen klangs.
Es wohnt ein Franzmann nah dabei,
Dem klingt es noch im Ohr,
Der hat auch einen Papagei,
Der sprach so laut zuvor.
Der Papagei sprach mancherlei,
Französisch Tag und Nacht,
So laut noch sprach der Papagei,
Am Tage vor der Schlacht.
Und als die Schlacht so laut nun sprach,
Da schwieg der Papagei,
Und als er wieder sprach hernach,
Sprach er nur einerlei.
Der Franzmann sprach: Bonjour, mein Matz!
Der Papagei sprach: Bum!
Der Franzmann sprach: Bon soir, mein Schatz!
Der Papagei sprach: Bum!
Bonjour, mein Matz!
Bum.
Bon soir, mein Schatz!
Bum.
Und weißt du weiter nichts als Bum,
So bleibe lieber stumm!
Der Papagei blieb doch nicht stumm,
Der Papagei sprach: Bum;
Und weißt du weiter nichts als Bum,
Den Hals dreh ich dir um!
Bum. Da dreht er den Hals ihm um,
Und er sprach sterbend: Bum!
12. "Des Glockenthürmers Töchterlein"
Text by Friedrich Rückert (1788-1866)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 112a, 1850
Mein hochgebornes Schätzelein,
Des Glockenthürmers Töchterlein,
Mahnt mich bei Nacht und Tage
Mit jedem Glockenschlage:
"Gedenke mein! gedenke mein!"
Mein hochgebornes Schätzelein,
Des Glockenthürmers Töchterlein,
Ruft mich zu jeder Stunde
Wohl mit der Glocken Munde:
"Ich harre dein! ich harre dein!"
Mein hochgebornes Schätzelein,
Des Glockenthürmers Töchterlein,
Es stellt die Uhr mit Glücke,
Bald vor und bald zurücke,
So wie's uns mag gelegen sein.
Mein hochgebornes Schätzelein,
Sollt' es nicht hochgeboren sein?
Der Vater hochgeboren,
Die Mutter, hocherkoren,
Hat hoch gebor'n ihr Töchterlein.
Mein hochgebornes Schätzelein,
Ist nicht hochmüthig, das ist fein;
Es kommt ja hin und wieder
Von seiner Höh' hernieder
Zu mir gestieg'n im Mondenschein.
Mein hochgebornes Schätzelein,
Sprach jüngst:
"Der alte Thurm fällt ein,
Man merkt's an seinem Wanken,
Will nicht in Lüften schwanken,
Will dein zu eb'ner Erde sein."
13. "Der gefangene Admiral"
Text by Moritz, Graf von Strachwitz (1822-1847)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 115
's sind heute dreiunddreißig Jahr,
daß ich kein Segel sah,
es steht der Thurm unwandelbar,
die Kett' ist ewig da.
Sie haben gemauert mich, den Delphin,
in lichtlos Felsgestein,
und unerreichbar über ihn
ein kleines Fensterlein.
Nicht daß ich fern von Licht und Tag,
macht mir das Herz so schwer,
als daß ich dich nicht zu schauen vermag,
du heil'ges blaues Meer!
Ich höre nicht wie die Brandung rollt
und keiner Möve Geschrill,
und wenn die Kette nicht rasseln wollt',
wär' alles grabesstill.
Sie bauten fern vom Meer den Thurm,
wo keine Woge prallt,
kein Bootsmann pfeift und pfeift kein Sturm,
kein Schuß den Sturm durchschallt.
Nicht daß man in schweigende Nacht mich warf,
macht mir das Herz so schwer,
als daß ich dich nicht hören darf,
du tiefaufdonnerndes Meer.
Mein greises Gebein ist schwer und leer,
mein Leib wird nimmer heil,
die Faust schwingt keine Lunte mehr
und nimmer das Enterbeil.
Die große Flagge auf den Mast!
die Breitseit' laßet seh'n!
und Jungens, wen auf's Korn ihr faßt,
der Teufel hole den.
Nicht daß ich verwelk' in Haft und Bann,
macht mir das Herz so schwer,
als daß ich auf dir nicht fechten kann,
du kampferschüttertes Meer!
Drauf und dran geentert keck,
und feuert noch einmal!
He, Schiff an Schiff und Deck an Deck,
und ich der Admiral!
O fiel' ich doch im Kugelgezisch!
Hier lieg' ich siech und wund,
hinschmachtend wie im Sand ein Fisch
und sterbend wie ein Hund!
Nicht daß ich sterbe Zoll unm Zoll,
macht mir das Herz so schwer,
als daß ich auf dir nicht sterben soll,
du oft bezwungenes Meer.
Die Flügel hängt das Schiff im Leid,
ein schwarzverwitwetes Weib,
die Flagge deckt als Sterbekleid
den todten Heldenleib.
Er sinkt ins Meer vom Schiffesrand,
das bebt voll heil'ger Scheu,
mich aber scharren sie in den Sand
und schießen nicht 'mal dabei!
Nicht daß mein Leben hier verrann,
macht mir das Herz so schwer,
als daß ich in dir nicht schlafen kann,
du Heldengrab, o Meer.
