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Lieder’s Composers
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Arnold Schönberg

(1874 - 1951)

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The Lieder of Arnold Schönberg


Lieder – index:


op.? Am Strande
op.?? Gedenken
op.??? Im Fliederbusch ein Vöglein saß
op.???? Mailied
 
op. 1.
no. 1. Dank
no. 2. Abschied
 
op. 2.
no. 1. Erwartung
no. 2. Schenk mir deinen goldenen Kamm
no. 3. Erhebung
no. 4. Waldsonne
 
op. 3.
no. 1. Wie Georg von Frundsberg von sich selber sang
no. 2. Die Aufgeregten
no. 3. Warnung
no. 4. Hochzeitslied
no. 5. Geübtes Herz
no. 6. Freihold

op. 4. Verklärte Nacht
 
op. 6.
no. 1. Traumleben
no. 2. Alles
no. 3. Mädchenlied
no. 4. Verlassen
no. 5. Ghasel
no. 6. Am Wegrand
no. 7. Lockung
no. 8. Der Wanderer
 
op. 12
no. 1. Jane Grey
no. 2. Der verlorene Haufen
 
op. 14.
no. 1. Ich darf nicht dankend
no. 2. In diesen Wintertagen
 
op. 15. Das Buch der hängenden Gärten (song cycle)
 
op. 48
no. 1. Sommermüd
no. 2. Tot
no. 3. Mädchenlied
 
aa) "Brettl-Lieder"
a) Galathea
b) Gigerlette
c) Der genügsame Liebhaber
d) Einfältiges Lied
e) Mahnung
f) Jedem das Seine
g) Arie aus dem Spiegel von Arcadien
 
bb) "Deutsche Volkslieder"
a) Der Mai tritt ein mit Freuden
b) Es gingen zwei Gespielen gut
c) Mein Herz ist mir gemenget
d) Mein Herz in steten Treuen
 
cc) "Gurrelieder"
I.
II.
III. Die wilde Jagd
IV. Des Sommerwindes wilde Jagd
 
dd) "7 frühe Lieder"
a) Mein Herz das ist ein tiefer Schacht
b) Mädchenlied
c) Mädchenfrühling
d) Waldesnacht
e) Nicht doch!
f) Mannesbangen
g) Deinem Blick mich zu bequemen
 
ee) "Pierrot Lunaire"

op.? "Am Strande"
 
 
Text by Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Music by Arnold Schoenberg, 1907-9

Vorüber die Flut.
Noch braust es fern.
Wild Wasser und oben
Stern an Stern.
 
Wer sah es wohl,
O selig Land,
Wie dich die Welle
Überwand.
 
Noch braust es fern.
Der Nachtwind bringt
Erinnerung und eine Welle
Verlief im Sand.

Op.?? "Gedenken"
 
 
Text by Anonymous
Music by Arnold Schoenberg, op. posth.

Es steht sein Bild noch immer da:
Auf seine Züge hingemalt
Manch Seufzer ward und manch Gebet.
Das Schicksal weigerte sein Ja.
 
Die Lampe brennt, ich bin allein.
Die Uhr nur hör' ich an der Wand.
Wie viel des Kummers kann gebannt
In eine kleine Stube sein!

Op.??? "Im Fliederbusch ein Vöglein saß"
 
 
Text by Robert Reinick (1805-1852)
Music by Arnold Schoenberg, "Im Fliederbusch ein Vöglein saß" (189-?)
 
See also:

Carl (Heinrich Carsten) Reinecke (1824-1910), "Zwiegesang", from Kinderlieder
Ludwig Spohr (1784-1859), "Zwiegesang", op. 103, from Sechs deutsche Lieder für eine
Singstimme, Klarinette und Klavier, no. 2

Im Fliederbusch ein Vöglein saß
In der stillen, schönen Maiennacht,
Darunter ein Mägdlein im hohen Gras
In der stillen, schönen Maiennacht.
 
Sang Mägdlein, hielt das Vöglein Ruh,
Sang Vöglein, hört das Mägdlein zu,
Und weithin klang der Zwiegesang
Das mondbeglänzte Tal entlang.
 
Was sang das Vöglein im Gezweig
Durch die stille, schöne Maiennacht?
Was sang doch wohl das Mägdlein gleich
Durch die stille, schöne Maiennacht?
 
Von Frühlingssonne das Vögelein,
Von Liebeswonne das Mägdelein;
Wie der Gesang zum Herzen drang,
Vergeß ich nimmer mein Lebelang.

Op.???? "Zwischen Waizen und Korn"
 
 
Text by Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Music by Arnold Schoenberg, "Mailied" (189-?)
 
See also: 

Robert Franz (1815-1892), op. 33 no. 3, "Mailied", published 1864
Nikolai Karlovich Medtner (1880-1951), op. 6 no. 2, "Mailied" (singable in Russian and German)
Hugo Wolf (1860-1903), op. 13 no. 3, "Mailied" (1876)
Karl Friedrich Zelter (1758-1832), "Wo gehts Liebchen?" (1810)
Alexander Zemlinsky (1871-1942), op. 2, i, 5 "Mailied" (1894-6)

Zwischen Waizen und Korn,
Zwischen Hecken und Dorn,
Zwischen Bäumen und Gras,
Wo gehts Liebchen? Sag mir das.
 
Fand mein Holdchen nicht daheim.
Muß das Goldchen draußen sein.
Grünt und blühet schön der Mai,
Liebchen ziehet froh und frei.
 
An dem Felsen beim Fluß,
Wo sie reichte den Kuß,
Jenen erste[n] im Gras, seh ich etwas,
Ist sie das? [Das ist sie, das!]

Op.1 no.1 "Dank"
 
 
Text by Karl von Levetzow (1871-1945)
Music by Arnold Schoenberg, op.1 no.1

Großes hast du mir gegeben in jenen Hochstunden,
Die für uns bestehen im Zeitlosen.
Großes hast du mir gegeben: ich danke dir!
 
Schönheit schenkten wir uns im stets Wachsenden,
Was ich mir vorbehielt im Raumlosen.
Schönheit schenkten wir uns: ich danke dir!
 
Ungewollt schufst du mir noch das Gewaltigste,
Schufst mir das Niegeahnte: den schönen Schmerz!
Tief in die Seele bohrtest du mir
Ein finsteres Schwertweh.
Dumpf nächtig trennend
Und dennoch hell winterlich leuchtend.
 
Schön! dreifach schön! denn von dir kam es ja!
Ungewollt schufst du mir noch das Gewaltigste,
Schufst mir das Niegeahnte: ich danke dir!

Op.1 no.2 "Abschied"
 
 
Text by Karl von Levetzow (1871-1945)
Music by Arnold Schoenberg, op.1 no.2

Aus den Trümmern einer hohen Schönheit
Laß mich bauen einen tiefen Schmerz.
Weinen laß mich aus den tiefsten Schmerzen
Eine Träne, wie nur Männer weinen.
Und dann geh!
 
Und nimm noch ein Gedenken heißer Liebe,
Freudig dir geschenkt;
Ewig mein bleibt, was du mir gelassen;
Meiner Wehmut sternloses Dunkel.
Und dann geh!
 
Und laß mich stumm erstarren;
Du zieh fürder deine helle Bahn,
Stern der Sterne! frage nicht nach Leichen!
 
Sieh', mir naht der hehr'ste Göttertröster,
Meine selbstgebor'ne Urgewalt.
Tief in mir die alte Nacht der Nächte
Weitet sich zur großen Weltumnachtung.
Der Alleinheit schwere Trümmer,
Schmerzen wachsen, wachsen zur Unendlichkeit.
 
Sieh! Ich selber werde Nacht und Schönheit.
Allumfassend unbegrenztes Weh!
Ziehe weiter, heller Stern der Sterne.
Unerkannt, wie meine große Liebe;
 
Dunkel schweigend, wie die großen Schmerzen,
Wo du wendest, wo du siegend leuchtest,
Stets umwogt dich meine große Nacht!

Op.2 no.1 "Erwartung"
 
 
Text by Richard Fedor Leopold Dehmel (1863-1920)
Music by Arnold Schoenberg, op.2 no.1 (1899)

Aus dem meergrünen Teiche
Neben der roten Villa
Unter der toten Eiche
Scheint der Mond.
 
Wo ihr dunkles Abbild
Durch das Wasser greift,
Steht ein Mann und streift
Einen Ring von seiner Hand.
 
Drei Opale blinken;
Durch die bleichen Steine
Schwimmen rot und grüne
Funken und versinken.
 
Und er küßt sie, und
Seine Augen leuchten
Wie der meergrüne Grund:
Ein Fenster tut sich auf.
 
Aus der roten Villa
Neben der toten Eiche
Winkt ihm eine bleiche
Frauenhand.

Op.2 no.2 "Schenk mir deinen goldenen Kamm"
 
 
Text by Richard Fedor Leopold Dehmel (1863-1920)
Music by Arnold Schoenberg, op.2 no.2 (1899)

Schenk mir deinen goldenen Kamm;
Jeder Morgen soll dich mahnen,
Daß du mir die Haare küßtest.
Schenk mir deinen seidenen Schwamm;
Jeden Abend will ich ahnen,
Wem du dich im Bade rüstest,
O Maria!
 
Schenk mir Alles, was du hast;
Meine Seele ist nicht eitel,
Stolz empfang ich deinen Segen.
Schenk mir deine schwerste Last:
Willst du nicht auf meinen Scheitel
Auch dein Herz, dein Herz noch legen,
Magdalena?

Op.2 no.3 "Erhebung"
 
 
Text by Richard Fedor Leopold Dehmel (1863-1920)
Music by Arnold Schoenberg, op.2 no. 3 (1899)
 
See also:

Erich J. Wolff (1874-1913), op. 8 no. 2, published 1907

Gib mir deine Hand,
Nur den Finger, dann
Seh ich diesen ganzen Erdkreis
Als mein Eigen an!
 
O, wie blüht mein Land,
Sieh dir's doch nur an!
Daß es mit uns über die Wolken
In die Sonne kann!

Op.2 no.4 "Waldsonne"
 
 
Text by Johannes Schlaf (1862-1941)
Music by Arnold Schoenberg, op.2 no. 4

In die braunen, rauschenden Nächte
Flittert ein Licht herein,
Grüngolden ein Schein.
 
Blumen blinken auf und Gräser
Und die singenden, springenden Waldwässerlein,
Und Erinnerungen.
 
Die längst verklungenen:
Golden erwachen sie wieder,
All deine fröhlichen Lieder.
 
