|
Des Leben von Giuseppe
Verdi
Der große Opernkomponist Giuseppe Verdi wurde am 10.
Oktober 1813 in dem kleinen italienischen Städtchen Le Roncole bei
Busseto geboren. Sein Vater unterhielt zusammen mit seiner Frau einen
Kramladen nebst Dorfschenke. Und hier, in ländlich-sittlicher Atmosphäre,
sammelte der junge Verdi seine ersten musikalischen Eindrücke durch
umherziehende Dorfmusikanten, die in dem Wirtshaus einzukehren pflegten.
Verdis musikalische Begabung zeigte sich recht früh, und der Vater kaufte
seinem Sprössling ein altes Tafelklavier. Schon während der Schulzeit
komponierte Verdi nach eigenen Aussagen eine Vielzahl von Märschen und
Ouvertüren. Seine Ouvertüre zu Der Barbier von Sevilla wurde 1828 im
Stadttheater aufgeführt.
Die Förderung und Unterstützung seines zukünftigen
Schwiegervaters Antonio Barezzi - einem Kaufmann in Busseto - erlaubte ihm
eine profunde musikalische Ausbildung in Mailand bei Vincenzo Lavigna, der
seinerseits als Akkompagnist an der Mailänder Scala reiche
Opernerfahrungen gemacht hatte. 1836 erhielt Verdi seine erste Anstellung
als Maestro di Musica in Busseto und heiratete Barezzis älteste Tochter
Margherita.
Im gleichen Jahr begann er mit der Arbeit an der Oper
Rocester. Ob das Werk verschollen ist oder in der nachfolgenden Oper
Oberto eingearbeitet wurde, ist unklar. Jedenfalls vollendete Verdi 1839
seine erste Oper Oberto, Conte di San Bonifacio; einen Zweiakter, der am
17. November an der Mailänder Scala uraufgeführt wurde. Verdi gab den
Musikdirektorposten in Busseto auf, um mit seiner Familie nach Mailand
überzusiedeln. Die Oper brachte ihm ein Vertragsangebot über drei
weitere Opern und er begann an der Opera Buffa Un giorno di regno zu
arbeiten. In dieser Zeit musste er allerdings einige Schicksalsschläge
hinnehmen: im August 1838 starb seine Tochter Virginia, im Oktober 1839
sein Sohn Icilio und im Juni 1840 verlor er seine Frau. Hinzu kam, dass
die neue Oper bei der Uraufführung ausgepfiffen wurde. Verdi geriet in
eine tiefe Schaffenskrise, bis er durch Zufall das Libretto zu Nabucco in
die Hände bekam. Die Reaktion des Publikums nach der Uraufführung am 9.
März 1842 an der Mailänder Scala übertraf alle Erwartungen und verhalf
Verdi zum Durchbruch. Namentlich der Chor der gefangenen Juden im
Babylonischen Exil ("Va, pensiero, sull'ali dorate") traf - in
der österreichisch regierten Lombardei - den Nerv der Zeit: den
Freiheits- und Unabhängigkeitswillen der Italiener.
Mit dieser Oper war es Verdi gelungen, nationale und
religiöse Motive miteinander zu verbinden. Der Erfolg der Opern bis Ende
1850 (unter anderen Alzira, 1845, Attila 1846, Luisa Miller, 1849, und
Stiffelio, 1850) machten ihn wirtschaftlich unabhängig, und er lebte mit
seiner Lebensgefährtin - der Sängerin Giuseppina Strepponi - auf dem
eigenen Gut bei Busseto. Die unangefochtene Karriere als bedeutendster
italienischer Opernkomponist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
ging weiter mit Rigoletto (1851), Il trovatore (1853) und La Traviata
(1853). Mit der Oper Un ballo di maschera (1859) begann ein weiterer
Abschnitt seiner schöpferischen Entwicklung. In diesem Opus lässt sich
die motivische Verknüpfung des aus kleinsten Zellen bestehenden
musikalischen Materials besonders gut verfolgen. Außerdem führte Verdi
die fließenden Übergänge vom Rezitativ zur Arie ein, die für sein
Spätwerk charakteristisch werden sollten. Bei der 1870 für die
Eröffnung des Suez-Kanals komponierten Oper Aida der Uraufführung
Giovanni Bottesini dirigierte, ist die Wortbehandlung ein besonderes
Merkmal. Mit der eigenhändigen Einstudierung an der Mailänder Scala - zu
Beginn des Jahres 1872 - setzte Verdi neue Maßstäbe für die
Opernproduktion in dem heruntergekommenen italienischen Opernbetrieb. Am
Ende dieser Erfolgsserie stehen Otello (1887), in der es kaum noch in sich
abgeschlossene Ariennummern gibt und Falstaff (1893).