14. "Der Mummelsee"
Text by August Schnezler (1809-1853)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 116 no. 3 (1849)
Im Mummelsee, im dunklen See,
Da blüh'n der Lilien viele,
Sie wiegen sich, sie biegen sich,
Dem losen Wind zum Spiele;
Doch wenn die Nacht herniedersinkt,
Der volle Mond am Himmel blinkt,
Entsteigen sie dem Bade
Als Jungfern am Gestade.
Es bläst der Wind, es saust das Rohr
Die Melodie zum Tanze,
Die Lilienmädchen schlingen sich,
Als wie zu einem Kranze;
Und schweben leis' umher im Kreis,
Gesichter weiss, Gewänder weiß
Bis ihre bleichen Wangen
Mit zarter Röte prangen.
Es braust der Sturm, es pfeift das Rohr,
Es rauscht im Tannenwalde,
Die Wolken zieh'n am Monde hin,
Die Schatten auf der Halde;
Und auf und ab, durch's nasse Gras
Dreht sich der Reigen ohne Mass,
Und immer lauter schwellen
An's Ufer an die Wellen.
Da hebt ein Arm sich aus der Flut,
Die Riesenfaust geballet
Ein triefend Haupt dann, schilfbekränzt
Vom langen Bart umwallet,
Und eine Donnerstimme schallt,
Daß im Gebirg' as widerhallt:
"Zurück in eure Wogen,
Ihr Lilien ungezogen!"
Da stockt der Tanz, die Mädchen schrein,
Und werden immer blässer:
"Der Vater ruft, hu, Morgenluft!
Zurück in das Gewässer!"
Die Nebel steigen aus dem Thal,
Es dämmert schon der Morgenstrahl,
Und Lilien schwanken wieder
Im Wasser auf und nieder.
15. "Odin's Meeres-Ritt" or "Der Schmied auf Helgolan"
Text by Aloys Wilhelm Schreiber (1761 1763? - 1841)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, composed in 1851
Meister Oluf, der Schmied auf Helgoland,
Verläßt den Amboß um Mitternacht.
Es heulet der Wind am Meeresstrand,
Da pocht es an seiner Thüre mit Macht:
"Heraus, heraus, beschlag' mir mein Roß,
Ich muß noch weit, under der Tag ist nah!"
Meister Oluf, öffnet der Thüre Schloß,
Und ein stattlicher Reiter steht vor ihm da.
Schwarz ist sein Panzer, sein Helm und Schild;
An der Hüfte hängt ihm ein breites Schwert.
Sein Rappe schüttelt die Mähne gar wild
Und stampft mit Ungeduld die Erd'!
"Woher so spät? Wohin so schnell?"
"In Norderney kehrt' ich gestern ein.
Mein Pferd ist rasch, die Nacht is hell,
Vor der Sonne muß ich in Norwegen sein!"
"Hättet Ihr Flügel, so glaubt' ich's gern!"
"Mein Rappe, der läuft wohl mit dem Wind.
Doch bleichet schon da und dort ein Stern,
Drum her mit dem Eisen und mach' geschwind!"
Meister Oluf nimmt das Eisen zur Hand,
Es ist zu klein, da dehnt es sich aus.
Und wie es wächst um des Hufes Rand,
Da ergreifen den Meister Bang' und Graus.
Der Reiter sitzt auf, es klirrt sein Schwert:
"Nun, Meister Oluf, gute Nacht!
Wohl hast du beschlagen Odin's Pferd';
Ich eile hinüber zur blutigen Schlacht."
Der Rappe schießt fort über Land und Meer,
Um Odin's Haupt erglänzet ein Licht.
Zwölf Adler fliegen hinter ihm her;
Sie fliegen schnell, und erreichen ihn nicht.
16. "Lied der Königin Elisabeth"
Text by Johann Gottfried Herder (1744-1803) after William Shenstone (1714-1763)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op.119
In der Ruhe Tal geboren,
Wer verließe je das Thal?
Drängte sich nach Kron' und
Purpur in des Hofes goldnen Saal?
Fern von Bosheit, wie von Schätzen,
Stiller Lieb' und Freundschaft hold;
Ach, was kann wie Lieb' ergötzen,
Sie, die mehr ergötzt als Gold.
Arme Schäfer, ihr beneidet
Oft, so oft der Großen Glück,
Weil sie Gold, statt Wolle, kleidet,
Gold, des Herzens böser Strick.
Liebe, wie die goldne Sonne,
Wärmt und strahlet euch so gern,
Malt euch an der Brust ein Blümchen
Über Ordensband und Stern.
Sieh, wie dort das Mädchen singend
Ihre Heerde treibt zur Ruh'.
Schlüsselblümchen neu entspringend
Grüssen sie und horchen zu.
Welche Königin der Erde
Blickte je und sang so froh?
Ach, beladen mit Juwelen,
Schlägt und singt kein Herze so.
Wär' ich auch mit euch geboren,
Auch ein Mädchen in dem Thal;
Ohne Fesseln, ohne Kerker
Hüpft' ich in der Freiheit Saal,
Klimmte über Fels und Hügel,
Sänge Liebe, Lust und Scherz:
Meine Kron' ein Wiesenblümchen,
Und mein Reich des Schäfers Herz.