Und ich sehe deine goldenen Haare glänzen,
Und ich sehe deine goldenen Augen glänzen
Aus den grünen, raunenden Nächten.
 
Und mir ist, ich läge neben dir auf dem Rasen
Und hörte dich wieder auf der glitzeblanken Syrinx
In die blauen Himmelslüfte blasen.
 
In die braunen, wühlenden Nächte
Flittert ein Licht,
Ein goldener Schein.

Op.3 no.1 "Wie Georg von Frundsberg von sich selber sang"
 
 
Text from Des Knaben Wunderhorn
Music by Arnold Schoenberg, op. 3 no. 1 (1899-1903)

Mein Fleiß und Müh hab ich nie gespart
Und allzeit gewahrt dem Herren mein;
Zum Besten sein schickt ich mich drein,
Gnad, Gunst verhofft, dochs Gemüt zu Hof
Verkehrt sich oft.
 
Wer sich zukauft, der lauft weit vor
Und kömmt empor, doch wer lang Zeit
Nach Ehren streit, muß dannen weit,
Das sehr mich kränkt, mein treuer Dienst
Bleibt unerkennt.
 
Kein Dank noch Lohn davon ich bring,
Man wiegt g'ring und hat mein gar
Vergessen zwar, groß Not, Gefahr
Ich bestanden han, was Freude soll
Ich haben dran?

Op.3 no.2 "Die Aufgeregten"
 
 
Text by Gottfried Keller (1819-1890)
Music by Arnold Schoenberg, op. 3 no. 2 (1899-1903)

Welche tiefbewegten Lebensläufchen,
Welche Leidenschaft, welch wilder Schmerz!
Eine Bachwelle und ein Sandhäufchen
Brachen gegenseitig sich das Herz!
 
Eine Biene summte hohl und stieß
Ihren Stachel in ein Rosendüftchen,
Und ein holder Schmetterling zerriß
Den azurnen Frack im Sturm der Mailüftchen!
 
Und die Blume schloß ihr Heiligtümchen
Sterbend über dem verspritzten Tau!
Welche tiefbewegten Lebensläufchen,
Welche Leidenschaft, welch wilder Schmerz!

Op.3 no.3 "Warnung"
 
 
Text by Richard Fedor Leopold Dehmel (1863-1920)
Music by Arnold Schoenberg, op. 3 no. 3 (1899-1903)

Mein Hund, du, hat dich bloß beknurrt,
Und ich hab' ihn vergiftet;
Und ich hasse jeden Menschen,
Der Zwietracht stiftet.
 
Zwei blutrote Nelken schick' ich dir,
Mein Blut du, an der einen eine Knospe;
Den dreien sei gut,
Du, bis ich komme.
 
Ich komme heute Nacht noch,
Sei allein, du!
Gestern, als ich ankam,
Starrtest du mit jemand ins Abendrot hinein!
Du: Denk an meinen Hund!

Op.3 no.4 "Hochzeitslied"
 
 
Text by Jens Peter Jacobsen (1847-1885)
Music by Arnold Schoenberg, op. 3 no. 4 (1899-1903)

So voll und reich wand noch das Leben
Nimmer euch seinen Kranz,
Und auf den Trauben spielt in kühnem
Schimmer der Hoffnung Glanz.
Im Laube welch ein Glüh'n des farbigen Saftes,
Und wie die Töne klar zusammenfließen!
Ergreift das Alles, schafft es,
Erlebt es im Genießen!
Der Jugend Allmacht kocht in eures Blutes
Feuriger Kraft,
Nach Taten drängt, nach Schöpfung freien Mutes
Der frische Saft.
So spannt denn eurer Welt tollkühne Bogen,
Die schlanken Säulen hebt zum Himmelzelt;
Füllt mit des Herzens Flammenwogen
Die neue Welt!

Op.3 no.5 "Geübtes Herz"
 
 
Text by Gottfried Keller (1819-1890)
Music by Arnold Schoenberg, op. 3 no. 5 (1899-1903)
 
See also: 

Felix Weingartner (1863-1942), op. 22 no. 1, published 1896

Weise nicht von dir mein schlichtes Herz,
Weil es schon so viel geliebet!
Einer Geige gleicht es, die geübet
Lang ein Meister unter Lust und Schmerz.
 
Und je länger er darauf gespielt,
Stieg ihr Wert zum höchsten Preise;
Denn sie tönt mit sichrer Kraft die Weise,
Die ein Kund'ger ihren Saiten stiehlt.
 
Also spielte manche Meisterin
In mein Herz die rechte Seele.
Nun ist's wert, daß man es dir empfehle,
Lasse nicht den köstlichen Gewinn!

Op.3 no.6 "Freihold"
 
 
Text by Hermann von Lingg (1820-1905)
Music by Arnold Schoenberg, op. 3 no. 6 (1899-1903)

Soviel Raben nachts auffliegen,
Soviel Feinde sind auf mich,
Soviel Herz an Herz sich schmiegen,
Soviel Herzen fliehen mich.
Ich steh allein, ja ganz allein,
Wie am Weg der dunkle Stein.
 
Doch der Stein, es gilt als Marke,
Wachend über Menschentun:
Daß dem Schwachen auch der Starke
Laß das Seine sicher ruh'n.
Wind und Regen trotzt der Stein,
Unzerstörbar und allein.
 
Wohl, so will auch ich vollenden,
Unrecht dämmen, bis es bricht.
Mag sein Gift der Neid verschwenden,
Mich erlegt er nicht;
Blitze, schreibet auf den Stein:
"Wer will frei sein, geh' allein!"

Op.4 "Verklärte Nacht"
 
 
Text by Richard Fedor Leopold Dehmel (1863-1920)
Music by Arnold Schoenberg, op. 4

Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain;
Der Mond läuft mit, sie schaun hinein.
Der Mond läuft über hohe Eichen
Kein Wölkchen trübt das Himmelslicht,
In das die schwarzen Zacken reichen.
Die Stimme eines Weibes spricht:
Ich trag ein Kind, und nit von Dir
ich geh in Sünde neben Dir.
Ich hab mich schwer an mir vergangen.
Ich glaubte nicht mehr an ein Glück
Und hatte doch ein schwer Verlangen
Nach Lebensinhalt, nach Mutterglück
Und Pflicht; da hab ich mich erfrecht,
Da liess ich schaudernd mein Geschlecht
Von einem fremden Mann umfangen,
Und hab mich noch dafür gesegnet.
Nun hat das Leben sich gerächt:
Nun bin ich Dir, o Dir begegnet.
Sie geht mit ungelenkem Schritt.
Sie schaut empor, der Mond läuft mit.
Ihr dunkler Blick ertrinkt in Licht.
Die Stimme eines Mannes spricht:
Das Kind, das Du empfangen hast,
sei Deiner Seele keine Last,
O sieh, wie klar das Weltall schimmert!
Es ist ein Glanz um Alles her,
Du treibst mit mir auf kaltem Meer,
Doch eine eigne Wärme flimmert
Von Dir in mich, von mir in Dich.
Die wird das fremde Kind verklären
Du wirst es mir, von mir gebären;
Du hast den Glanz in mich gebracht,
Du hast mich selbst zum Kind gemacht.
Er fasst sie um die starken Hüften.
Ihr Atem küsst sich in den Lüften.
Zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.

Op.6 no.1 "Traumleben"
 
 
Text by Julius Hart (1859-1930)
Music by Arnold Schoenberg, op. 6 no. 1 (1903-5)

Um meinen Nacken schlingt sich
Ein blütenweißer Arm.
Es ruht auf meinem Munde
Ein Frühling jung und warm.
 
Ich wandle wie im Traume,
Als wär mein Aug' verhüllt.
Du hast mit deiner Liebe
All' meine Welt erfüllt.
 
Die Welt scheint ganz gestorben,
Wir beide nur allein,
Von Nachtigall'n umklungen,
Im blühenden Rosenhain.

Op.6 no.2 "Alles"
 
 
Text by Richard Fedor Leopold Dehmel (1863-1920)
Music by Arnold Schoenberg, op. 6 no. 2 (1903-5)

Laß uns noch die Nacht erwarten,
Bis wir alle Sterne sehn;
Falt die Hände; in den harten
Steigen durch den stillen Garten
Geht das Heimweh auf den Zehn.
 
Geht und holt die Anemone,
Die du einst ans Herzchen drücktest,
Geht umklungen von dem Tone
Einst des Baums, aus dessen Krone
Du dein erstes Fernweh pflücktest.
 
Und du schüttelst aus den Haaren,
Was dir an der Seele frißt,
Selig Kind mit dreißig Jahren,
Alles sollst du noch erfahren,
Alles, was dir heilsam ist.

Op.6 no.3 "Mädchenlied"
 
 
Text by Paul Remer (1867-1943)
Music by Arnold Schoenberg, op. 6 no. 3 (1903-5)

Ach, wenn es nun die Mutter wüßt,
Wie du so wild mich hast geküßt,
Sie würde beten ohne Ende,
Daß Gott der Herr das Unglück wende.
 
Und wenn das mein Herr Bruder wüßt,
Wie du so wild mich hast geküßt,
Er eilte wohl mit Windesschnelle
Und schlüge dich tot auf der Stelle.
 
Doch wenn es meine Schwester wüßt,
Wie du so wild mich hast geküßt,
Auch ihr Herz würde in Sehnsucht schlagen
Und Glück und Sünde gerne tragen.

Op.6 no.4 "Verlassen"
 
 
Text by Hermann Conradi (1862-1890)
Music by Arnold Schoenberg, op. 6 no. 4 (1903-5)

Im Morgengrauen schritt ich fort -
Nebel lag in den Gassen...
In Qualen war mir das Herz verdorrt -
Die Lippe sprach kein Abschiedswort -
Sie stöhnte nur leise: Verlassen!
 
Kennst du das Marterwort?
Das frißt wie verruchte Schande!
In Qualen war mir das Herz verdorrt -
Im Morgengrauen ging ich fort -
Hinaus in die dämmernden Lande!
 
Entgegen dem jungen Maientag:
Das war ein seltsam Passen!
Mählich wurde die Welt nun wach -
Was war mir der prangende Frühlingstag!
Ich stöhnte nur leise: Verlassen!

Op.6 no.5 "Ich halte dich in meinem Arm"
 
 
Text by Gottfried Keller (1819-1890)
Music by Arnold Schoenberg, "Ghasel", op. 6 no. 5 (1903-1905)
 
See also: 

Othmar Schoeck (1886-1957), "Ich halte dich in meinem Arm", op. 38 no. 7 (1923), from Gaselen

Ich halte dich in meinem Arm,
Du hältst die Rose zart,
Und eine junge Biene tief
In sich die Rose hält.
 