Verdis Musiksprache, die er bereits mit Nabucco 1842 voll
entwickelt hatte und im Laufe seiner über fünfzigjährigen Karriere als
Opernkomponist vielfach variierte und verfeinerte, dokumentiert seine
Entwicklung vom Nachfolger der Belcanto-Komponisten Gaetano Donizetti,
Vincenzo Bellini und Gioacchino Rossini zum Begründer des italienischen
romantischen Musikdramas. Ausgangspunkt für Verdis schöpferischen
Prozess war - von wenigen Ausnahmen abgesehen - immer die
Auseinandersetzung mit dem Libretto. Seine Textdichter mussten häufig
sogar Eingriffe bis ins Versmaß hinnehmen. Auch wenn Verdi dem Orchester
in seinen letzten Opern eine größere Bedeutung zuwies, liegt das
Hauptgewicht in allen seinen Bühnenwerken auf den Stimmen: Kantabilität
war eine der ersten Forderungen, die er an sich selbst stellte. Genauso
wichtig war ihm die wirklichkeitsgetreue Zeichnung der Personen und ihrer
Umgebung. Im Gegensatz zu seinem großen Antipoden Richard Wagner dachte
Verdi mehr melodisch-rhythmisch, und sein stärkstes Ausdrucksmittel war
die Geste.
Wagner hingegen ging hauptsächlich harmonisch-dynamisch
vor und bediente sich des Symbols. Beide hatten jedoch ähnliche
Vorstellungen vom Gesamtkunstwerk, das jeder auf seine Weise zu
verwirklichen trachtete. Verdi hatte sich in den ersten drei Jahrzehnten
seines Schaffens ausschließlich dem dramatischen Genre verschrieben. Doch
Rossinis Tod am 13. November 1868 veranlasste ihn, sich auch der anderen
großen Musiktradition Italiens zu besinnen: er forderte dreizehn andere
Komponisten auf, gemeinsam ein Requiem zu komponieren, in dem er selbst
den Schlussteil ("Libera me") übernahm. Zwar kam das Pasticcio
zustande, aber die Aufführung scheiterte an Unstimmigkeiten der
Beteiligten. Als knapp fünf Jahre später Alessandro Manzoni starb,
schrieb Verdi - unter Einbeziehung seines vorhandenen "Libera
me" - eine komplette Totenmesse als Ausdruck seiner persönlichen
Verehrung des großen Dichters. Am 22. Mai 1874 , dem ersten Todestag
Manzonis, wurde die Messa da Requiem in der Mailänder Kirche San Marco
unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt. Kurz darauf folgte eine
Aufführung an der Mailänder Scala. Aufgrund des enormen Erfolges
entschloss sich Verdi, sein neues Werk in den musikalischen Metropolen
Europas - Paris, London und Wien - persönlich zu dirigieren. Neben den
zahlreichen Opern, einer Reihe von Liedern, dem Requiem und einigen
anderen geistlichen Kompositionen schrieb Verdi kaum andere Werke;
abgesehen von den Märschen und Ouvertüren seiner anfänglichen Laufbahn.
Sein einziges Streichquartett in e-Moll entstand
eigentlich auch nur aus einer Not heraus. Im Winter 1872/ 73 hielt er sich
in Neapel für die Proben zu Aida auf. Wegen der Erkrankung der
Sopranistin Teresa Stolz mussten die Proben verschoben werden und Verdi
komponierte zum Zeitvertreib dieses Streichquartett, das im letzten Satz
mit einer großangelegten Fuge; ähnliche dem Finale des Falstaff.
Giuseppe Verdi starb während eines Aufenthaltes in Mailand am 27. Januar
1901. Es wurde Staatstrauer verordnet, und seine Büste kam ins Kapitol
nach Rom. | |