17. "Der Drachenfels"
Text by Arthur Lutze (1813-1870)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 121 no. 2, published 1838
Sag an, was hinauf zur Drachenkluft
Die bunt bewegte Menge ruft?
Voran eine Jungfrau, so rosig und hold;
Einen Lilienkranz in der Locken Gold?
"Der Heiden Beute, die Christenbraut,
So heut dem Drachen wird vertraut!"
Dort obenschimmert der Blutaltar,
Bang starrt hinauf die verstummte Schar.
Seht an der steilen Felsenwand
Die Jungfrau im weißen Lichtgewand!
Schon hört man den Drachen keuchend nah'n,
Die gewohnte Beute zu empfahn.
Und aus dem giftigen Felsenspalt
Wälzt sich die gräßliche Missgestalt.
Der Jungfrau naht das Ungethüm,
Ein Sprung noch, ein Hauch und sie ist dahin.
Da hält sie aus des Busens Flor
Ein Crucifix ihm betend vor,
Und wie der Drache dies Bildnis erschaut,
Da ächzt er gewaltig und knirschet laut,
Vom Felshang stürzt er sich zischend hinab,
Im Abgrund empfängt ihn das gähnende Grab.
18. "Die Uhr"
Text by Johann Gabriel Seidl (1804-1875)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 123 no. 3, published 1830
See also:
Johann Vesque von Püttlingen
(1803-1883), op. 52 no. 2 (1855?).
Ich trage, wo ich gehe, stets eine Uhr bei mir;
Wieviel es geschlagen habe, genau seh ich an ihr.
Es ist ein großer Meister, der künstlich ihr Werk gefügt,
Wenngleich ihr Gang nicht immer dem törichten Wunsche genügt.
Ich wollte, sie wäre rascher gegangen an manchem Tag;
Ich wollte, sie hätte manchmal verzögert den raschen Schlag.
In meinen Leiden und Freuden, in Sturm und in der Ruh,
Was immer geschah im Leben, sie pochte den Takt dazu.
Sie schlug am Sarge des Vaters, sie schlug an des Freundes Bahr,
Sie schlug am Morgen der Liebe, sie schlug am Traualtar.
Sie schlug an der Wiege des Kindes, sie schlägt, will's Gott, noch oft,
Wenn bessere Tage kommen, wie meine Seele es hofft.
Und ward sie auch einmal träger, und drohte zu stocken ihr Lauf,
So zog der Meister immer großmütig sie wieder auf.
Doch stände sie einmal stille, dann wär's um sie geschehn,
Kein andrer, als der sie fügte, bringt die Zerstörte zum Gehn.
Dann müßt ich zum Meister wandern, der wohnt am Ende wohl weit,
Wohl draußen, jenseits der Erde, wohl dort in der Ewigkeit!
Dann gäb ich sie ihm zurücke mit dankbar kindlichem Flehn:
Sieh, Herr, ich hab nichts verdorben, sie blieb von selber stehn.
19. "Sanct Helena", Der Verbannt
Text by Karl August Timotheus Kahlert (1807-1864)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 126 (1853), first publ. 1858
Hier steh' ich einsam auf dem Fels im Meer,
Die Wogen brausen höhnend um mich her!
Im Weltenmeere selbst ein Fels, ein Held
Stand ich dereinst, gebieter einer Welt.
Die Völker lauschten einst auf mein Gebot,
Sie spotten mein, ich bin lebendig todt.
Auf öder Klippe steh, ich arm allein,
Auch diese Klippe selbst ist nicht mehr mein.
Ich trotzte Nordens Eis und Südens Gluth,
Sie fesselten den Mann, doch nicht den Muth.
Sie traten meine Kronen in den Staub,
Nur eine blieb mir, die aus Lorbeerlaub.
Umfange mich, o Sturm, du tröstest mild,
Du meiner alten Schlachtendonner Bild.
Mein Wort, der Schlachten Donner, ist verhallt,
Dich bändigen sie nicht, Natur gewalt.
Erzähle du der Welt in spät'ster Zeit:
"Hier stand einst Er, ein Mann in Glück und Leid."
20. "Der kleine Schiffer", or "Der Königssohn"
Text by Luise von Plönnies née Leisler (1803-1872)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 127 (1857)
Die Königstochter sticket ein gülden Gewand in Ruh',
Da naht der kleine Schiffer und schaut ihr schweigend zu.
"Sag', willst du mit mir würfeln, du Schiffer jung und hold?"
"Wie könnt' ich mit dir würfeln, wo nähm' ich her das Gold?"
"Setz' ein die graue Jacke, den Purpur setz' ich dann."
Die gold'nen Würfel fallen, die Jungfrau, sie gewann.
"Willst du noch einmal würfeln, du Schiffer jung und hold?"
"Wie könnt' ich mit dir würfeln, wo nähm' ich her das Gold?"
"Setz' ein die Schiffermütze, die Krone setz' ich dann.
Die gold'nen Würfel fallen, die Jungfrau, sie gewann.
"Willst du noch einmal würfeln, du Schiffer jung und hold?"
"Wie könnt' ich mit dir würfeln, wo nähm' ich her das Gold?"