So reihen wir uns perlenhaft
An einer Lebensschnur,
So freun wir uns, wie Blatt an Blatt
Sich an der Rose schart.
 
Und glüht mein Kuß auf deinem Mund,
So zuckt die Flammenspur
Bis in der Biene Herz,
Das sich dem Kelch der Rose paart.

Op.6 no.6 "Am Wegrand"
 
 
Text by John Henry Mackay (1864-1933)
Music by Arnold Schoenberg, op. 6 no. 6 (1903-1905)

Tausend Menschen ziehen vorüber,
Den ich ersehne, er ist nicht dabei!
Ruhlos fliegen die Blicke hinüber,
Fragen den Eilenden, ob er es sei...
 
Aber sie fragen und fragen vergebens.
Keiner gibt Antwort: "Hier bin ich. Sei still."
Sehnsucht erfüllt die Bezirke des Lebens,
Welche Erfüllung nicht füllen will.
 
Und so steh ich am Wegrand-Strande,
Während die Menge vorüberfließt,
Bis erblindet vom Sonnenbrande
Mein ermüdetes Aug' sich schließt.

Op.6 no.7 "Lockung"
 
 
Text by Kurt Aram (Hans Fischer) (1869-1934)
Music by Arnold Schoenberg, op. 6 no. 7 (1903-1905)

Komm, komm mit nur einen Schritt!
Hab schon gegessen,
Will dich nicht fressen,
Komm, komm mit nur einen Schritt!
 
Kaum zwei Zehen weit noch zu gehen
Bis zu dem Häuschen,
Komm, mein Mäuschen,
Ei sieh da, da sind wir ja!
 
Hier in dem Eckchen
(Pst) nur kein Schreckchen,
Wie glüh'n deine Bäckchen,
Jetzt hilft kein Schrein,
Mein bist du, mein!

Op.6 no.8 "Der Wanderer"
 
 
Text by Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900)
Music by Arnold Schoenberg, op. 6 no. 8 (1903-1905)

Es geht ein Wand'rer durch die Nacht
Mit gutem Schritt;
Und krummes Tal und lange Höhn -
Er nimmt sie mit.
Die Nacht ist schön -
Er schreitet zu und steht nicht still,
Weiß nicht, wohin sein Weg noch will.
 
Da singt ein Vogel durch die Nacht.
"Ach Vogel, was hast du gemacht!
Was hemmst du meinen Sinn und Fuß
Und gießest süßen Herz-Verdruß
In's Ohr mir, daß ich stehen muß
Und lauschen muß -
Was lockst du mich mit Ton und Gruß?"
 
Der gute Vogel schweigt und spricht:
"Nein, Wandrer, nein! Dich lock' ich nicht
Mit dem Getön.
Ein Weibchen lock' ich von den Höhn -
Was geht's dich an?
Allein ist mir die Nacht nicht schön -
Was geht's dich an? Denn du sollst gehn
Und nimmer, nimmer stille stehn!
Was stehst du noch?
Was tat mein Flötenlied dir an,
Du Wandersmann?"
 
Der gute Vogel schwieg und sann:
"Was tat mein Flötenlied ihm an?
Was steht er noch?
Der arme, arme Wandersmann!"

Op.12 no.1 "Jane Grey"
 
 
Text by Heinrich Ammann (1864-??)
Music by Arnold Schoenberg, op. 12 no. 1 (1907)

Sie führten ihn durch den grauen Hof,
Daß ihm sein Spruch gescheh';
Am Fenster stand sein junges Gemahl,
Die schöne Königin Grey.
 
Sie bog ihr Köpfchen zum Fenster heraus,
Ihr Haar erglänzte wie Schnee;
Er hob die Fessel klirrend auf
Und grüßte sein Weib Jane Grey.
 
Und als man den Toten vorüber trug,
Sie stand damit sie ihn seh';
Drauf ging sie freudig denselben Gang,
Die junge Königin Grey.
 
Der Henker, als ihm ihr Antlitz schien,
Er weinte laut auf vor Weh,
Dann eilte nach in die Ewigkeit
Dem Gatten Königin Grey.
 
Viel junge Damen starben schon
Vom Hochland bis zur See,
Doch keine war schöner und keuscher noch
Als Dudley's Weib Jane Grey.
 
Und wenn der Wind in den Blättern spielt
Und er spielt in Blumen und Klee,
Dann flüsterts noch oft vom frühen Tod
Der jungen Königin Grey.

Op.12 no.2 "Der verlorene Haufen"
 
 
Text by Viktor Klemperer (1881-1960)
Music by Arnold Schoenberg, op. 12 no. 2 (1907)

Trinkt aus, ihr zechtet zum letzenmal,
Nun gilt es Sturm zu laufen;
Wir stehn zuvorderst aus freier Wahl,
Wir sind der verlorne Haufen.
 
Wer länger nicht mehr wandern mag,
Wes Füße schwer geworden,
Wem zu grell das Licht, wem zu laut der Tag,
Der tritt in unsern Orden.
 
Trinkt aus, schon färbt sich der Osten fahl,
Gleich werden die Büchsen singen,
Und blinkt der erste Morgenstrahl,
So will ich mein Fähnlein schwingen.
 
Und wenn die Sonne im Mittag steht,
So wird die Bresche gelegt sein;
Und wenn die Sonne zur Rüste geht,
Wird die Mauer vom Boden gefegt sein.
 
Und wenn die Nacht sich niedersenkt,
Sie raffe den Schleier zusammen,
Daß sich kein Funke drin verfängt
Von den lodernden Siegesflammen!
 
Nun vollendet der Mond den stillen Lauf,
Wir sehn ihn nicht verbleichen.
Kühl zieht ein neuer Morgen herauf -
Dann sammeln sie unsere Leichen.

Op.14 no.1 "Ich darf nicht dankend"
 
 
Text by Stefan George (1868-1933)
Music by Arnold Schoenberg, op. 14 no. 1, "In diesen Wintertagen" (1907/8)

Ich darf nicht dankend an dir niedersinken.
Du bist vom geist der flur aus der wir stiegen:
Will sich mein trost an deine wehmut schmiegen,
So wird sie zucken um ihm abzuwinken.
 
Verharrst du bei dem quälenden beschlusse,
Nie deines leides nähe zu gestehen,
Und nur mit ihm und mir dich zu ergehen
Am eisigklaren tief-entschlafnen flusse?

Op.14 no.2 "In diesen Wintertagen, nun sich das Licht verhüllt"
 
 
Text by Karl Friedrich Henckell (1864-1929)
Music by Arnold Schoenberg, op. 14 no. 2, "In diesen Wintertagen" (1908)
 
See also:

Richard Strauss (1864-1949), op. 48 no. 4, "Winterweihe" (1900)

In dieser Wintertagen,
Nun sich das Licht verhüllt,
Laß uns im Herzen tragen,
Einander traulich sagen,
Was uns mit innerm Licht erfüllt.
 
Was milde Glut entzündet,
Soll brennen fort und fort,
Was Seelen zart verbündet,
Und Geisterbrücken gründet,
Sei unser leises Losungswort.
 
Das Rad der Zeit mag rollen,
Wir greifen kaum hinein,
Dem Schein der Welt verschollen,
Auf unserm Eiland wollen
Wir Tag und Nacht der sel'gen Liebe weih'n

Op.15 "Das Buch der hängenden Gärten"
 
 
Text by Stefan George (1868-1933)
Music by Arnold Schoenberg, op. 15 (1908-9)

a)
 
Unterm schutz von dichten blättergründen,
Wo von sternen feine flocken schneien,
Sachte stimmen ihre leiden künden,
Fabeltiere aus den braunen schlünden
Strahlen in die marmorbecken speien,
Draus die kleinen bäche klagend eilen:
Kamen kerzen das gesträuch entzünden,
Weisse formen das gewässer teilen.

b)
 
Hain in diesen paradiesen
Wechselt ab mit blütenwiesen,
Hallen, buntbemalten fliesen,
Schlanker störche schnäbel kräuseln
Teiche, die von fischen schillern,
Vögel-reihen matten scheines
Auf den schiefen firsten trillern
Und die goldnen binsen säuseln -
Doch mein traum verfolgt nur eines.

c)
 
Als neuling trat ich ein in dein gehege;
Kein staunen war vorher in meinen mienen,
Kein wunsch in mir, eh ich dich blickte, rege.
Der jungen hände faltung sieh mit huld,
Erwähle mich zu denen, die dir dienen
Und schone mit erbarmender geduld
Den, der noch strauchelt auf so fremdem stege.

d)
 
Da meine lippen reglos sind und brennen,
Beacht ich erst, wohin mein fuss geriet:
In andrer herren prächtiges gebiet.
Noch war vielleicht mir möglich, mich zu trennen;
Da schien es, daß durch hohe gitterstäbe
Der blick, vor dem ich ohne lass gekniet,
Mich fragend suchte oder zeichen gäbe.

e)
 
Saget mir, auf welchem pfade
Heute sie vorüberschreite -
Daß ich aus der reichsten lade
Zarte seidenweben hole,
Rose pflücke und viole,
Daß ich meine wange breite,
Schemel unter ihrer sohle.

f)
 
Jedem werke bin ich fürder tot.
Dich mir nahzurufen mit den sinnen,
Neue reden mit dir auszuspinnen,
Dienst und lohn, gewährung und verbot,
Von allen dingen ist nur dieses rot
Und weinen, daß die bilder immer fliehen,
Die in schöner finsternis gediehen -
Wann der kalte klare morgen droht.

g)
 
Angst und hoffen wechselnd mich beklemmen,
Meine worte sich in seufzer dehnen,
Mich bedrängt so ungestümes sehnen,
Daß ich mich an rast und schlaf nicht kehre,
Daß mein lager tränen schwemmen,
Daß ich jede freude von mir wehre,
Daß ich keines freundes trost begehre.

h)
 
Wenn ich heut nicht deinen leib berühre,
Wird der faden meiner seele reissen
Wie zu sehr gespannte sehne.
Liebe zeichen seien trauerflöre
Mir, der leidet, seit ich dir gehöre.
Richte, ob mir solche qual gebühre,
Kühlung sprenge mir, dem fieberheissen,
Der ich wankend draussen lehne.

i)
 