"Setz' ein die schwanke Barke, ich setze Lieb' und Ehr'."
Die gold'nen Würfel rollen, und sie gewann nicht mehr.
"Hör', willst du mir entsagen, schenk' ich dir einen Kahn,
Der soll durchs Meer dich tragen als wie ein Silber schwan."
"Laß fahren hin die Barke, laß fahren hin den Kahn,
Ich hab' im Spiel gewonnen den allerschönsten Schwan."
"Hör', willst du mir entsagen, schenk' ich dir dies Gewand,
Das ich mit Gold durchwoben hab' mit der eig'nen Hand."
"Laß fahren hin die Jacke, laß fahren das Gewand,
Ich halte, die's gewoben, die allerschönste Hand."
"Hör' an, du guter Schiffer, willst du entsagen mir,
Von meinem Königreiche schenk' ich die Hälfte dir."
"Zur Hälfte soll ich nehmen, was ganz mein eigen schon,
Mein ist die Königstochter sammt Königreich und Thron."
Sie geht in ihre Kammer und weint und ringt die Hand.
"O weh, so muß ich schließen ein schmählich Eheband!"
Ein tritt der kleine Schiffer, auf seinem Haupt die Kron'.
"Nun gieb dich nur zufrieden, ich bin ein Königssohn."
21. "Archibald Douglas"
Text by Theodor Fontane (1819-1898)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 128 (1857)
"Ich hab' es getragen sieben Jahr,
Und ich kann es nicht tragen mehr,
Wo immer die Welt am schönsten war,
Da war sie öd' und leer.
Ich will hintreten vor sein Gesicht
In dieser Knechtsgestalt,
Er kann meine Bitte versagen nicht,
Ich bin ja worden so alt.
Und trüg' er noch den alten Groll
Frisch wie am ersten Tag,
So komme was da kommen soll,
Und komme was da mag!"
Graf Douglas spricht's; am Weg ein Stein
Lud ihn zu harter Ruh'.
Er sah in Wald und Feld hinein,
Die Augen fielen ihm zu.
Er trug einen Harnisch rostig und schwer,
Darüber ein Pilgerkleid.
Da horch vom Waldrand scholl es her,
Wie von Hörnern und Jagdgeleit,
Und Kies und Staub aufwirbelte dicht,
Her jagte Meute und Mann,
Und ehe der Graf sich aufgericht't,
Waren Roß und Reiter heran.
König Jakob saß auf hohem Roß,
Graf Douglas grüßte tief,
Dem Königin das Blut in die Wangen schoß,
Der Douglas aber rief:
"König Jakob, schaue mich gnädig an
Und höre mich in Geduld,
Was meine Brüder dir angethan,
Es war nicht meine Schuld.
Denk' nicht an den alten Douglasneid,
Der trotzig dich bekriegt,
Denk' lieber an deine Kinderzeit,
Wo ich dich auf Knieen gewiegt,
Denk' lieber zurück an Stirlings Schloß,
Wo ich Spielzeug dir geschnitzt,
Dich gehoben auf deines Vaters Roß
Und Pfeile dir zugespitzt.
Denk' lieber zurück an Linlithgow,
An den See und den Vogelherd,
Wo ich dich fischen und jagen froh
Und schwimmen und springen gelehrt.
Und denk' an alles, was einstens war,
Und sänftige deinen Sinn,
Ich hab' es getragen sieben Jahr,
Daß ich ein Douglas bin!"
"Ich seh' dich nicht, Graf Archibald,
Ich hör' deine Stimme nicht,
Mir ist, als ob ein Rauschen im Wald
Von alten Zeiten spricht.
Mir klingt das Rauschen süß und traut,
Ich lausch' ihm immer noch,
Dazwischen aber klingt es laut:
Er ist ein Douglas doch!
Ich seh' dich nicht, ich hör' dich nicht,
Das ist alles was ich kann,
Ein Douglas vor meinem Angesicht
Wär' ein verlorner Mann!"
König Jakob gab seinem Roß den Sporn,
Berg an jetzt ging sein Ritt.
Graf Douglas faßte den Zügel vorn
Und hielt mit dem Könige Schritt.
Der Weg war steil, und die Sonne stach,
Sein Panzerhemd war schwer,
Doch ob er schier zusammenbrach,
Er lief doch nebenher.
"König Jakob, ich war dein Seneschall,
Ich will es nicht fürder sein,
Ich will nur tränken dein Roß im Stall,
Und ihm schütten die Körner ein,
Und will ihm selber machen die Streu
Und es tränken mit eigner Hand,
Nur laß mich athmen wieder aufs neu'
Die Luft im Vaterland.
Und willst du nicht, so hab' einen Muth,
Und ich will es danken dir,
Und zieh' dein Schwert, und triff mich gut,
Und laß mich sterben hier!"
König Jakob sprang herab vom Pferd,
Hell leuchtete sein Gesicht,
Aus der Scheide zog er sein bretes Schwert,
Aber fallen ließ er nicht:
"Nimm's hin, nimm's hin und trag' es aufs neu'
Und bewache mir meine Ruh';
Der ist in tiefster Seele treu,
Wer die Heimath so liebt wie du!
Zu Roß, wir reiten nach Linlithgow,
Und du reitest an meiner Seit';
Da wollen wir fischen und jagen froh,
Als wir in alter Zeit."
22. "Der Nöck"
Text by August Kopisch (1799-1853)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 129 no. 2, 1860-1
Es tönt des Nöcken Harfenschall:
Da steht der wilde Wasserfall,
Umschwebt mit Schaum und Wogen
Den Nöck im Regenbogen.
Die Bäume neigen
Sich tief und schweigen,
Und atmend horcht die Nachtigall. -
"O Nöck, was hilft das Singen dein?
Du kannst ja doch nicht selig sein!
Wie kann dein Singen taugen?"
Der Nöck erhebt die Augen,
Sieht an die Kleinen,
Beginnt zu weinen...
Und senkt sich in die Flut hinein.
Da rauscht und braust der Wasserfall,
Hoch fliegt hinweg die Nachtigall,
Die Bäume heben mächtig
Die Häupter grün und prächtig.
O weh, es haben
Die wilden Knaben
Der Nöck betrübt im Wasserfall!
"Komm wieder, Nöck, du singst so schön!
Wer singt, kann in den Himmel gehn!
Du wirst mit deinem Klingen
Zum Paradiese dringen!
O komm, es haben
Gescherzt die Knaben:
Komm wieder, Nöck, und singe schön!"
Da tönt des Nöcken Harfenschall,
Und wieder steht der Wasserfall,
Umschwebt mit Schaum und Wogen
Den Nöck im Regenbogen.
Die Bäume neigen
Sich tief und schweigen,
Und atmend horcht die Nachtigall.
Es spielt der Nöck und singt mit Macht
Von Meer und Erd und Himmelspracht.
Mit Singen kann er lachen
Und selig weinen machen!
Der Wald erbebet,
Die Sonn entschwebet...
Er singt bis in die Sternennacht!
23. "Der Asra"
Text by Heinrich Heine (1797-1856)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 133
See also:
Max Renner, op. 3 no. 1, published
1899
Täglich ging die wunderschöne Sultantochter auf und nieder
um die Abendzeit am Springbrunn, wo die weißen Wasser plätschern.
Täglich stand der junge Sklave um die Abendzeit am Springbrunn,
wo die weißen Wasser plätschern,
täglich ward er bleich und bleicher.
Eines Abends trat die Fürstin auf ihn zu mit raschen Worten:
"Deinen Namen will ich wissen, deine Heimath, deine Sippschaft."
Und der Sklave sprach: "Ich heiße Mahomet
und bin aus Yemen,
und mein Stamm sind jene Asra,
welche sterben, wenn sie lieben.
24. "Agnete"
Text by Luise von Plönnies née Leisler (1803-1872)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 134
a) Es schaute in die Wogen die Maid im Abendschein
b) Sie stürzt dem Neck zu Füssen
c) Sie ist herauf gestiegen aus der kristallnen Gruft
d) Und heller und heller quollen die Hymnen, der Orgel Sang
a) Es schaute in die Wogen die Maid im Abendschein
Es schaute in die Wogen
Die Maid im Abendschein,
Da hat der Neck gezogen
Sie in die Fluth hinein.
Sie sitzt in klaren Hallen,
Auf goldigem Bernsteinthron
Und trägt von rothen Korallen
Eine steinerne Dornenkron'.
Die Wasser wogen und rauschen
Um all die todte Pracht:
"Ach, könnt' ich noch einmal lauschen,
Wann Morgens der Hain erwacht!"
Der Mond scheint in die blauen
Wellen mit sanftem Licht:
"Ach, könnt' ich noch einmal schauen
meiner Mutter Angesicht!"
Die Strudel rollen und tosen
In wunderbar tiefem Sang:
"Ach, hört' ich noch einmal der Orgel,
Der Kirchenglocken Klang!"
b)
Sie stürzt dem Neck zu Füssen
Sie stürzt dem Neck zu Füssen;
"Ach laß mich nur einmal gehn,
Mein Mütterlein zu grüssen,
Die Erde wieder zu sehn!"
Da spricht der Neck: "Es weinen
Gewiß die Kinder sehr;
Eh Tag und Nacht sich einen,
Kehre zurück ins Meer!"
c)
Sie ist herauf gestiegen aus der kristallnen Gruft
Sie ist herauf gestiegen
Aus der kristallnen Gruft,
Läßt froh die Blicke fliegen
In Gottes freie Luft.
Sie grüßt den Strand entzücket,
Wo sie als Mägdlein saß,
Hat an die Brust gedrücket
Das schwanke Halmengras.
Das Thürmlein der Kapelle
Winkt hoch vom Fels am Meer,
Sein Glöcklein klinget helle
Im Lande weit umher.
Und sanfter heut erschallet
Der fromme Glockenton,
Im langen Zuge wallet
Das Volk zur Kirche schon.
Es gehn mit dem Liederbuche
Die Jungfrau ins Gotteshaus.
Und jede, auf weißem Tuche,
Trägt einen Nelkenstrauß.
Sie folget zur Kapelle
Und zagt, hinein zu gehn,
Doch auf der Kirchenschwelle
Sieht sie die Mutter stehn.