Streng ist uns das glück und spröde,
Was vermocht ein kurzer kuss?
Eines regentropfens guss
Auf gesengter bleicher öde,
Die ihn ungenossen schlingt,
Neue labung missen muss
Und vor neuen gluten springt.

j)
 
Das schöne beet betracht ich mir im harren,
Es ist umzäunt mit purpurn-schwarzem dorne,
Drin ragen kelche mit geflecktem sporne
Und sammtgefiederte, geneigte farren
Und flockenbüschel, wassergrün und rund
Und in der mitte glocken, weiss und mild -
Von einem odem ist ihr feuchter mund
Wie süsse frucht vom himmlischen gefild.

k)
 
Als wir hinter dem beblümten tore
Endlich nur das eigne hauchen spürten,
Warden uns erdachte seligkeiten?
Ich erinnere, daß wie schwache rohre
Beide stumm zu beben wir begannen
Wenn wir leis nur an uns rührten
Und daß unsre augen rannen -
So verbliebest du mir lang zu seiten.

l)
 
Wenn sich bei heilger ruh in tiefen matten
Um unsre schläfen unsre hände schmiegen,
Verehrung lindert unsrer glieder brand:
So denke nicht der ungestalten schatten,
Die an der wand sich auf und unter wiegen,
Der wächter nicht, die rasch uns scheiden dürfen
Und nicht, daß vor der stadt der weisse sand
Bereit ist, unser warmes blut zu schlürfen.

m)
 
Du lehnest wider eine silberweide
Am ufer, mit des fächers starren spitzen
Umschirmest du das haupt dir wie mit blitzen
Und rollst, als ob du spieltest dein geschmeide.
Ich bin im boot, das laubgewölbe wahren,
In das ich dich vergeblich lud zu steigen...
Die weiden seh ich, die sich tiefer neigen
Und blumen, die verstreut im wasser fahren.

n)
 
Sprich nicht immer
von dem laub,
Windes raub,
Vom zerschellen
reifer quitten,
Von den tritten
Der verrichter
spät im jahr.
Von dem zittern
Der libellen
in gewittern
Und der lichter,
deren flimmer
wandelbar.

o)
 
Wir bevölkerten die abend-düstern
Lauben, lichten tempel, pfad und beet
Freudig - sie mit lächeln, ich mit flüstern -
Nun ist wahr, daß sie für immer geht.
Hohe blumen blassen oder brechen,
Er erblasst und bricht der weiher glas
Und ich trete fehl im morschen gras,
Palmen mit den spitzen fingern stechen.
Mürber blätter zischendes gewühl
Jagen ruckweis unsichtbare hände
Draußen um des edens fahle wände.
Die nacht ist überwölkt und schwül.

Op.48 no.1 "Sommermüd"
 
 
Text by Jakob Haringer (1883-1948)
Music by Arnold Schoenberg, op. 48 no. 1 (1933)

Wenn du schon glaubst,
Es ist ewige Nacht,
Hat dir plötzlich ein Abend
Wieder Küsse und Sterne gebracht.
 
Wenn du dann denkst
Es ist alles, alles vorbei,
Wird auf einmal wieder Christnacht
Und lieblicher Mai.
 
Drum dank Gott und sei still,
Daß du noch lebst und küßt:
Gar mancher hat ohne Stern
Sterben gemüßt.

Op.48 no.2 "Tot"
 
 
Text by Jakob Haringer (1883-1948)
Music by Arnold Schoenberg, op. 48 no. 2 (1933)

Ist alles eins,
Was liegt daran!
Der hat sein Glück,
Der seinen Wahn.
Was liegt daran!
Ist alles eins,
Der fand sein Glück
Und ich fand keins.

Op.48 no.3 "Mädchenlied"
 
 
Text by Jakob Haringer (1883-1948)
Music by Arnold Schoenberg, op. 48 no. 3 (1933)

Es leuchtet so schön die Sonne
Und ich muß müd' ins Büro;
Und ich bin immer so traurig,
Ich war schon lange nimmer froh.
 
Ich weiß nicht, ich kann's nicht sagen,
Warum mir immer so schwer;
Die anderen Mädchen alle
Gehn lächelnd und glücklich einher.
 
Vielleicht spring ich doch noch ins Wasser!
Ach, mir ist alles egal!
Kam doch ein Mädchenhändler
Und es war doch Sommer einmal!
 
Ich möcht' ins Kloster und beten
Für andre, daß ihnen besser geht
Als meinem armen Herzen;
Dem hilft kein Stern, kein Gebet!

aa) "Brettl-Lieder"
 
 
Texts by Frank Wedekind (1864-1918), Otto Julius Bierbaum ("Martin Möbius") (1865-1910), Hugo Salus (1866-1929), Gustav Hochstetter (1873-1944), Colly, and Emanuel Schikaneder (1751-1812)
 
Music by Arnold Schoenberg

a) Galathea
b) Gigerlette
c) Der genügsame Liebhaber
d) Einfältiges Lied
e) Mahnung
f) Jedem das Seine
g) Arie aus dem Spiegel von Arcadien

a) Galathea
 
Text by Frank Wedekind (1864-1918)
 
 
Ach, wie brenn' ich vor Verlangen, Galathea, schönes Kind,
Dir zu küssen deine Wangen, weil sie so entzückend sind.
Wonne die mir widerfahre, Galathea, schönes Kind,
Dir zu küssen deine Haare, weil sie so verlockend sind.
 
Nimmer wehr mir, bis ich ende, Galathea, schönes Kind,
Dir zu küssen deine Hände, weil sie so verlockend sind.
Ach, du ahnst nicht, wie ich glühe, Galathea, schönes Kind,
Dir zu küssen deine Knie, weil sie so verlockend sind.
 
Und was tät ich nicht, du süße Galathea, schönes Kind,
Dir zu küssen deine Füße, weil sie so verlockend sind.
Aber deinen Mund enthülle, Mädchen, meinen Küssen nie,
Denn in seiner Reize Fülle küsst ihn nur die Phantasie.

b) Gigerlette
 
Text by Otto Julius Bierbaum ("Martin Möbius") (1865-1910)
 
 
Fräulein Gigerlette lud mich ein zum Tee.
Ihre Toilette war gestimmt auf Schnee;
Ganz wie Pierrette war sie angetan.
Selbst ein Mönch, ich wette, sähe Gigerlette wohlgefällig an.
 
War ein rotes Zimmer, drin sie mich empfing,
Gelber Kerzenschimmer in dem Raume hing.
Und sie war wie immer Leben und Esprit.
Nie vergess ich's, nimmer: weinrot war das Zimmer, blütenweiss war sie.
 
Und im Trab mit Vieren fuhren wir zu zweit
In das Land spazieren, das heisst Heiterkeit.
Daß wir nicht verlieren Zügel, Ziel und Lauf,
saß bei dem Kutschieren mit den heissen Vieren Amor hinten auf.

c) Der genügsame Liebhaber
 
Text by Hugo Salus (1866-1929)
 
 
Meine Freundin hat eine schwarze Katze
Mit weichem knisterndem Sammetfell,
Und ich, ich hab' eine blitzblanke Glatze,
Blitzblank und glatt und silberhell.
 
Meine Freundin gehört zu den üppigen Frauen,
Sie liegt auf dem Divan das ganze Jahr,
Beschäftigt das Fell ihrer Katze zu krauen,
Mein Gott ihr behagt halt das sammtweiche Haar.
 
Und komm' ich am Abend die Freundin besuchen,
So liegt die Mieze im Schoße bei ihr,
Und nascht mit ihr von dem Honigkuchen
Und schauert, wenn ich leise ihr Haar berühr.
 
Und will ich mal zärtlich thun mit dem Schatze,
Und daß sie mir auch einmal "Eitschi" macht,
Dann stülp' ich die Katze auf meine Glatze,
Dann streichelt die Freundin die Katze und lacht.

d) Einfältiges Lied
 
Text by Hugo Salus (1866-1929)
 
 
König ist spazieren gangen,
Bloß wie ein Mensch spazieren gangen,
Ohne Szepter und ohne Kron',
Wie ein gewöhnlicher Menschensohn.
 
Ist ein starker Wind gekommen,
Ganz gewöhnlicher Wind gekommen,
Ohne Ahnung, wer das wär',
Fällt er über den König her.
 
Hat ihm den Hut vom Kopf gerissen,
Hat ihn über's Dach geschmissen,
Hat ihn nie mehr wiedergesehn!
 
Seht ihr's!
Da habt ihr's!
Das sag' ich ja!
Treiben gleich Allotria!
Es kann kein König ohne Kron',
Wie ein gewöhnlicher Menschensohn
Unter die dummen Leute gehn!

e) Mahnung
 
Text by Gustav Hochstetter (1873-1944)
 
 
Mädel sei kein eitles Ding,
Fang dir keinen Schmetterling,
Such dir einen rechten Mann,
Der dich tüchtig küssen kann
Und mit seiner Hände Kraft,
Dir ein warmes Nestchen schafft.
 
Mädel, Mädel, sei nicht dumm,
Lauf nicht wie im Traum herum,
Augen auf! ob Einer kommt,
Der dir recht zum Manne taugt.
Kommt er, dann nicht lang bedacht!
Klapp! die Falle zugemacht.
 
Liebes Mädel sei gescheit,
Nütze deine Rosenzeit!
Passe auf und denke dran,
Daß du, wenn du ohne Plan
Ziellos durch das Leben schwirrst,
Eine alte Jungfer wirst.
 
Liebes Mädel sei gescheit,
Nütze deine Rosenzeit.
Passe auf und denke dran!
Denk daran.

f) Jedem das Seine
 
Text by Colly
 
 
Ebenes Paradefeld
Kasper in der Mitte hält
Hoch auf seinem Gaul.
König, Herzog um ihn 'rum,
Gegenüber Publicum,
Regimenter bum bum bum.
Das marschiert nicht faul.
 
Luft sich voller Sonne trinkt,
Helm und Bayonett das blinkt,
Sprüht und gleisst und glänzt.
Schattiger Tribünensitz,
Bravo! Hurrah! Ulk und Witz.
Operngläser Augenblitz.
Hin und her scharwenzt.
 
Neben mir -wer mag das sein,
Reizend- nicht so furchtbar fein,
Doch entzückend schick.
Wird man kritisch angeschaut,
Heimlich ist man doch erbaut,
Und die Hüfte sehr vertraut
kuppelt die Musik.

g) Arie aus dem Spiegel von Arcadien
 
Text by Emanuel Schikaneder (1751-1812)
 
 
Seit ich so viele Weiber sah,
Schlägt mir mein Herz so warm,
Es summt und brummt mir hier und da,
Als wie ein Bienenschwarm.
Und ist ihr Feuer meinem gleich,
Ihr Auge schön und klar,
So schlaget wie der Hammerstreich
Mein Herzchen immerdar.
Bum, bum, bum.
 