"Ach liebes Kind, Agnete,
Sag' an, wo kommst du her?"
"O Mutter, Mutter bete,
Ich war im blauen Meer."
Sie stürzet auf die Kniee
Und weinet bitterlich:
"Du heilige Marie,
Ach bitte du für mich!"
d)
Und heller und heller quollen die Hymnen, der Orgel Sang
Und heller und heller quollen
Die Hymnen, der Orgel Sang,
Und dumpfer und dumpfer grollen
Die Wasser im starken Drang.
Da sprengt auf schaumigem Roße
Über die wogende Bahn
Von stäubendem Gischt umfloßen
Der Neck den Felsen hinan.
Er tritt in die heilige Halle,
Die Engel und Seraphim,
Die Heiligenbilder alle,
Sie wenden sich ab von ihm.
Er spricht mit zürnendem Munde:
"Du weiltest lange genug;
Vergißt du, daß tief im Grunde
Dein Leben Wurzeln schlug?"
"Und hat es Wurzeln geschlagen,
So war es doch liebeleer,
Hier athm' ich Leben und Liebe,
Ich folge dir nimmermehr!"
Seine Augen wie Blitze leuchten,
Wild stürmet der Neck hinaus
Und stürzt sich vom Fels in der feuchten
Tiefe wogenden Graus.
25. "Thomas der Reimer", Altschottische Ballade
Text: German translation by Theodor Fontane (1819-1898)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 135
Der Reimer Thomas lag am Bach,
Am Kieselbach bei Huntly Schloß.
Da sah er eine blonde Frau,
Die saß auf einem weißen Roß.
Sie saß auf einem weißen Roß,
Die Mähne war geflochten fein,
Und hell an jeder Flechte hing
Ein silberblankes Glöckelein.
Und Tom der Reimer zog den Hut
Und fiel auf's Knie, er grüßt und spricht:
",Du bist die Himmelskönigin!
Du bist von dieser Erde nicht!"
Die blonde Frau hät an ihr Roß:
"Ich will dir sagen, wer ich bin;
Ich bin die Himmelsjungfrau nicht,
Ich bin die Elfenkönigin!
,,Nimm deine Harf und spiel und sing
Und laß dein bestes Lied erschalln,
Doch wenn du meine Lippe küßt,
Bist du mir sieben Jahr verfalln!"
"Wohl! sieben Jahr, o Königin,
Zu dienen dir, es schreckt mich kaum!"
Er küßte sie, sie küßte ihn,
Ein Vogel sang im Eschenbaum.
"Nun bist du mein, nin zieh mit mir,
Nun bist du mein auf sieben Jahr."
Sie ritten durch den grünen Wald
Wie glücklich da der Reimer war!
Sie ritten durch den grünen Wald
Bei Vogelsang und Sonnenschein,
Und wenn sie leicht am Zügel zog,
So klangen hell die Glöckelein.
26. "Nebo"
Text by Ferdinand Freiligrath (1810-1876)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 136 (1860), published in 1866
Auf Jordan's grünen Borden,
Da weilte Jakobs Samen,
Da feierten die Horden,
Die von Mizraim kamen;
Da lagerten die Scharen,
Da hielt der Heerzug Rast
Seit langen, langen Jahren
Der sand'gen Wüste Gast.
Da waren ihre Hütten von Leinen aufgestellt,
Und in der Zelte Mitten hob sich des Stiftes Zelt.
Da schützten grüne Sträucher
Sie vor der Gluth der Sonnen,
Da füllten sie die Schläuche
An kühlen Wasserbronnen.
Da freuten sich die Müden
Und hoben fromm die Hände,
Daß ihnen bald beschieden
Der langen Wallfahrt Ende;
Da schärften sie die Schneide
Des Schwert's mit kräft'ger Hand,
Zu kämpfen um grüne Weide
In ihrer Väters Land.
Im Thal ruh'n die Nomaden
Und jauchzen: Kanaan!
Moses auf steilen Pfaden
Klimmt das Gebirg hinan,
Schneeweiße Locken fliessen
Auf seine Schultern dicht;
Zwei goldne Strahlen schiessen
Von seinem Haupte Licht.
Und wie er nun die Höhe,
Die schauende, erreicht,
Und, daß er Alles sehe,
Sich zitternd vorwärts beugt,
Da glänzen ihm die Auen
Von tausend Freuden voll,
Die er nur sehnend schauen,
Doch nicht betreten soll,
Da dehnen sich die Flächen,
Wo Korn und Traubereift,
Da ist mit weißen Bächen
Das grüne Land gestreift;
Da schwärmen Bienenkörbe,
Da schreitet Pfluggespann,
Da funkelt Juda's Erbe
Von Bersaba gen Dan.
"Ich habe dich gesehen!
Jetzt ist der Tod mir recht!
Säulend mit leisem Wehen,
Herr! hole deinen Knecht!
Auf diesem Berge sterben,
Wohl müßt' es köstlich sein,
Wo sich die Wolken färben
Im Morgensonnenschein."
Da nah't auf lichter Wolke
Der Herr des Berges Rücken,
Dem müden Pilgervolke
Den Führer zu entrücken.