Ich wünschte tausend Weiber mir,
wenn's recht den Göttern wär;
da tanzt ich wie ein Murmelthier
in's Kreuz und in die Quer.
Das wär ein Leben auf der Welt,
da wollt' ich lustig seyn,
ich hüpfte wie ein Haas durch's Feld,
und's Herz schlüg immerdrein.
Bum, bum, bum.
 
Wer Weiber nicht zu schätzen weiss;
ist weder kalt noch warm,
und liegt als wie ein Brocken Eis
in eines Mädchens Arm.
Da bin ich schon ein andrer Mann,
ich spring' um sie herum;
mein Herz klopf froh an ihrem an
und machet : bum, bum bum.

bb) "Deutsche Volkslieder"
 
 
Texts: Volkslieder
Music by Arnold Schoenberg, 1930

a) Der Mai tritt ein mit Freuden
b) Es gingen zwei Gespielen gut
c) Mein Herz ist mir gemenget
d) Mein Herz in steten Treuen

a) Der Mai tritt ein mit Freuden
 
Volkslied, vor 1545
 
 
Der Mai tritt ein mit Freuden,
Hinfährt der Winter kalt;
Die Blümlein auf der Heiden
Blühen gar mannigfalt.
 
Ein edles Röslein zarte
Von roten Farben schön
Blüht in meins Herzens Garten;
Für all Blümlein ichs krön.
 
Für Silber und rot Golde
Für Perlen, Edelstein
Bin ich dem Röslein holde,
Nichts Liebers mag mir sein.
 
Ach Röslein, sei mein Wegewart,
Freundlichen ich dich bitt;
Mein Holderstock zu aller Fahrt,
Dazu Vergiß mein nicht!

b) Es gingen zwei Gespielen gut
 
Volkslied, vor 1540
 
 
Es gingen zwei Gespielen gut
Wohl übr ein Au, war grüne;
Die eine führt ein frischen Mut,
Die andre trauret sehre.
 
"Gespiele, liebste Gspiele mein,
Was traurest du so sehre?"
"Wir zwei, wir han ein Knaben lieb;
Draus könn'n wir uns nit teilen.
 
Und han wir zwei ein Knaben lieb,
Hilf Gott, was soll draus werden?
So nimm du meines Vaters Gut,
Dazu mein Bruder zu eigen!
 
Der Knab untr einer Linden stund,
Er höet der Red ein Ende.
"Hilf, reicher Christ im Himmel hoch,
Zu welcher soll ich mich wenden?
 
Ich will die Reiche fahren lan,
Will bhalten die Säuberliche.
Wir zwei, wir sind noch jung und stark,
Groß Gut wolln wir erwerben."
 
Gab ihr von Gold ein Ringelein
An ihr schneeweißen Hände:
"Sieh da, du feins brauns Mägdelein,
Von dir will ich nit wenden."

c) Mein Herz ist mir gemenget
 
Volkslied, 15. Jahrhundert
 
 
Mein Herz ist mir gemenget,
Aus Lieb und Leid gemischt,
Untreu mich hart bedränget,
Daß mir mein Freud erlischt.
 
Ich weiß nicht,
Ob hin oder her,
Wie ichs auch kehr,
So tut mich Trauren quälen.
 
Je längr je mehr bin ich verirrt
Und kann es nicht abwenden;
Ich weiß nicht, was sie also stört,
Ihr Freundschaft gar zu enden.
 
Das zeigte ihr Gebaren klar,
So schwer mirs war;
Sie will mir untreu werden.
 
Gar zornig kehrt sie mir den Rück,
Ihr Freundschaft muß ich meiden.
Wär ich so stark als d'Prager Bruck,
Ich könnt es nicht erleiden.
 
Ihr Untreu gibt mir wenig Freud;
Ach käm die Zeit,
Daß ich kann solches rächen!

d) Mein Herz in steten Treuen
 
Volkslied, 15. Jahrhundert
 
 
Mein Herz in steten Treuen,
Voll Hoffnung auf sie was,
Da sie mein Freud tut neuen
Heut und je längr je baß.
 
Ihr Lieb hat mich umfangen,
Wohin ich mich auch kehrt;
Nach ihr steht mein Verlangen;
All Sorge wär vergangen,
Hätt sie mir Gunst gewährt.
 
So bin ich sehr verführet
Durch ihre klugen Wort,
Mein Herz ohn Zweifel spüret,
Daß sie die Wahrheit spart.
 
Zu mir ohn mein Verschulden,
Zwar ich es nie gedacht;
Es kommt von fremden Schulden,
Sollt ich Ungnade dulden,
Ich hätts in kleiner Acht.
 
Wie sie mir tat versprechen
Mit ihrem roten Mund,
Wollt sie ihr Lieb nit schwächen;
Das tat sie wieder kund.
 
Darnach steht mein Beginnen
Und auch mein steter Mut;
Ich hoff, mir solls gelingen,
Die Zeit wohl hinzubringen,
Bis sie mein'n Willen tut.

cc) "Gurrelieder"
 
 
Text by Robert Franz Arnold (1872-1938), after the Danish of Jens Peter Jacobsen (1847-1885)
 
Music by Arnold Schoenberg

I.
II.
III. Die wilde Jagd
IV. Des Sommerwindes wilde Jagd

I.
 
Waldemar:
Nun dämpft die Dämm'rung
jeden Ton von Meer und Land,
Die fliegenden Wolken
lagerten sich wohlig
am Himmelsrand.
Lautloser Friede schloß dem Forst
die luftigen Pforten zu,
und des Meeres klare Wogen
wiegten sich selber zur Ruh.
Im Westen wirft die Sonne
von sich die Purpurtracht
und träumt im Flutenbette
des nächsten Tages Pracht.
Nun regt sich nicht
das kleinste Laub
in des Waldes prangendem Haus;
nun tönt auch nicht
der leiseste Klang:
Ruh' aus, mein Sinn, ruh' aus!
Und jede Macht ist versunken
in der eignen Träume Schoß,
und es treibt mich zu mir
selbst zurück,
stillfriedlich, sorgenlos.
 
Tove:
Oh, wenn des Mondes Strahlen
leise gleiten,
und Friede sich und Ruh
durchs All verbreiten,
nicht Wasser dünkt mich dann
des Meeres Raum,
und jener Wald scheint nicht
Gebüsch und Baum.
Das sind nicht Wolken,
die den Himmel schmücken,
und Tal und Hügel
nicht der Erde Rücken,
und Form und Farbenspiel,
nur eitle Schäume,
und alles Abglanz nur
der Gottesträume.
 
Waldemar:
Roß! Mein Roß!
Was schleichst du so träg!
Nein, ich seh's, es flieht der Weg
hurtig unter der Hufe Tritten.
Aber noch schneller mußt du eilen,
bist noch in des Waldes Mitten,
und ich wähnte, ohn' Verweilen
sprengt' ich gleich in Gurre ein.
Nun weicht der Wald,
schon seh' ich dort die Burg,
die Tove mir umschließt,
Indes im Rücken uns der Forst
zu finstrem Wall zusammenfließt;
aber noch weiter jage du zu!
Sieh! Des Waldes Schatten dehnen
über Flur sich weit und Moor!
Eh' sie Gurres Grund erreichen,
muß ich stehn vor Toves Tor.
Eh' der Laut, der jetzo klinget,
ruht, um nimmermehr zu tönen,
muß dein flinker Hufschlag, Renner,
über Gurres Brücke dröhnen;
eh' das welke Blatt -
dort schwebt es -,
mag herab zum Bache fallen,
muß in Gurres Hof dein Wiehern
fröhlich widerhallen!
Der Schatten dehnt sich,
der Ton verklingt,
nun falle, Blatt, magst untergehn:
Volmer hat Tove gesehn!
 
Tove:
Sterne jubeln, das Meer,
es leuchtet, preßt an die Küste
sein pochendes Herz,
Blätter, sie murmeln,
es zittert ihr Tauschmuck,
Seewind umfängt mich
in mutigem Scherz,
Wetterhahn singt,
und die Turmzinnern nicken,
Burschen stolzieren
mit flammenden Blicken,
wogende Brust voll üppigen Lebens
fesseln die blühenden
Dirnen vergebens,
Rosen, sie mühn sich,
zu spähn in die Ferne,
Fackeln, sie lodern
und leuchten so gerne,
Wald erschließt
seinen Bann zur Stell',
horch, in der Stadt nun
Hundegebel!
Und die steigenden Wogen
der Treppe tragen zum Hafen
den fürstlichen Held,
bis er auf alleroberster Staffel
mir in die offenen Arme fällt.
 
Waldemar:
So tanzen die Engel
vor Gottes Thron nicht,
wie die Welt nun tanzt vor mir.
So lieblich klingt
ihrer Harfen Ton nicht,
wie Waldemars Seele dir.
Aber stolzer auch saß
neben Gott nicht Christ
nach dem harten Erlösungsstreite,
als Waldemar stolz nun
und königlich ist
an Toveliles Seite.
Nicht sehnlicher möchten
die Seelen gewinnen
den Weg zu der Seligen Bund,
als ich deinen Kuß,
da ich Gurres Zinnen
sah leuchten vom Öresund.
Und ich tausch' auch nicht
ihren Mauerwall
und den Schatz,
den treu sie bewahren,
für Himmelreichs Glanz
und betäubenden Schall
und alle der heiligen Schaaren!
 
Tove:
Nun sag ich dir zum ersten Mal:
"König Volmer, ich liebe dich!"
Nun küss' ich dich zum erstenmal,
und schlinge den Arm um dich.
Und sprichst du,
ich hättes schon früher gesagt
und je meinen Kuß dir geschenkt,
so sprech' ich: "Der König ist ein Narr,
der flüchtigen Tandes gedenkt."
Und sagst du: "Wohl bin ich solch ein Narr,"
so sprech ich: "Der König hat recht;"
doch sagst du: "Nein, ich bin es nicht,"
so sprech ich: "Der König ist schlecht."
Denn all meine Rosen küßt' ich zu Tod,
dieweil ich deiner gedacht.
 
Waldemar:
Es ist Mitternachtszeit,
und unsel'ge Geschlechter
stehn auf aus vergess'nen, eingesunknen Gräbern,
und sie blicken mit Sehnsucht
nach den Kerzen der Burg
und der Hütte Licht.
Und der Wind schüttelt spottend
nieder auf sie Harfenschlag
und Becherklang und Liebeslieder.
Und sie schwinden und seufzen:
"Unsre Zeit ist um."
Mein Haupt wiegt sich
auf lebenden Wogen,
meine Hand vernimmt
eines Herzens Schlag,
lebenschwellend
strömt auf mich nieder
glühender Küsse Purpurregen,
und meine Lippe jubelt:
"Jetzt ist's meine Zeit!"
Aber die Zeit flieht,
Und umgehn werd' ich
zur Mitternachtsstunde
dereinst als tot,
werd' eng um mich
das Leichenlaken ziehn
wider die kalten Winde
und weiter mich schleichen
im späten Mondlicht
und schmerzgebunden
mit schwerem Grabkreuz
deinen lieben Namen
in die Erde ritzen
und sinken und seufzen:
"Uns're Zeit ist um!"
 
Tove:
Du sendest mir einen Liebesblick
und senkst das Auge,
doch das Blick preßt
deine Hand in meine,
und der Druck erstirbt;
aber als liebeweckenden Kuß
legst du meinen Händedruck mir
auf die Lippen
und du kannst noch seufzen
um des Todes Willen,
wenn ein Blick auflodern kann
wie ein flammender Kuß?
Die leuchtenden Sterne
am Himmel droben
bleichen wohl, wenn's graut,
doch lodern sie neu jede
Mitternachtzeit
in ewiger Pracht.
So kurz ist der Tod,
wie ruhiger Schlummer
von Dämm'rung zu Dämmrung.
Und wenn du erwachst,
bei dir auf dem lager
in neuer Schönheit
siehst du strahlen
die junge Braut.
So laß uns die goldene
Schale leeren
ihm, dem mächtig verschönenden Tod.
Denn wir gehn zu Grab
wie ein Lächeln,
ersterbend im seligen Kuß.
 
Waldemar:
Du wunderliche Tove!
So reich durch dich nun bin ich,
daß nicht einmal mehr
ein Wunsch mir eigen;
so leicht meine Brust,
mein Denken so klar,
ein wacher Frieden
über meiner Seele.
Es ist so still in mir,
so seltsam stille.
Auf der Lippe weilt
brückeschlagend das Wort,
doch sinkt es wieder zur Ruh'.
Denn mir ist's, als schlüg'
in meiner Brust
deines Herzens Schlag,
und als höbe mein Atemschlag,
Tove, deinen Busen.
Und uns're Gedanken seh ich
entstehn und zusammengleiten
wie Wolken, die sich begegnen,
und vereint wiegen sie sich
in wechselnden Formen.
Und meine Seele ist still,
ich seh in dein Aug und schweige,
du wunderliche Tove.
 
Stimme der Waldtaube:
Tauben von Gurre! Sorge quält mich,
vom Weg über die Insel her!
Kommet! Lauschet!
Tot ist Tove! Nacht auf ihrem Auge,
das der Tag des Königs war!
Still ist ihr Herz,
doch des Königs Herz schlägt wild,
tot und doch wild!
Seltsam gleichend einem Boot
auf der Woge,
wenn der, zu dess' Empfang
die Planken huldigend
sich gekrümmt,
des Schiffes Steurer tot liegt,
verstrickt in der Tiefe Tang.
Keiner bringt ihnen Botschaft,
unwegsam der Weg.
Wie zwei Ströme
waren ihre Gedanken,
Ströme gleitend Seit' an Seite.
Wo strömen nun Toves Gedanken?
Die des Königs winden sich
seltsam dahin,
suchen nach denen Toves,
finden sie nicht.
Weit flog ich, Klage sucht' ich,
fand gar viel!
Den Sarg sah ich
auf Königs Schultern,
Henning stürzt' ihn;
finster war die Nacht,
eine einzige Fackel
brannte am Weg;
die Königin hielt sie,
hoch auf dem Söller,
rachebegierigen Sinns.
Tränen,
die sie nicht weinen wollte,
funkelten im Auge.
Weit flog ich, Klage sucht' ich,
fand gar viel!
Den König sah ich,
mit dem Sarge fuhr er,
im Bauernwams.
Sein Streitroß,
das oft zum Sieg ihn getragen,
zog den Sarg.
Wild starrte des Königs Auge,
suchte nach einem Blick,
seltsam lauschte des Königs Herz
nach einem Wort.
Henning sprach zum König,
aber noch immer suchte er
Wort und Blick.
Der König öffnet Toves Sarg,
starrt und lauscht
mit bebenden Lippen,
Tove ist stumm!
Weit flog ich, Klage sucht' ich,
fand gar viel!
ollt' ein Mönch am Seile ziehn,
Abendsegen läuten;
doch er sah den Wagenlenker
und vernahm die Trauerbotschaft:
Sonne sank, indes die Glocke
Grabgeläute tönte.
Weit flog ich, Klage sucht' ich
und den Tod!
Helwigs Falke war's, der grausam
Gurres Taube zerriß.

II.
 
Waldemar:
Herrgott, weißt du, was du tatest,
als klein Tove mir verstarb?
Triebst mich aus der letzten Freistatt,
die ich meinem Glück erwarb!
Herr, du solltest wohl erröten:
Bettlers einz'ges Lamm zu töten!
Herrgott, ich bin auch ein Herrscher,
und es ist mein Herrscherglauben:
Meinem Untertanen darf ich nie
die letzte Leuchte rauben.
Falsche Wege schlägst du ein:
Das heißt wohl Tyrann,
nicht Herrscher sein!
Herrgott, deine Engelscharen
singen stets nur deinen Preis,
doch dir wäre mehr vonnöten
einer, der zu tadeln weiß.
Und wer mag solches wagen?
Laß mich, Herr, die Kappe
deines Hofnarrn tragen!

III. Die wilde Jagd
 
Waldemar:
Erwacht, König Waldemars
Mannen wert!
Schnallt an die Lende
das rostige Schwert,
holt aus der Kirche
verstaubte Schilde,
gräulich bemalt mit wüstem Gebilde.
Weckt eurer Rosse modernde Leichen,
schmückt sie mit Gold,
und spornt ihre Weichen:
Nach Gurrestadt seid ihr entboten,
heute ist Ausfahrt der Toten!
 
Bauer:
Deckel des Sarges
klappert und klappt,
Schwer kommt's her
durch die Nacht getrabt.
Rasen nieder vom Hügel rollt,
über den Grüften
klingt's hell wie Gold!
Klirren und Rasseln
durch's Rüsthaus geht,
Werfen und Rücken mit altem Gerät,
Steinegepolter am Kirchhofrain,
Sperber sausen
vom Turm und schrein,
auf und zu fliegt's Kirchentor!
 
Waldemars Mannen:
Holla!
 
Bauer:
Da fährt's vorbei!
Rasch die Decke übers Ohr!
Ich schlage drei heilige
Kreuze geschwind
für Leut' und Haus,
für Roß und Rind;
dreimal nenn ich Christi Namen,
so bleibt bewahrt der Felder Samen.
Die Glieder noch bekreuz ich klug,
wo der Herr seine heiligen
Wunden trug,
so bin ich geschützt
vor der nächtlichen Mahr,
vor Elfenschuß und Trolls Gefahr.
Zuletzt vor die Tür
noch Stahl und Stein,
so kann mir nichts Böses
zur Tür herein.
 
Waldemars Mannen:
Gegrüßt, o König, an Gurre-Seestrand!
Nun jagen wir über das Inselland!
Holla!
Vom stranglosen Bogen Pfeile zu senden,
mit hohlen Augen und Knochenhänden,
zu treffen des Hirsches Schattengebild,
daß Wiesentau aus der Wunde quillt.
Holla! Der Walstatt Raben Geleit uns gaben,
über Buchenkronen die Rosse traben,
Holla!
So jagen wir nach gemeiner Sag'
eine jede Nacht bis zum jüngsten Tag.
Holla! Hussa Hund! Hussa Pferd!
Nur kurze Zeit das Jagen währt!
Hier ist das Schloß, wie einst vor Zeiten!
Holla!
Lokes Hafer gebt den Mähren,
wir wollen vom alten Ruhme zehren.
 
Waldemar:
Mit Toves Stimme flüstert der Wald,
mit Toves Augen schaut der See,
mit Toves Lächeln leuchten die Sterne,
die Wolke schwillt wie des Busens Schnee.
Es jagen die Sinne, sie zu fassen,
Gedanken kämpfennach ihrem Bilde.
Aber Tove ist hier und Tove ist da,
Tove ist fern und Tove ist nah.
Tove, bist du's, mit Zaubermacht
gefesselt an Sees- und Waldespracht?
Das tote Herz, es schwillt und dehnt sich,
Tove, Tove,
Waldemar sehnt sich nach dir!
 
Klaus-Narr:
"Ein seltsamer Vogel ist so'n Aal,
im Wasser lebt er meist,
Kommt doch bei Mondschein
dann und wann
ans Uferland gereist."
Das sang ich oft
meines Herren Gästen,
nun aber paßt's auf mich selber
am besten.
Ich halte jetzt kein Haus
und lebe äußerst schlicht
und lud auch niemand ein
und praßt' und lärmte nicht,
und dennoch zehrt an mir
manch unverschämter Wicht,
drum kann ich auch nichts bieten,
ob ich will oder nicht,
doch - dem schenk ich
meine nächtliche Ruh,
der mir den Grund kann weisen,
warum ich jede Mitternacht
den Tümpel muß umkreisen.
Daß Palle Glob und Erik Paa
es auch tun, das versteh ich so:
Sie gehörten nie zu den Frommen;
jetzt würfeln sie,
iewohl zu Pferd,
um den kühlsten Ort,
weit weg vom Herd,
wenn sie zur Hölle kommen.
Und der König,
der von Sinnen stets,
sobald die Eulen klagen,
und stets nach einem Mädchen ruft,
das tot seit Jahr und Tagen,
auch dieser hat's verdient
und muß von Rechtes wegen jagen.
Denn er war immer höchst brutal,
und Vorsicht galt es allermal
und off'nes Auge für Gefahr,
da er ja selber Hofnarr war
bei jener großen Herrschaft
überm Monde.
Ich, der glaubte, daß im Grabe
man vollkomm'ne Ruhe habe,
daß der Geist beim Staube bleibe,
friedlich dort sein Wesen treibe,
still sich sammle für das große Hoffest,
wo, wir Bruder Knut sagt,
ertönen die Posaunen,
wo wir Guten wohlgemut
Sünder speisen wie Kapaunen -
ach, daß ich im Ritte rase,
gegen den Schwanz gedreht die Nase,
sterbensmüd im wilden Lauf,
wär's zu spät nicht,
ich hinge mich auf.
Doch o wie süß
soll's schmecken zuletzt,
werd ich dann doch in den Himmel versetzt!
Zwar ist mein Sündenregister groß,
allein vom meisten schwatz ich mich los!
Wer gab der nackten Wahrheit Kleider?
Wer war dafür geprügelt leider?
Ja, wenn es noch Gerechtigkeit gibt,
Dann muß ich eingehn im Himmels Gnaden...
Na, und dann mag Gott sich selber gnaden.
 