Tief unten der Welt Gewimmel,
Forst Flur und Stromeslauf,
Und oben thut der Himmel
Die goldnen Pforten auf!
27. "Die Gottesmauer"
Text by Friedrich Rückert (1788-1866)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 140 (1850), published in 1868
"O Mutter, wie stürmen die Flocken vom Himmel,
Es wird uns in Schnee noch begraben.
Und mehr noch als Flocken im Dorf ein Gewimmel
Von Reutern, die reiten und traben:
Hätten wir nur Brot im Haus,
Macht ich mir so viel nicht draus,
Im Quartier ein paar Reuter zu haben."
"Es nachtet, o Kind, und die Winde, sie wüthen;
Geh', schließe die Thür und die Laden,
Gott wird vor dem Sturme der Nacht uns behüten
Und auch vor den Feinden in Gnaden.
Kind, ich bete, bete mit;
Wenn uns Gott der Herr vertritt,
So vermag uns der Feind nicht zu schaden."
"O, Mutter, was soll nun das Beten und Bitten?
Es kann vor den Reutern nicht helfen
Horcht, Mutter, die Reuter, sie kommen geritten,
O hört, wie die Hündelein belfen.
Geht zur Küch' und rüstet Ihr,
Wenn sie kommen ins Quartier,
Euch, so gut es will gehn, zu behelfen."
Die Mutter, sie sitzet, und geht nicht vom Orte,
Der Keller ist leer und die Kuche;
Sie hält sich am letzten, am einzige Horte,
Sie betet beim Lämplein im Buche:
"Eine Mauer um uns bau,
Daß davor den Feinden grau'!"
Sie erlabt sich am tröstlichen Spruche.
"O Mutter, den Reutern zu Roße zu wehren,
Wer wird da die Mauer uns bauen?
Sich lassen die Reuter, wohin sie begehren,
Vor Wällen und Mauern nicht grauen."
"Kind, bedenk als guter Christ:
Gott kein Ding unmöglich ist,
Wenn der Mensch nicht verliert das Vertrauen."
Es betet die Mutter, es lachet der Knabe,
Er horcht an verschloßener Pforte,
Er höret die Reuter, sie reiten im Trabe,
Es rennen die Bauern im Orte.
Thüren krachen dort und hie.
"Jetzt, gewiß, jetzt kommen sie
Auch an unsre, der Mutter zum Torte."
Nichts kommt an die Thür als des Windes Gebrause,
Ein Wehen und Weben und Wogen.
Die Reuter, vertheilet von Hause zu Hause,
Vor diesem vorüber gezogen.
Stiller wird es dort und hier:
"Alle, scheint's, sind im Quartier,
Und wir sind um die Gäste betrogen."
"Kind, möge dich Gott für den Frevel nicht strafen,
Daß Glaube dein Herz nicht bewohnet.
Mit Reue bitt' ab ihm, und lege dich schlafen;
Er hat mein Vertrauen belohnet."
"Ei, der Vetter Schultheiß hat
Wohl, wie er schon manchmal that,
Aus besonderer Gunst uns verschonet."
Einschlummert der Knabe mit weniger Ruhe,
Die Mutter mit volem Vertrauen.
Drauf ist er schon wiederum auf in der Fruhe,
Den Abzug der Reute zu schauen.
Wie er auf das Thürlein zieht,
Sieht er, staunt, und staunt und sieht,
Daß der Himmel doch Mauern kann blauen.
Das hat nicht der Vetter, der Schultheiß, gerichtet;
Die Diener des Himmels, die Winde,
Sie haben im Stillen die Mauer geschichtet,
Statt Steinen, aus Flocken gelinde.
Eine Mau'r ums Häuslein ganz
Steht gebaut aus schnee'gem Glanz,
Zum Beweis dem ungläubigen Kinde.
Da muß es der Mutter nun sagen der Knabe,
Er weckt sie vom Schlaf mit der Kunde.
Da hört er die Reuter, sie ziehen im Trabe,
Und möchte sie sehen zur Stunde.
Doch zur Straf' es ihm geschieht,
Daß er nicht die Reuter sieht,
Denn die Mauer, sie steht in die Runde.
Da macht es die Mutter zur Strafe dem Knaben,
Den Weg durch die Mauer zu brechen.
Da muß er nun schaufeln, da muß er nun graben;
Und als er mit Hauen und Stechen
Durch ist, sind die Reuter fort,
Und die Nachbarn stehn am Ort,
Die sich über das Wunder besprechen.
28. "Der selt'ne Beter"
Text by Heinrich Fitzau (1810-1859)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 141
Im Abendgolde glänzet zu Bärenburg das Schloß,
da hällt ein alter Schnurrbart mit seinem Kriegertroß.
Der Feldherr steigt vom Roße, tritt in sein Schloß hinein.
Man sagt, er hätt' gezittert. Weiß nicht, wohl könnt' es sein.
Im Sterben liegt die Tochter, die er geliebt vor Allen,
sie kann mit bleichen Lippen kaum
noch "mein Vater" lallen.