Waldemar:
Du strenger Richter droben,
du lachst meiner Schmerzen,
doch dereinst,
beim Auferstehn des Gebeins
nimm es dir wohl zu Herzen;
ich und Tove, wir sind eins.
So zerreiss' auch unsre Seelen nie,
zur Hölle mich, zum Himmel sie,
denn sonst gewinn' ich Macht,
zertrümmre deiner Engel Wacht
und sprenge mit meiner wilden Jagd
ins Himmelreich ein.
 
Waldemars Mannen:
Der Hahn erhebt den Kopf zur Kraht,
hat den Tag schon im Schnabel,
und von unsern Schwertern trieft
rostgerötet der Morgentau.
Die Zeit ist um!
Mit offnem Mund ruft das Grab,
und die Erde saugt
das lichtscheue Rätsel ein.
Versinket! Versinket!
Das Leben kommt
mit Macht und Glanz,
mit Taten und pochenden Herzen,
und wir sind des Todes,
des Schmerzes und des Todes,
Ins Grab! Ins Grab!
Zur träumeschwangern Ruh'
Oh, könnten in Frieden
wir schlafen!

IV. Des Sommerwindes wilde Jagd
 
Sprecher:
Herr Gänsefuß, Frau Gänsekraut,
nun duckt euch nur geschwind,
denn des sommerlichen Windes wilde Jagd beginnt.
Die Mücken fliegen ängstlich
aus dem schilfdurchwachs'nen Hain,
In den See grub der Wind
seine Silberspuren ein.
Viel schlimmer kommt es, als ihr
euch nur je gedacht;
Hu! wie's schaurig in den
Buchblättern lacht!
Das ist Sankt Johanniswurm
mit der Feuerzunge rot,
und der schwere Wiesennebel,
ein Schatten bleich und tot!
Welch Wogen und Schwingen!
Welch Ringen und Singen!
In die Ähren schlägt der Wind
in leidigem Sinne.
Daß das Kornfeld tönend bebt.
Mit den langen Beinen
fiedelt die Spinne,
und es reißt,
was sie mühsam gewebt.
Tönend rieselt der Tau zu Tal,
Sterne schießen
und schwinden zumal;
flüchtend durchraschelt
der Falter die Hecken,
springen die Frösche
nach feuchten Verstecken.
Still! Was mag der Wind nur wollen?
Wenn das welke Laub er wendet,
sucht er, was zu früh geendet;
Frühlings, blauweiße Blütensäume,
der Erde flüchtige Sommerträume -
längst sind sie Staub!
Aber hinauf, über die Bäume
schwingt er sich nun
in lichtere Räume,
denn dort oben, wie Traum so fein
meint er, müßten die Blüten sein!
Und mit seltsam Tönen
in ihres Laubes Kronen
grüßt er wieder
die schlanken Schönen.

dd) "7 frühe Lieder"
 
 
Text by Robert Franz Arnold (1872-1938), after the Danish of Jens Peter Jacobsen (1847-1885)
 
Music by Arnold Schoenberg, 1894-1903

a) Mein Herz das ist ein tiefer Schacht
b) Mädchenlied
c) Mädchenfrühling
d) Waldesnacht
e) Nicht doch!
f) Mannesbangen
g) Deinem Blick mich zu bequemen

a) Mein Herz das ist ein tiefer Schacht
 
Text by Anonymous
 
 
Mein Herz das ist ein tiefer Schacht,
Drin gräbt die Liebste Tag und Nacht,
Nach seinen edlen Erzen, nach seinen edlen Erzen.
Und wie sie pocht auf dem Gestein,
Da klingt hervor ein Liedchen klein,
Jubelnd aus meinem Herzen, jubelnd aus meinem Herzen.
 
Und Tag und Nacht und Nacht und Tag,
Führt unbekümmert nun den Schlag.
Die Liebste froh und munter, die Liebste froh und munter;
Ist unerschöpflich doch der Schacht,
Meinst du, du hättest ihn leer gemacht,
Steig tiefer dann hinunter, steig tiefer dann hinunter.

b) Mädchenlied
 
Text by Paul Heyse (1830-1914)
 
 
Sang ein Bettlerpärlein am Schenkentor
Zwei geliebte Lippen an meinem Ohr.
"Schenkin, süße Schenkin,
Kredenz dem Paar,
Ihren Dürsten biete die Labung dar."
Und ich bot sie willig, doch der böse Mann,
Biss mir wund die Lippen, und lachte dann:
"Ritzt der Gast dem Becher ein Zeichen ein,
Heißt's er ist zu eigen nur ihm allein."

c) Mädchenfrühling
 
Text by Richard Fedor Leopold Dehmel (1863-1920)
 
 
April wind. Alle Knospen
Sind schon aufgesprossen;
Es sprießt der Grund.
Und sein Mund
Bleibt so verschlossen?
 
Maisonnenregen. Alle Blumen langen,
Stille, aufgegangen,
Dem lieben Licht.
Fühlt, fühlt er es nicht?

d) Waldesnacht
 
Text by Paul Heyse (1830-1914)
 
 
Waldesnacht, du wunderkühle,
Die ich tausend Male grüß',
Nach dem lauten Weltgewühle,
O wie ist dein Rauschen süß!
 
Träumerisch die müden Glieder,
Berg' ich weich ins Moos,
Und mir ist, als würd' ich wieder
All der irren Qualen los.
 
Fernes Flötenlied, vertöne,
Das ein weites Sehnen rührt,
Die Gedanken in die schöne,
Ach, missgönte Ferne führt!
 
Laß die Waldesnacht mich wiegen,
Stillen jede Pein,
Und ein seliges Genügen
Saug' ich mit den Düften ein.
 
In dem heimlich engen Kreisen,
Wir dir wohl, du wildes Herz,
Und ein Friede schwebt mit leisen
Flügelschlägen niederwärts.
 
Singet, holde Vögellieder,
Mich in Schlummer sacht!
Irre Qualen, löst euch wieder;
Wildes Herz, nun gute Nacht!

e) Nicht doch!
 
Text by Richard Fedor Leopold Dehmel (1863-1920)
 
 
Mädel, laß das Stricken geh,
Tu den Strumpf beiseite heute;
Das ist was für alte Leute,
Für die Jungen blüht der Klee!
 
Laß, mein Kind,
Komm, mein Schätzchen;
Siehst du nicht, der Abendwind
Schäkert mit den Weidenkätzchen!
 
Mädel, liebes, sieh doch nicht
Immer so beiseite heute;
Das ist was für alte Leute,
Junge seh'n sich ins Gesicht!
 
Komm, mein Kind,
Sieh doch, Schätzchen;
Über uns der Abendwind
Schäkert mit den Weidenkätzchen!
 
Siehst du, Mädel, war's nicht nett
So an meiner Seite heute?
Das ist was für junge Leute,
Alte gehn allein zu Bett'.
 
Was denn, Kind?
Weinen, Schätzchen?
Nicht doch! sieh der Abendwind
Schäkert mit den Weidenkätzchen.
Was denn, Kind?
Weinen, Schätzchen?
Nicht doch!

f) Mannesbangen
 
Text by Richard Fedor Leopold Dehmel (1863-1920)
 
 
Du darfst nicht meinen,
Ich hätte Furcht vor dir.
Nur wenn du mit deinen
Scheuen Augen Glück begehrst
Und mir mit solchen zuckenden Händen
Wie mit Dolchen durch die Haare fährst,
Und mein Kopf liegt an deinen Lenden:
Dann, du Sünd'rin beb' ich vor dir...

g) Deinem Blick mich zu bequemen
 
Text by Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
 
 
Deinem Blick mich zu bequemen,
Deinem Munde, deiner Brust,
Deine Stimme zu vernehmen
War die letzt' und erste Lust.
 
Gestern, ach, war sie die letzte,
Dann verlosch mir Leucht und Feuer.
Jeder Scherz der mich ergetzte,
Wird nun schulden schwer und teuer.
 
Eh' es Allah nicht gefällt,
Uns zu vereinen,
Gibt mir Sonne, Mond und Welt,
Nur Gelegenheit zum Weinen.

ee) "Pierrot Lunaire"

 

Mondestrunken

Den Wein, den man mit Augen trinkt,

Gießt Nachts der Mond in Wogen nieder,Und eine Springflut überschwemmtDen stillen Horizont,Gelüste. schauerlich und süß,Durchschwimmen ohne Zahl die Fluten!Den Wein, den man mit Augen trinkt,
 
Gießt nachts der Mond in Wogen nieder.
Der Dichter, den die Andacht treibt
Berauscht sich an dem heilgen Tranke,
Gen Himmel wendet er verzückt
Das Haupt und taumeind saugt und schlürft er
 
Den Wein, den man mit Augen trinkt.
 
 
 

Colombine

 
Des Mondlichts bleiche Blüten,
Die weißen Wunderrosen,
Blühn in den Julinächten-
0 bräch ich eine nur!
Mein banges Leid zu lindern,
Such ich am dunkien Strome
Des Mondlichts bleiche Blüten,
Die weißen Wunderrosen.
Gestilit wär all mein Sehnen,
Dürft ich so märchenheimlich,
So selig leis-entblättern
Auf deine braunen Haare
Des Mondlichts bleiche Blüten!
 
 
 

Der Dandy

 
Mit einem phantastischen Lichtstrahl
Erieuchtet der Mond die kristalinen Flacons
Auf dem schwarzen, hochheiligen Waschtisch
Des schweigenden Dandys von Bergamo.
In tönender, bronzener Schale
Lacht hell die Fontäne, metallischen Klangs.
 
Mit einem phantastischen Lichtstrahl
Erleuchtet der Mond die kristalnnen Fiacons.
 