Sichtbar beweget faßt er die todeswelke Hand,
dann hat er still und schweigend zum Garten sich gewandt,
am abgeschiednen Orte, da will er einsam beten,
will mit gebeugten Knieen vor Gott, den Vater treten:
"Du alter Feldherr droben, der größ're Heer führt,
als ich in meinem Leben zusammen kommandiert,
viel Schufte kommen vor dich mit feinem Rednerschwalle,
doch mein' ist nicht studiert
mit schönen Klang und Falle.
Im Sturme von Torino, im Kesseldorfer Drange
bin ich dir nicht gekommen, heut' ist mir gar zu bange;
du aber, du verstehest, was Vaterschmerzen sind,
komm' auch so bald nicht wieder!
Laß mir mein liebes Kind."
Nun schreitet er zum Schloße, vom Glauben aufgerichtet.
Die Tochter ist verschieden, da steht er wie vernichtet!
Man sagt, es sei ihm murmelnd noch dieses Wort entfahren:
"wär' Gott zu mir gekommen, wär' nicht so hart verfahren."
29. "Der Traum der Wittwe", eine arabische Legende
Text by Friedrich Rückert (1788-1866)
Music by Johann Karl Gottfried Loewe, op. 142
In Basra eine Wittwe war
Mit ihren beiden Söhnen,
Sie zog sie fromm von Jahr zu Jahr
Zum Guten und zum Schönen.
Einst schlief sie in Gedanken ein
An ihres Hauses Segen,
Da trat der jüngste von den zwei'n
Ihr aus dem Traum entgegen.
Sprach: "Mütterchen, wir haben da
Das Zicklein bei der Alten,
Das überwächst die Mutter ja,
Wenn wir's noch länger halten.
Es saugt ihr ganz das Euter aus,
Drum, eh' sie uns versiege,
Schlacht' ich das Zicklein in das Haus,
Und melke du die Ziege."
Die Mutter sprach: "Es ist wohl wahr,
Ich will es dir erlauben."
Im Traum war alles ihr so klar,
Sie konnte wach sich glauben.
Da ging der Sohn, das Messer nahm
Er aus dem Schrank und schliff es,
Ging dann damit zum Stall und kam
Zum Zicklein und ergriff es,
Und schlachtet' es und brühet' es,
Und schob es wohl berathen
Zum Ofen ein, und glühet' es,
Und zog's heraus gebraten.
Die Mutter prüft' im Traum und Duft,
Daß nichts war dran vergessen.
Darauf er seinen Bruder ruft;
Sie setzen sich und essen.
Da sagt ihr ältster Sohn ein Wort,
Das sie nicht mehr verstehet,
Worauf zu ihm der jünge dort
Her mit dem Messer gehet.
Und bohrt ihm's Messer in den Leib,
Daß er vom Blute rauchet.
Vom Traum erwacht das arme Weib,
In Schweiß vor Angst getauchet.
Es fällt durchs Dach des Morgens Schein
Und dämmert schon im Raume,
Und wirklich tritt ihr Sohn herein,
Ihr jüngster, wie im Traume,
Spricht: "Mütterchen, wir haben da
Das Zicklein bei der Alten,
Das überwächst die Mutter ja,
Wenn wir's noch länger halten.
Es saugt ihr ganz das Euter aus,
Drum, eh' sie uns versiege,
Schlacht' ich das Zicklein in das Haus,
Und melke du die Ziege."
Die Mutter spricht: "Das ist wohl wahr,
Ich will es dir erlauben."
Da werden ihr die Bilder klar,
Daß sie den Sinn ihr rauben.
Hin geht der Sohn, das Messer nimmt
Er aus dem Schrank und schleift es:
Dem ältern Bruder ist's bestimmt,
Die Schaudernde begreift es:
Vom Lager sie sich raffen will,
Die Glieder doch versagen den Dienst,
Und wieder hält sie still
Ohnmächtiges Verzagen.
Sie sinkt in Schlaf zurück und ruft
Laut des Propheten Namen.
Er selber tritt aus Wolkenduft
Und spricht: "In Gottes Namen!
Was wirret dich?" Da giebt sie ganz
Ihr Leid ihm in Verwahrung.
Er wendet sich im Morgenglanz,
Und spricht: "Traumoffenbarung!"
Da tritt aus aufgethaner Wand
Ein Weib hervor, ein holdes,
Durchwirkt ihr Haar und ihr Gewand
Von Sternen reinen Goldes.
Er sprach zu ihr: "Was nahmst du vor
Mit dieser armen Frommen?"
Sie sprach: "Bei Gott, der dich erkor,
Ich bin ihr nicht gekommen."
Sie schwebt davon, er aber ruft
Zur Wand: "O Traumverwirrung!"
Ein unhold Weib tritt aus der Kluft
Mit falschen Schmuck's Umflirrung.
Er spricht zu ihr: "Was wolltest du
Mit dieser frommen Alten?"
Sie spricht: "Verstören ihre Ruh
Mit falschen Schreck gestalten."
Er spricht: "Geh hin, ich zürne nicht,
Du thatest nur das Deine.
Doch du o Weib, im hellen Licht
Erwache frei vom Scheine.
Geschlachtet ist das Zicklein schon,
Die Söhne sind im Frieden
Beim Schmaus und haben dir davon
Den besten Theil beschieden."
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