Pierrot mit dem wächsernen Antlitz
Steht sinnend und denkt:
wie er heute sich schminkt?
Fort schiebt er das Rot und des Orients Grnün
 
Und bemalt sein Gesicht in erhabenem Stil
Mit einem phantastischen Mondstrahl.
 
 

Eine blaße Wäscherin

 
Eine blaße Wäscherin
Wäscht zur Nachtzeit bleiche Tücher,
Nackte, silberweiße Arme
Streckt sie nieder in die Flut,
Durch die Lichturig schieichen Winde,
Leis bewegen sie den Strom.
Eine blaße Wäscherin
Wäscht zur Nachtzeit bleiche Tücher-
Und die sanfte Magd des Himmels,
Von den Zweigen zart umschmeichelt,
Breitet auf die dunklen Wiesen
Ihre lichtgewobnen Linnen-
Eine blaße Wäscherin
 
 
 

Valse de Chopin

 
Wie ein blaßer Tropfen Bluts
Färbt die Lippen einer Kranken,
Also ruht auf diesen Tönen
Ein vernichtungssüchtger Reiz.
 
Wilder Luft Akkorde stören
Der Verzweifiung eisgen Traum -
Wie ein blaßer Tropfen Bluts
Färbt die Lippen einer Kranken.
Heiß und jauchzend, süß und schmachtend,
Melancholisch düstrer Walzer,
Kommst mir nimmer aus den Sinnen!
Haftest mir an den Gedanken,
Wie ein blaßer Tropfen Bluts
 
 

Madonna

 
Steig, o Mutter alier Schmerzen,
Auf den Altar meiner Verse!
Blut aus deinen magren Brüsten,
Hat des Schwertes Wut vergossen.
Deine ewig frischen Wunden
Gleichen Augen, rot und offen.
Steig, o Mutter aller Schmerzen,
Auf den Altar meiner Verse!
In den abgezehrten Händen
Hältst du deines Sohnes Leiche,
Ihn zu zeigen alier Menschheit-
Doch der Blick der Menschen meidet
Dich, o Mutter aller Schmerzen!
 
 
 

 
 
Der kranke Mond

 
Du nächtig todeskranker Mond
Dort auf des Himmels schwarzem Pfühl,
Dein Blick, sofiebernd übergroß,
 
Bannt mich wie fremde Melodie.
An unstillbarem Liebesieid
Stirbst du, an Sehnsucht, tief erstickt,
 
Du nächtigtodeskranker Mond
Dort auf des Himmels schwarzem Pfühl.
Den Liebsten, der im Sinnenrausch
 
Gedankenlos zur Liebsten geht,
Belustigt deiner Strahien Spiel-
Dein bleiches, qualgebornes Blut,
Du nächtigtodeskranker Mond.
 
 
 
 

Nacht

 
Finstre, schwarze Riesenfalter
Töteten der Sonne Glanz.
Ein geschiossnes Zauberbuch,
Ruht der Horizont-verschwiegen.
Aus dem Qualm veriorner Tiefen
Steigt ein Duft, Erinnerung mordend!
Finstre, schwarze Riesenfaiter
Töteten der Sonne Glanz.
Und vom Himmel erdenw rts
Senken sich mit schweren Schwingen
Unsichtbar die Ungetüme
Auf die Menschenherzen nieder ...
Finstre, schwarze Riesenfalter.
 
 
 

Gebet an Pierrot

 
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich veriernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß - Zerfloß!
Schwarz weht die Flagge
Mir nun vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
O gib mir wieder,
Roßarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot-mein Lachen!
 
 
 

Raub

 
Rote, fürstliche Rubine,
Blutge Tropfen alten Ruhmes,
Schlummern in den Totenschreinen.
 
Drunten in den Grabgewöiben.
Nachts, mit seinen Zechkumpanen.
 
Steigt Pierrot hinab-zu rauben
Rote, fürstliche Rubine,
Blutge Tropfen alten Ruhmes.
Doch da-sträuben sich die Haare,
Bleiche Furcht bannt sie am Platze:
Durch die Finsternis-wie Augen!-
Stieren aus den Totenschreinen
Rote, fürstliche Rubine.
 
 
 

Rote Messe

 
Zu grausem Abendmahie,
Beim Biendegianz des Goldes,
Beim Flackerschein der Kerzen,
Naht dem Altar-Pierrot!
Die Hand, die gottgeweihte,
Zerreißt die Priesterkieider
Zu grausem Abendmahie,
Beim Biendegianz des Goldes.
Mit segnender Gebärde
Zeigt er den ba ngen Seelen
Die triefend rote Hostie:
Sein Herz- inbiutgen Fingern-
Zu grausem Abendmahie!
 
 
 

Galgenlied
 
Die dürre Dirne
Mit langem Halse
Wird seine letzte
Geliebte sein.
In seinem Hirne
Steckt wie ein Nagel
Die dürre Dirne
Mit langem Halse.
Schiank wie die Pinie,
Am Hals ein Zöpfchen -
Wollüstig wird sie
Den Schelm umhaisen,
Die dürre Dirne!
 
 
 

Enthauptung

 
Der Mond, ein biankes Türkenschwert
Auf einem schwarzen Seidenkissen,
Gespenstisch groß- dräut er hinab
 
Durch schmerzensdunkle Nacht.
Pierrot irrt ohne Rast umher
Und starrt empor in Todesängsten
 
Zum Mond, dem bianken Türkenschwert
Auf einem schwarzen Seidenkissen.
Es schlottern unter ihm die Knie,
Ohnmächtig bricht er jäh zusammen.
Er wähnt: es sause strafend schon
Auf seinen Sündenhals hernieder
Der Mond, das blanke Türkenschwert.
 
 
 

Die Kreuze

 
Heilge Kreuze sind die Verse,
Dran die Dichter stumm verbluten,
Blindgeschiagen von der Geier
Flatterndem Gespensterschwarme!
in den Leibern schwelgten Schwerter,
Prunkend in des Blutes Schariach!
Heilge Kreuze sind die Verse,
Dran die Dichter stumm verbluten.
Tot das Haupt-erstarrt die Locken-
Fern, verweht der Lärm des Pobels.
Langsam sinkt die Sonne nieder,
Eine rote Königskrone. -
Heilge Kreuze sind die Verse!
 
 
 
 

Heimweh

 
Lieblich klagend-ein kristallnes Seufzen
Aus Italiens alter Pantomime
Klingts herüber: wie Pierrot so höizern,
So modern sentimental geworden.
 
Und es tönt durch seines Herzens Wüste,
 
Tönt gedämpft durch alle Sinne wieder,
 
Lieblich klagend -ein kristalines Seufzen
 
Aus Italiens alter Pantomime.
Da vergißt Pierrot die Trauermienen!
 
Durch den bleichen Feuerschein des Mondes,
Durch des Lichtmeers Fiuten-
schweift die Sehnsucht
Kühn hinauf, empor zum Heimathimmel,
Lieblich klagend-ein kristalines Seufzen!
 
 
 

Gemeinheit!

 
In den bianken Kopf Cassanders,
Dessen Schrein die Luft durchzetert.
Bohrt Pierrot mit Heuchiermienen,
Zärtlich-einen Schädelbohrer!
Darauf stopft er mit dem Daumen
Seinen echten türkschen Tabak
In den bianken Kopf Cassanders,
Dessen Schrein die Luft durchzetert!
Dann dreht er ein Rohrvon Weichsel
Hinten in die glatte Glatze
Und behabig schmaucht und paffter
Seinen echten türkschen Tabak
Aus dem bianken Kopf Cassanders!
 
 

Parodie

 
Stricknadein, blank und blinkend,
In ihrem grauen Haar,
Sitzt die Duenna murmeind,
Im roten Röckchen da.
Sie wartet in der Laube,
Sie liebt Pierrot mit Schmerzen,
Stricknadein, blank und blinkend,
In ihrem grauen Haar.
Da plötzlich - horch! -ein Wispern!
Ein Windhauch kichert leise:
Der Mond, der base Spötter,
Äff nach mit seinen Strahlen -
Stricknadein, blink und blank.
 
 
 

Der Mondfleck

 
Einen weißen Fleck des hellen Mondes
Auf dem Rücken seines schwarzen Rockes,
So spaziert Pierrot im lauen Abend,
Aufzusuchen Glück und Abenteuer.
Plötzlich stört ihn was an seinem Anzug, 
Er beschaut sich rings und findet richtig 
Einen weißen Fleck des hellen Mondes
Auf dem Rücken seines schwarzen Rockes. 
Warte! denkt er: das ist so ein Gipsfleck! 
Wischt und wischt, doch-
bringt ihn nicht herunter!
Und so geht er, giftgeschwollen, weiter,
Reibt und reibt bis an den frühen Morgen -
Einen wejßen Fleck des helien Mondes.
 
 
 
 

Serenade

 
Mitgroteskem Riesenbogen
Kratzt Pierrot auf seiner Bratsche,
Wie der Storch auf einem Beine
Knipst er trüb ein Pizzicato.
Plötzlich naht Cassander-wütend
 
Ob des nächtgen Virtuosen-
Mitgroteskem Riesenbogen
Kratzt Pierrot auf seiner Bratsche.
Von sich wirfterjetztdie Bratsche:
Mit der delikaten Linken
Faßt den Kahikopf er am Kragen-
Träumend spielt er auf der Glatze
Mit groteskem Riesenbogen.
 
 
 

Heimfahrt

 
Der Mondstratil ist das Ruder,
Seerose dient als Boot:
Drauf f hrt Pierrot gen Süden
Mitgutem Reisewind.
Der Strom summt tiefe Skalen
Und wiegt den leichten Kahn.
Der Mondstrahi ist das Ruder,
Seerose dient als Boot.
Nach Bergamo, zur Heimat,
Kehrt nun Pierrot zurück,
Schwach dämmert schon in Osten
Der grüne Horizont.
- Der Mondstrahi ist das Ruder.
 
O alter Duft

 
O alter Duft aus Märchenzeit,
Berauschest wieder meine Sinne!
Ein närrisch Heer von Schelmereien
Durchschwirrt die leichte Luft.
Ein glückhaft Wünschen macht mich froh
Nach Freuden, die ich lang verachtet:
 
O alter Duft aus Märchenzeit,
Berauschest wieder mich!
All meinen Unmut gab ich preis,
Aus meinem sonnumrahmten Fenster
Beschau ich frei die liebe Welt
Und träum hinaus in selge Weiten...
O alter Duft-aus Märchenzeit!

- Karadar Bertoldi Ensemble - Studio Informatico Anesin -